Kirchheim

„Freifechter“ führte fast zum Aufruhr

Buchvorstellung Der Historiker Georg Wendt zählt in seiner Dissertation eine Vielzahl an Kuriositäten aus der Geschichte des Oberamts Kirchheim auf. Von Andreas Volz

Georg Wendt sprach im Oktober in Weilheim über „Die Affäre Schultheiss“ – einen Teil seiner Forschungsergebnisse, die seit Ende
Georg Wendt sprach im Oktober in Weilheim über „Die Affäre Schultheiss“ – einen Teil seiner Forschungsergebnisse,die seit Ende 2018 im Druck vorliegen. Fotos: Markus Brändli / Carsten Riedl

Es ist ein Schatzkästlein - voll mit ortsgeschichtlichen Perlen: Für seine Dissertation mit dem Titel „Legitimation durch Vermittlung“ ist Georg Wendt bis tief in die frühe Neuzeit vorgedrungen und hat eine Fülle von Geschichten und Anekdoten zutage gefördert, die klar aufzeigen, dass der Mensch zu keinem Zeitpunkt so edel, hilfreich und gut war, wie Goethe ihn sich idealerweise denken wollte.

Nun ist es nicht das oberste Ziel einer Doktorarbeit, die Leser zu unterhalten. Als Gute-Nacht-Lektüre eignet sich das Buch ganz bestimmt nicht. Auch der Untertitel dürfte einen eher geringen Kaufanreiz darstellen: „Herrschaftsverdichtung und politische Praxis in Württemberg am Beispiel von Kirchheim/Teck, Schorndorf und Steinheim/Murr (1482-1608)“.

Aber: Wer sich durch die Dissertationsprosa wühlt, stößt immer wieder auf „Menschliches, Allzumenschliches“, das an das pralle Leben erinnert. Eine Kostprobe davon hat Georg Wendt bereits im Herbst bei seinem Vortrag in der Weilheimer Peterskirche gegeben - als er von einem Streit aus den 1570er-Jahren berichtete, zwischen dem Weilheimer Amtmann Samuel Schultheiss und dem Pfarrer Johannes Scholl. Verwickelt in den Streit waren auch die Kirchheimer Vögte: Obervogt Hans von Remchingen und Untervogt Johann Pabst.

Vom Streit zwischen den Vögten ist im Buch immer wieder zu lesen. Anders als es die Amtsbezeichnung vermuten lässt, war der Obervogt nämlich schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts vom Chef der Verwaltung im Oberamt „herabgesunken“ zu einem Mann, dem überwiegend repräsentative Aufgaben zukamen. Die eigentliche Arbeit, die ohnehin der Untervogt erledigte, brachte dem namentlich Untergebenen immer mehr faktische Macht ein, da fast alle wichtigen Entscheidungen in seinem Kompetenzbereich lagen.

So kam es schon einige Jahre vor der Weilheimer „Affäre Schult­heiss“ zu Kompetenzgerangel zwischen Kirchheims Obervogt Hans von Remchingen und dem damaligen Untervogt Hans Hoffmann - einem bürgerlichen Emporkömmling, „der seinem Amt mit unbeirrtem Selbstbewusstsein nachkam“. Den Streit von Neujahr 1568 bezeichnet Georg Wendt als „Posse“. Es ging um einen „Freifechter“ aus Heidelberg, der das Volk in Kirchheim unter freiem Himmel mit seinem Artis­tenspektakel unterhalten wollte.

Ohne Wissen Remchingens hatte Hoffmann die Genehmigung erteilt. Als das Theater dann während des Kirchheimer Neujahrs­empfangs losging, griff der empörte Obervogt ein und ließ den Fechter kurzerhand verhaften. Mehrfach mussten anschließend die beiden Kirchheimer Bürgermeister Voigt und Stolz von Pontius zu Pilatus laufen, um zwischen Ober- und Untervogt zu vermitteln. Beide wollten aber nicht nachgeben und gefährdeten damit „die Funktionalität das Herrschaftssystems“. Würde Remchingen seine Androhung wahr machen und nun auch den Untervogt inhaftieren lassen, fürchteten die obersten Repräsentanten der Stadt sogar einen Aufruhr.

Dazu kam es in diesem Fall zwar nicht. Aber die Geschichte zeigt exemplarisch, wie schnell der Kredit, den die Herrschaft normalerweise in der Bevölkerung genießen konnte, durch ungebührli­ches Verhalten der Obrigkeit verspielt war.

In Kirchheim war es schon 1564 zum Skandal um das Korruptionsnetzwerk des „Kellers“ Silvester Eckher gekommen. Als einflussreicher städtischer Beamter war Eckher auch dann noch Herrscher über ein „Schweigekartell“, als seine Misswirtschaft längst aufgeflogen war. Zwar nutzte es Eckher nur bedingt, dass er „die Unstimmigkeiten in seinen Rechnungen mit Pragmatismus bei seiner Buchführung erklärte“. Aber es gelang letztlich nicht, die Machenschaften des Kartells komplett aufzudecken: Statt zum Tod wurde Eckher zu einer Geldstrafe und zu Hausarrest verurteilt.

Der Ruf der Württemberger

Als Repräsentanten der Herrschaft schädigten deren „Vermittler“ im Oberamt im Zweifelsfall auch den Ruf Württembergs. Und die Württemberger waren nicht von Anfang an voll legitimiert: Zunächst hingen die Ritter im Land eher dem Stammesherzogtum Schwaben als den aufstrebenden Grafen von Württemberg an. Später aber taten sich die Habsburger schwer, den vertriebenen Herzog Ulrich auch aus den Köpfen der Untertanen zu vertreiben.

Dabei entsprach Ulrich nicht immer dem Idealbild des gerechten Herrschers - wie schon Eberhard der Jüngere, sein Onkel und Vorgänger: Dieser ließ das Kirchheimer Dominikanerinnenklos­ter belagern, weil sich die Nonnen seinen selbstherrlichen Befehlen verweigert hatten. Damals - 1487/88 - musste ein ganz anderer die Ordnung und das Ansehen der Württemberger in Kirchheim wiederherstellen: Eberhards gleichnamiger Vetter, der vielgerühmte Graf Eberhard im Barte. Manchmal ist Herrschaft eben auch unmittelbar zu vermitteln.

Georg Wendt und die Kirchheimer Geschichte

Der Historiker Dr. Georg Wendt war frisch promoviert, als er im November 2016 Stadthistoriker und Leiter des Stadtarchivs in Aalen wurde. Seine Dissertation mit dem Titel „Legitimation durch Vermittlung“ ist Ende 2018 im Jan Thorbecke Verlag als Band 79 der Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde erschienen, hätte es aber verdient gehabt, deutlich sorgfältiger redigiert zu werden.

Kirchheim ist Georg Wendt seit Beginn seiner Forschungen verbunden: Über „Die Chronik der Magdalena Kremerin als Element spätmittelalterlicher Herrschaftsverdichtung“ referierte er schon bei der interdisziplinären Tagung im Mai 2013. vol

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