Kirchheim

Geschwätz mit „Wilden Schwestern“

Weltfrauentag In der Kirchheimer Alleenschule wird das Theaterstück „Hinterhof“ uraufgeführt. Frauen aus aller Welt feiern während der Frauenkulturtage ein fröhliches Fest mit Musik und Theater. Von Andrea Barner

Von wegen weibliche Solidarität: Beim Hinterhof-Getratsche wird teils böse gemobbt.Foto: Günter Kahlert
Von wegen weibliche Solidarität: Beim Hinterhof-Getratsche wird teils böse gemobbt. Foto: Günter Kahlert

Hülya Kambir ruft ins Publikum: „Willkommen zum Weltweiberdag.“ Zum Frauenfest in der Aula der Alleenschule sind etwa hundert Frauen gekommen, und auch eine Handvoll Männer hat sich in die Höhle der Löwinnen gewagt. Der Abend wird fröhlich eingeleitet mit Musik und gipfelt in der Premiere von „Hinterhof“, dem neuen Theaterstück der „Wilden Schwestern“. Das interkulturelle Ensemble hat es extra zum Frauenfest getextet und geprobt.

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Hülya Kambir ist Mitglied im Kirchheimer Integrationsrat. Sie würdigt den Weltfrauentag als „Tag der erreichten und noch nicht erreichten Ziele“. In ihrer Begrüßungsrede stellt sie fest: „In Deutschland haben Frauen seit 100 Jahren das Wahlrecht, doch von Gleichstellung sind die Frauen weit entfernt.“ Die Rede ist kurz, im Mittelpunkt des Abends stehen die „Wilden Schwestern“.

Die haben wieder einmal „zugeschlagen“ mit ihrem jüngsten Werk. „Wir erfinden die Stücke selbst“, sagt Regisseurin Katja Schuler. „Auch das neue Stück basiert auf einer realen Geschichte, die einer Frau aus unserem Team tatsächlich passiert ist.“ Es geht um die aus Syrien geflohene Houdha, die mit ihren zwei Kindern in ein Mietshaus zieht. Es ist ein „ehrenwertes Haus“, wie es Udo Jürgens einst besungen hat. Einige Mitbewohnerinnen streuen üble Gerüchte über die alleinerziehende Mutter, klagen über Krach und „fremde Gerüche“ im Haus. Letztlich unterstellen sie Houdha nicht nur ein „Lotterleben“, sondern sogar, dass sie das Regiment im Wohnblock übernehmen will, wenn erst mal ihre gesamte Verwandtschaft nachgezogen ist. Besonders das Thema „Müllsortierung“ wird genau unter die Lupe genommen. Houdha trennt ihren Müll korrekter als die Tratschweiber, aber die mobben die Fremde, wo sie nur können. „So geht es nicht weiter“, wiegeln sich die Hausbewohnerinnen gegenseitig auf und sonnen sich in ihren Klischees. Gute Worte der weniger militanten Hausbewohnerinnen bewirken nichts, am Ende schreit sich die verzweifelte Houdha lautstark ihren Frust von der Seele: „Ich bin ein Mensch!“

Mit spitzer Feder geschrieben hat das Theaterstück Katja Schuler, doch die Schauspielerinnen arbeiten ihre Monologe teilweise selbst aus. Geprobt wird seit dem Sommer wöchentlich, in der Endphase vor der Aufführung sogar öfter. „Manche kommen direkt von der Arbeit zur Probe. Das ist schon eine Leistung, was sie so nebenher machen“, zollt Katja Schuler den „Wilden Schwestern“ Respekt. Eine der neun Mitspielerinnen reist jeden Freitag extra aus Stuttgart an. Für „Hinterhof“ gibt es noch keine weiteren Auftrittstermine, „aber wenn Anfragen kommen, dann machen wir das schon. Dann lohnt sich auch der Aufwand.“

Das interkulturelle Frauenfest veranstalten Amnesty international, der Arbeitskreis Asyl, die Beratungsstelle für Flüchtlinge Chai, die Familien-Bildungsstätte und das Kirchheimer Frauenhaus. Auf dem Programm steht nicht nur ein Buffet mit Speisen aus verschiedenen Ländern wie Reisbällchen, Falafel und süßes Gebäck.

Vor dem Theaterstück steht die Projektgruppe „Mein Lied, dein Lied“ auf der Bühne. 13 Frauen rezitieren „Imagine“ von John Lennon und „Blowin‘ in the wind“ von Bob Dylan. Die Texte sind zu hören in afghanischer Sprache, Koreanisch, Arabisch, Tamilisch, Russisch, Persisch, Englisch und Deutsch. Ähnlich wie bei den „Lyrics“-Veranstaltungen des SWR werden die Songtexte musikalisch untermalt und am Ende in Englisch noch mal in voller Länge gesungen und gespielt. Der ganze Saal singt mit. Ein gelungenes Fest zum Weltfrauentag. Es bringt Frauen vieler Kulturen zusammen, viele Sprachen, Frauen in Jeans und Pulli, mit und ohne Kind, im traditionellen Sari, muslimische Frauen mit verhüllendem Kopftuch. Katja Schuler, die „Mutter“ der Theaterkompanie Wilde Schwestern appelliert an alle: „Hört nicht auf, nachzudenken. Das wünschen wir uns hier in Kirchheim.“