Kirchheim

Genossenschaften haben Zukunft

Jubiläum Die Kreisbaugenossenschaft Kirchheim-Plochingen besteht seit 100 Jahren. Mirja Dorny wagt einen Ausblick, wie Wohnen und Verwalten in zehn Jahren aussehen. Von Iris Häfner

Die Kreisbau ist fester Bestandteil in Kirchheim. Viele Wohnungen werden von der Genossenschaft verwaltet.  Fotos: Markus Brändl
Die Kreisbau ist fester Bestandteil in Kirchheim. Viele Wohnungen werden von der Genossenschaft verwaltet. Fotos: Markus Brändli

Das mit dem Blick in die Zukunft ist so eine Sache. Mirja Dorny hat es mutig gewagt, bei der Hauptversammlung der Kreisbaugenossenschaft Kirchheim-Plochingen, die dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Sportlich hat sich die einstige Bundesliga-Kickerin aus Bochum, die beim Spar- und Bauverein Solingen arbeitet, die Region erschlossen. Sie hat das lange Wochenende genutzt und sich den Neckar radelnd erkundet. „So habe ich auch schon Plochingen kennengelernt“, verriet sie in ihrer kurzen Vorstellung.

Ohne viel Federlesens begann sie ihren mit bunten Bildern untermalten futuristischen Vortrag „Die Genossenschaften im Jahr 2027“. Eine junge Frau, die eine Wohnung für Freunde sucht, hat einen Albtraum: Fliegende Autos umschwirren Hochhaus-Fassaden, am Telefon hört sie ausschließlich Roboter-Stimmen. Sie landet in der Endlos-Schleife und steckt hoffnungslos im Pseudo-Service fest.

Dem stellt sie eine weitaus positivere Welt entgegen, in deren Mittelpunkt die „Mühe und Fleiß eG“ als verlässlicher Ansprechpartner steht. Dort arbeiten echte Menschen in verschiedenen Ressorts, sei es bei Vermietung, Technik oder Finanzen. Auch Auszubildende gibt es. Die Fußballspielerin spricht lieber vom Team als von Abteilung. Es gibt kein „Dafür bin ich nicht zuständig“, denn schließlich kann eine Abwehrspielerin, die vor dem Tor steht, auch ein solches schießen. Von 8 bis 18 Uhr gibt es einen Ansprechpartner, einer ist immer vor Ort - und das bei flexiblen Arbeitszeiten ohne Zeitkonten, denn es besteht ein Vertrauen in die Mitarbeiter. Auch bei den Urlaubstagen gibt es keine Vorgaben, das wird teamintern geregelt. Das leicht ungläubige Staunen unter den Zuhörern wird bei den weiteren Ausführungen intensiver. „Es gibt Diensträder und einen Radverleih für die Mitglieder der Genossenschaft, Autos nur noch in überschaubarem Maß, denn die stehen mehr, als dass sie fahren, weshalb es einen Pool gibt“, erklärt Mirja Dorny. Der Chef erledigt alle Dienstreisen mit der Bahn - die in zehn Jahren selbstverständlich pünktlich ist und nach Fahrplan fährt. Während der Fahrt kann er am Mobilgerät arbeiten und ist jederzeit telefonisch für seine Mitarbeiter erreichbar. Auto und Flugzeug braucht er nicht. Für Bewegungsmuffel gibt es den „Genokopter“. Der fliegt ferngesteuert im Quartier umher, macht Luftaufnahmen und schaut so nebenbei auch nach Fassadenschäden.

Die Genossenschaft unterstützt kulturelle Projekte und ist von der Selbstverwaltung zur Selbstgestaltung übergegangen. „Walk and Talk: Der persönliche Kontakt ist wichtig“, sagt Mirja Dorny. Wer aus Alters- oder Gesundheitsgründen nicht bei der Hauptversammlung dabei sein kann, ist dank Livestream in der Wohnung am Fernseher dabei, denn das Tablet erhält jeder Mieter kostenlos und kann somit online abstimmen.

Auch an Insekten ist gedacht

Auch an die Kinder ist gedacht. Die sollen schließlich nicht nur am Mobiltelefon rumhängen, sondern auch an der Reckstange. Deshalb gibt es auch keine Schilder mehr, die den Kleinen das Spielen im Hof oder auf dem Rasen verbieten. Mitten in der Stadt finden Wildbienen & Co. Nahrung und Unterschlupf - den mit Blumenmischungen eingesäten Freiflächen, Insektenhotels und Nistkästen sei Dank.

Die Briefkastenfirmen auf den Cayman Islands, die nur den maximalen monatlichen Gewinn aus ihren Immobilien in Deutschland herausholen wollen, haben keine Chance mehr. Wohnen ist ein Sozial- und Wirtschaftsgut - es ist ein existenzielles Gut, an dem keiner vorbei kommt. Die Genossenschaften haben authentische Ansprechpartner. „Wir sollten den Mut haben, Ideen zu entwickeln - frei nach dem Motto: Sch. . . drauf, lass es uns probieren“, rät die Referentin.

100 Jahre Kreisbau, Gebäude der Kreisbau Genossenschaft
100 Jahre Kreisbau, Gebäude der Kreisbau Genossenschaft
100 Jahre Kreisbau, Gebäude der Kreisbau Genossenschaft
100 Jahre Kreisbau, Gebäude der Kreisbau Genossenschaft
100 Jahre Kreisbau, Gebäude der Kreisbau Genossenschaft
100 Jahre Kreisbau, Gebäude der Kreisbau Genossenschaft
Mirja Dorny im Gespräch mit Bernd Weiler, Sprecher des Vorstands der Kreisbaugenossenschaft Kirchheim-Plochingen.
Mirja Dorny im Gespräch mit Bernd Weiler, Sprecher des Vorstands der Kreisbaugenossenschaft Kirchheim-Plochingen.
Anzeige