Kirchheim

Gleich nach der Wahl bilden sich die Blöcke

Kriegsende Die Sozialdemokratie dominiert 1919 in Württemberg, das bürgerliche Lager ist gespalten. Die Ernährungslage bleibt weiterhin angespannt. Von Andreas Volz

Im Rathaus tagt 1919 nicht nur der „Stadtvorstand“, sondern nach wie vor auch der Arbeiter- und Soldatenrat.Foto: Carsten Riedl
Im Rathaus tagt 1919 nicht nur der „Stadtvorstand“, sondern nach wie vor auch der Arbeiter- und Soldatenrat.Foto: Carsten Riedl

Die „Agitation“ hat sich ausgezahlt für die Sozialdemokraten: Im Oberamt Kirchheim kommen sie am 12. Januar 1919 bei der Wahl zur Landesversammlung auf 48,3 Prozent. Nur gut die Hälfte davon kann die Deutsche demokratische Partei für sich verbuchen - obwohl sie seit der Revolution im November den meisten „Wirbel“ im Teckboten veranstaltet hatte. Nennenswerte Ergebnisse erzielen noch die Bürgerpartei und der Bauernbund, die nahezu gleichaufliegen.

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Anders sieht es in der Stadt Kirchheim aus: Rechnet man die Bürgerpartei hinzu, überflügelt das bürgerliche Lager die Sozialdemokratie. Das Ergebnis im Land spiegelt die Verhältnisse der Stadt wider: Von 150 Sitzen gehen 52 an die Sozialdemokratie. Mit 38 Sitzen folgt die Deutsche demokratische Partei auf Rang zwei. Die 31 Sitze der Zentrumspartei zeigen, dass der Anteil katholisch orientierter Wähler im Land höher ist als in und um Kirchheim. Die verbleibenden 29 Sitze in der Landesversammlung teilen sich die Württembergische Bürgerpartei, der Württembergische Bauernbund sowie der Württembergische Weingärtnerbund und die USPD.

Das Wahlergebnis veröffentlicht der Teckbote am Montag, 13. Januar 1919. Die „Agitation“ geht weiter, denn am Sonntag steht die Wahl zur Nationalversammlung an. Wieder legt sich die Deutsche demokratische Partei ins Zeug. Bedenklich - im Blick auf den Beginn des Zweiten Weltkriegs - stimmt die Forderung, „unsere deutschen Brüder in den Grenzgebieten vor Vergewaltigung“ zu schützen. Übergriffe im Osten werden 1939 hochgespielt, um einen Grund für den Überfall auf Polen vorzuweisen.

Dennoch wäre es falsch, die Deutsche demokratische Partei als rechtsnational zu bezeichnen: Am 17. Januar 1919 werfen Bürgerpartei und Bauernbund den „Demokraten“ sogar in einer gemeinsamen Anzeige „Verrat am Bürgertum“ vor - weil sie angeblich mit den Sozialdemokraten einen „Linksblock“ bilden wollen. Die unterzeichnenden Parteien werben deshalb ihrerseits für einen „starken Rechtsblock“.

„Zum Wohle der Gesamtheit“

Die Sozialdemokratie muss sich dagegen nicht in interne Grabenkämpfe stürzen und erklärt sich deshalb am 16. Januar 1919 zur Frauenpolitik. Jeder rechtliche Unterschied zwischen Männern und Frauen soll verschwinden - „nicht nur im Interesse der Frau, sondern aus der Ueberzeugung heraus, daß die Gleichstellung der Frau zum Wohle der Gesamtheit geschieht und damit auch im Interesse des Mannes selbst liegt“.

Nicht alles dreht sich in der Woche zwischen den beiden Wahlen um die „große“ Politik: Am 15. November 1919 gibt es einen Bericht über den Arbeiter- und Soldatenrat, der nach wie vor gemeinsam mit dem „Herrn Stadtvorstand“ die Geschicke Kirchheims lenkt. Der Rat stellt zum „Stand unserer Ernährungsverhältnisse“ fest: „Durch die Transportschwierigkeiten und den Wegfall jeglicher Einfuhr aus Rußland und Rumänien kann die Lage nicht ernst genug bezeichnet werden.“ Ein weiteres Thema sind die Notstandsarbeiten. „Die Projekte der Stadt werden für lange Zeit Gelegenheit zur Beschäftigung geben“, heißt es da.

An einem ganz anderen Punkt tritt in Kirchheim schon fast so etwas wie Normalität ein. Am 13. Januar 1919 steht im Teckboten: „Nachdem wir infolge der Auflösung der Bataillonsmusik längere Zeit ohne Promenadekonzert waren, hat gestern vormittag die hiesige Stadtkapelle, die neu zusammengestellt ist und eine gute Besetzung aufweist, auf dem Marktplatz unter der Leitung von Herrn Musikdirektor Schneider konzertiert und sich damit gut eingeführt.“