Kirchheim

Gräben beim Tempolimit bleiben

Verkehr Die Absage der Regierung an eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen ändert nichts an den unterschiedlichen Positionen. Von Bianca Lütz-Holoch

Foto: Carsten Riedl

Es ist nicht das erste und wohl auch nicht das letzte Mal, dass eine Diskussion um ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen entbrennt. Zwar scheint das Thema vorerst wieder vom Tisch: Die Bundesregierung hat einer generellen Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 Stundenkilometern eine Absage erteilt. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Ansichten dazu nach wie vor geteilt sind.

Zwar können Städte und Gemeinden auf solche bundespolitischen Entscheidungen keinen Einfluss nehmen. Meinungen haben deren Vertreter aber schon. Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker etwa hält ein Tempolimit für richtig, vor allem wegen der Emissionen. In der Vergangenheit hatte sie versucht, auf der A 8 bei Kirchheim eine Geschwindigkeitsbegrenzung zu erreichen, aber nur Absagen erhalten - sowohl von den Behörden, weil kein Unfallschwerpunkt vorliegt, als auch von politischer Seite.

Ein Tempolimit muss aus Holzmadener Sicht nicht unbedingt sein. „Fakt ist aber: In Holzmaden ist es zu laut, und das beeinträchtigt unsere Wohnqualität“, sagt Bürgermeisterin Susanne Irion. „Jeder Bürger, der nachts wegen Lärm wach liegt, ist ein Bürger zu viel.“ Problematisch seien vor allem die alten Betonplatten auf der A 8 bei der Urweltgemeinde. „Alternativ oder ergänzend sind wir daher auch für einen lärmarmen Fahrbahnbelag offen“, sagt sie.

Mit dem Thema befasst haben sich auch die Kirchheimer Bundestagsabgeordneten. Michael Hennrich (CDU) hält es für richtig, dass sich die Bundesregierung gegen ein Tempolimit positioniert hat. „Man muss ja nicht über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird“, sagt er. Den CDU-Abgeordneten hat zuletzt das „dumpfe Gefühl“ beschlichen, dass Automobilität und individuelles Fahren immer mehr in eine Art „Schmuddelecke“ gestellt werden. „Da wäre ein Tempolimit jetzt ein falsches Signal - besonders in unserer Region.“ Schon jetzt gebe es genügend Möglichkeiten, Geschwindigkeitsbegrenzungen einzuführen, wo es aus Umwelt-, Lärm- oder Sicherheitsgründen nötig ist. „Der Beitrag für den Klimaschutz ist Untersuchungen zufolge ohnehin gering.“

„Dass die Union jetzt ein Tempolimit vorschnell und kategorisch ablehnt, halte ich für einen Fehler“, sagt Nils Schmid (SPD). Er rät dazu, den vollständigen Bericht der Verkehrskommission abzuwarten und sich genau anzuschauen, welche Maßnahmen dem Klima im Gesamtpaket nützen. Ein wichtiges Argument ist aus seiner Sicht, dass ein Tempolimit Leben retten könnte: „Die Zahl der tödlichen Unfälle ist gerade bei hohen Geschwindigkeiten stark überdurchschnittlich“, sagt er. Ohnehin klinge Tempo 130 eher nach einem Versprechen als nach einer Drohung: „In weiten Teilen der Region und zu den Hauptverkehrszeiten wären die Autofahrer froh, wenn sie 130 Stundenkilometer erreichen könnten.“

Genau das spricht auch Renata Alt (FDP) an. Sie zieht daraus jedoch andere Schlüsse: „Die Realitäten auf der Autobahn machen ein generelles Tempolimit unnötig.“ Die Durchschnittgeschwindigkeit aller Autos auf deutschen Autobahnen betrage gerade mal 117 Stundenkilometer. „Daher plädiere ich für dafür, geltende Geschwindigkeitsbegrenzungen an Unfallschwerpunkten oder Gefahrbereichen wie Baustellen konsequenter zu kontrollieren und zu ahnden“, so Alt. Was den Klimaschutz angeht, so wäre aus ihrer Sicht eine Diskussion über zukünftige Antriebe effektiver.

„Ungeheuerlich“ findet Mathias Gastel (Grüne) die Aussage von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), eine Geschwindigkeitsbeschränkung sei gegen jeden Menschenverstand. „Es wird Zeit, dass der gesellschaftliche Mehrheitswille nach einer Höchstgeschwindigkeit sich auch politisch durchsetzt“, so Gastel. Mithilfe eines Tempolimits könne es gelingen, die Treibhausgasemissionen auf den Autobahnen um neun Prozent zu senken - „und das kostenlos, simpel umsetzbar und sofort wirksam“. Zudem erhöhe sich die Sicherheit: „Über 400 Menschen starben im vorletzten Jahr bei Unfällen auf Autobahnen“, gibt er zu bedenken: „Viele von ihnen würden heute noch leben, hätte es ein Limit gegeben.“

Eine Umfrage auf der Homepage des Teckboten hat ein bislang eindeutiges Ergebnis hervorgebracht: 90 Prozent der mehr als 2000 Teilnehmer finden es gut, dass das Thema Tempolimit auf Autobahnen wieder vom Tisch zu sein scheint. Nur neun Prozent halten Tempo 130 für ausreichend. Klare Meinungen gab es auch bei einer Umfrage in der Kirchheimer Innenstadt.

 

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