Lokale Kultur

Gedankenaustausch zweier Wort-Virtuosen

Mitreißende Annäherung und Verneigung vor Werk und Arbeit von Hermann Hesse und Thomas Mann

Kirchheim. Eine gelungene Inszenierung erlebten die Besucher der jüngsten literarischen Begegnung im Buchhaus Zimmermann. Rudolf Guckelsberger und Bernhard Schregle hatten sich der dankbaren

Anzeige

WOLF-DIETER TRUPPAT

Aufgabe verschrieben, dem Publi­kum mit Hermann Hesse und Thomas Mann zwei der wichtigsten Vertreter der deutschen Literatur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorzustellen.

Die in persönlichen Briefen aufgezeigte und nachvollziehbar sich entwickelnde Geschichte einer von großer Wertschätzung getragenen freundschaftlichen Zuneigung basiert auf einer fast schon schwärmerischen, aber immer auch kritischen Bewunderung der gegenseitigen Arbeit. Sie entwickelt sich dabei wie von selbst – von der ersten Begegnung bis hin zum zuletzt immer häufiger in den versendeten Briefen angesprochenen Tod. Immer persönlicher und intensiver entwickelt sich die zugleich auch von großem Respekt geprägte Freundschaft, die aber bis zuletzt nie die Intimität des „Du“ in der Anrede erleben soll.

Rudolf Guckelsberger und Benedikt Schregle, beide Rundfunk-Profis und erfolgreiche Absolventen des Fachbereichs Sprecherziehung und Sprachgestaltung an der Musikschule Stuttgart, lasen aber nicht nur Texte vor, sie waren vielmehr die beiden „Brüder im Geiste“, deren mit großer Sorgfalt stimmig ausgewählte Briefe sie meisterhaft rezitierten und damit als die Kleinode zu Wirkung kommen lassen konnten, die sie ja auch sind.

Grundlage ihrer gelungen inszenierten Hommage zweier bedeu­tender Autoren war dabei die als Taschenbuch vorliegende und von Volker Michels überarbeitete, aktualisierte und komplettierte Ausgabe „Hermann Hesse/Thomas Mann: Briefwechsel“.

Die getroffene Auswahl zeichnete ein sehr interessantes Bild zweier großer Persönlichkeiten, die unter­schiedlicher eigentlich kaum hätten sein können und sich doch auch sehr nahe sind „in ihrer politischen Klarsicht, demokratischen Klugheit und staatsbürgerlicher Moral“.

Rolf Michels greift sicher nicht zu hoch, wenn er über den nicht allzu bekannten aber hochinteressanten Briefwechsel zwischen Hermann Hesse und Thomas Mann schreibt: „Hier findet eine der bedeutendsten geistigen und politischen Auseinandersetzungen statt über das in die Diktatur, den Krieg und die Barbarei treibende Deutschland“.

In ihrer Begrüßung wies Geschäftsführerin Sibylle Mockler da­rauf hin, dass sowohl Herrmann Hesse als auch Thomas Mann Träger des Nobelpreises für Literatur sind. Beide blicken auch auf eine „abgebrochene schwierige Schülerkarriere zurück“, womit die Gemeinsamkeiten schon wieder enden. Hesse, der vom schwäbischen Pietismus beeinflusste Missionarssohn aus Calw, sei „zeitlebens ein eher introvertierter, bescheidener und fast schon asketisch lebender Mensch“ gewesen. Thomas Mann aber das genaue Gegenteil: „Ein norddeutscher Großbürger, Senatorensohn aus Lübeck, extrovertiert und sehr auf seine öffentliche Selbstinszenierung bedacht“. Von Herkunft, Wesen und Ausstrahlung her höchst unterschiedlich, entwickelte sich zwischen beiden Literaten aber über die Jahre eine zunehmend enge Freundschaft, die laut Thomas Mann „aus Verschiedenheit so gut ihre Nahrung bezog wie aus Ähnlichkeiten“.

Nicht nur Hesses Todestag, der sich am 9. August zum fünfzigsten Mal jährt, war dabei Anlass für dieses höchste Erwartungen erfüllende literarische Ereignis, sondern die wenigen Tage, die Hesse mit seinen Studentenfreunden im August des Jahres 1899 in Kirchheim verlebt und sich während dieses kurzen Aufenthalts in Julie Hellmann, die Nichte des damaligen Kronenwirts verliebt hatte. Verglichen mit Nürtingen und „seinem“ Hölderlin sei die in der Erzählung „Lulu“ literarisch verarbeitete Liebelei unbeschwerter Sommertage ein vergleichbar bescheidenes Ereignis, doch solle man durchaus auch der von Hesse porträtierten Kastanienstadt „etwas Glanz gönnen“.

Rudolf Guckelsberger und Benedikt Schregle gelang tatsächlich eine großartig ausgewählte und vorgestellte Collage aus eingespielter Musik, interessant zusammengestellter und kommentierter Briefe sowie virtuos ineinander verschlungener literarischer Texte der beiden Meister des geschriebenen Wortes, die nicht nur herausragende Literaten, sondern auch zwei hochinteressante Persönlichkeiten waren – trotz ihrer frühen schulischen Schwierigkeiten . . .