Kirchheim

Frieden bedeutet „harte Arbeit“

Volkstrauertag Gedenken auf dem Alten Friedhof gilt toten und vermissten Soldaten ebenso wie allen zivilen Opfern von Krieg und Gewalt. Von Andreas Volz

Weiße Rosen dienen als symbolischer Gruß für die zivilen Opfer des Nationalsozialismus, an die das Mahnmal auf dem Alten Friedho
Weiße Rosen dienen als symbolischer Gruß für die zivilen Opfer des Nationalsozialismus, an die das Mahnmal auf dem Alten Friedhof in Kirchheim erinnert.Foto: Mirko Lehnen

Hundert Jahre - zusammengefasst in einer knappen Stunde: So verlief gestern die Gedenkfeier zum Volkstrauertag auf dem Alten Friedhof in Kirchheim. Und so, wie diese Gedenkfeier nur eine von vielen war, so war auch jedes einzelne Opfer von Krieg und Gewalt eines von vielen - aber jedes einzelne Opfer auch eines zu viel.

„Vergangenes ist nicht vergangen, wenn jeder einzelne von uns sich erinnert“, sagte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker vor dem Kriegerdenkmal. Auch wenn sich nicht mehr viele persönlich an den Zweiten Weltkrieg und an den NS-Terror erinnern können, an unermessliches Leid, an Bombennächte, an Flucht und Vertreibung, bleibe es doch auch die Aufgabe späterer Generationen, am Frieden zu arbeiten: „Das ist harte Arbeit, im Suchen und Finden von Kompromissen.“

Auch die Kommunen würden heute aktiv am Frieden arbeiten, etwa in der Städtepartnerschaft: Am Sonntag zuvor hatte Angelika Matt-Heidecker gemeinsam mit ihrem französischen Kollegen in Rambouillet der Toten aus dem Ersten Weltkrieg gedacht - zum hundertsten Jahrestag des Kriegsendes. Aus der Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen sei nach dem Zweiten Weltkrieg die europäische Einigung hervorgegangen. Deshalb zitierte die Oberbürgermeisterin Jean-Claude Juncker, der das heutige Europa direkt mit den beiden Weltkriegen verknüpft, wenn er sagt: „Wer an Europa zweifelt, sollte Soldatenfriedhöfe besuchen.“ Das ist eine ebenso radikale wie heilsame Kur.

Zahlen von Opfern sind viel zu abstrakt - ob sie nun aus Kirchheim oder aus der Paten- und heutigen Partnergemeinde Bulkes stammen. Betroffen macht immer das persönliche Schicksal, sei es auch noch so verallgemeinert: Angelika Matt-Heidecker sprach unter anderem von den Vermissten, über deren genaues Ende nie jemand etwas erfahren hat. Für sie gab es kein Grab, auch nicht auf weit entfernten Soldatenfriedhöfen: „Ihre Familien hatten keinen Ort zum Trauern. Geblieben ist ihnen nur ein Bild, an der Wand oder auf dem Büffet im Wohnzimmer.“

Heute hat sich das Gedenken zum Volkstrauertag gewandelt. Es geht nicht nur um die toten oder vermissten Soldaten aus den beiden Weltkriegen. Es geht auch um die vielen zivilen Opfer von Krieg, Gewalt und Rassenwahn, wie die Oberbürgermeisterin ausführte: „Wir gedenken der Opfer aller Völker.“ Dazu gehören auch die vergewaltigten Frauen: „Opfer in allen Kriegen - Opfer auf allen Seiten.“ Und dazu gehören eben auch „die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage“.

Ein prominentes Opfer nationalsozialistischen Terrors war der Schriftsteller Erich Mühsam. Sein Gedicht „Barbaren“, geschrieben im September 1915, gehörte zu den Texten, die Schüler des Ludwig-Uhland-Gymnasiums gestern vortrugen. Mühsams Text erinnert an apokalyptische Schilderungen von Andreas Gryphius aus dem 30-Jährigen Krieg, kommt aber zu einem ganz eigenen Schluss, der den Irrsinn des Kriegs am jeweiligen Kultur-Chauvinismus festmacht: „Blut tropft und Jammer von den Firmamenten. / Und jeder schmäht die andern als Barbaren.“

Das Ächten der anderen als „Barbaren“ gehört zu den vielen Lügen, mit denen junge Menschen schon immer in Kriege und damit auch so häufig in den Tod getrieben wurden. Wenn dann auch noch der US-Präsident aus den Abrüstungsabkommen aussteige, sei sie plötzlich wieder ganz aktuell, die Angst vor dem Krieg, stellte Angelika Matt-Heidecker fest.

Musik als Zeichen der Versöhnung

Zu spüren war das, als bei den abschließenden Klängen der Stadtkapelle ein Kleinflugzeug seine Kreise über dem Alten Friedhof zog: Das machte deutlich, wie schnell es geht, dass Motorengeräusche - wenn auch ziviler Natur - Harmonie und Frieden der Musik stören. Dafür aber war die Musik ihrerseits ein Zeichen der Versöhnung, denn die Stadtkapelle hatte unter anderem englische Musiktitel im Programm. Der Sing Out Chor sang gestern sogar seine beiden Beiträge auf Englisch - also in der Sprache einstiger Feinde aus den Weltkriegen.

Ebenfalls sehr versöhnlich war die anschließende Geste der Gedenkstundenteilnehmer: Mit weißen Rosen gingen sie vom Kriegerdenkmal zum Mahnmal für die zivilen Opfer des Nationalsozialismus, um die symbolträchtigen Blumen dort unter Klezmer-Klängen anzubringen - ganz im Geist eines Zitats von Theodor Heuss: „Sorgt ihr, die ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibe, Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern.“

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