Lokale Kultur

Exil-Autoren und ihre brennenden Bücher

Der Kirchheimer Literaturbeirat hat in der Stadtbücherei eine Lesung aus Werken einstmals verfemter Schriftsteller veranstaltet

Lesung zum Thema BŸcherverbrennung im Erdgeschoss der Kirchheimer StadtbŸcherei
Lesung zum Thema BŸcherverbrennung im Erdgeschoss der Kirchheimer StadtbŸcherei

Kirchheim. In der Stadtbücherei hat der Kirchheimer Literaturbeirat an die Bücherverbrennungen erinnert, die nationalsozialistische Studenten vor 79 Jahren in ganz Deutschland organisiert hatten. Bürgermeister Günter Riemer bezeichnete die Stadtbücherei zu Beginn der Veranstaltung als „einen wichtigen Ort des Buches in unserer Stadt“. – Verbrannt worden waren einstmals Werke von Autoren, die heute längst wieder ihren festen Platz in den öffentlichen Bibliotheken haben. Kaum nachvollziehbar ist es für Günter Riemer, dass es ausgerechnet Studenten waren, die sich unter dem unsäglichen Motto „Wider den undeutschen Geist“ in eine solche Kampagne hineinziehen ließen.

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Vor allem seien die Werke jüdischer Intellektueller ins Feuer geworfen worden. Es habe aber auch jeden anderen Schriftsteller treffen können, der dem Regime nicht passte. Den Nationalsozialisten sei es – in ihrem eigenen Jargon ausgedrückt – darum gegangen, „schädliche, unerwünschte und staatsgefährdende Literatur“ aus den Bibliotheken und aus dem Bewusstsein der Menschen zu entfernen. Das ist ihnen glücklicherweise nicht gelungen: Die einstmals verfemte Literatur immer wieder ins Bewusstsein zu bringen, ist das Ziel der Kirchheimer Lesungen, die an die Bücherverbrennungen erinnern.

Renate Treuherz vom Literaturbeirat erwähnte Helge Pross, die vor beinahe 50 Jahren bereits von der „geistigen Enthauptung Deutschlands“ gesprochen hatte – im Zusammenhang mit der Emigration von Intellektuellen und Wissenschaftlern während des „Dritten Reichs“. In Erinnerung an ein berühmtes Heine-Zitat zählte Renate Treuherz auch kurz Daten und Fakten auf: „1933 brannten Bücher, 1938 Synagogen, und schließlich brannten Millionen ermordeter Menschen.“ Den Zusammenhang zwischen der Verbrennung von Büchern und von Menschen hatte Heinrich Heine bereits 1821 vorausgesehen, also über hundert Jahre vor der NS-Bücherverbrennung.

Das eigentliche „Lesen gegen das Vergessen“ wurde musikalisch würdig von einer Streichergruppe des Ludwig-Uhland-Gymnasiums umrahmt. Kirchheimer Bürger lasen Prosatexte von sechs Autoren, deren Werke damals verbrannt wurden oder während der Nazi-Herrschaft zumindest auf dem Index standen.

Es begann mit Kindheitserinnerungen von Walter Benjamin an die Zeit um 1900 in der Großstadt Berlin. Aus Furcht, an Deutschland ausgeliefert zu werden, nahm Benjamin sich im September 1940 im katalanischen Grenzort Portbou das Leben.

Ein weiterer Schriftsteller, der im Exil freiwillig aus dem Leben schied, war Stefan Zweig. Nicht aus existenzieller Bedrohung oder materieller Not heraus setzte er im Februar 1942 im brasilianischen Petrópolos seinem Leben ein Ende, sondern weil er seine geistige Heimat für immer verloren glaubte. Außer mit dem Text „Georg Friedrich Händels Auferstehung“ aus seinen „Sternstunden der Menschheit“ wurde Stefan Zweig in der Kirchheimer Stadtbücherei mit dem Satz zitiert: „So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast.“

In Stefan Zweigs Heimatstadt Wien erlebte der spätere Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti im Juli 1927 den Brand des Justizpalasts. Dieses Ereignis, das ihn auch zur Arbeit an seinem wegweisenden Werk „Masse und Macht“ anregte, beschreibt er in dem autobiografischen Text „Die Fackel im Ohr“ folgendermaßen: als „das Nächste zu einer Revolution, was ich am eigenen Leib erlebt habe“. Er sei dabei zu einem Teil der Masse geworden und vollkommen in ihr aufgegangen – ein Phänomen, das für Massenbewegungen aller Art gilt.

Wie die zuvor genannten Autoren, musste auch Franz Werfel ins Exil gehen. Sein Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ kam 1934 in Deutschland auf den Index, weil die türkische Regierung gegen die Darstellung des Völkermords an den Armeniern protestierte. Das Thema ist bis heute hochbrisant und politisch aktuell.

Irmgard Keun trieb es zeitweise ebenfalls ins Exil. In ihrem Roman „Das kunstseidene Mädchen“ – der im „Dritten Reich“ verboten war, in jüngster Zeit aber zur Pflichtlektüre an baden-württembergischen Gymnasien avancierte – beschreibt sie die Zustände im Berlin der frühen 1930er-Jahre, also kurz vor Beginn der Nazi-Herrschaft.

Franz Kafka hat gleichfalls Werke hinterlassen, die heute Pflichtlektüre sind. In der Stadtbücherei war seine Erzählung „Der Traum“ zu hören – mit demselben Protagonisten wie in seinem Romanfragment „Der Proceß“. Kafka selbst starb bereits neun Jahre vor der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers. Allerdings sind seine drei jüngeren Schwestern allesamt in nationalsozialistischen Konzentrationslagern ums Leben gekommen.

Für diese biografischen Details zu Kafkas Familie war am Ende eines langen und mitunter auch langatmigen Leseabends zwar keine Zeit mehr. Aber trotzdem sind sie ebenso wichtig wie die Schriftsteller und ihre Werke, wenn es darum geht, gegen das Vergessen anzulesen.