Lokale Kultur

Grandiose Homogenität

Faszinierendes Konzert des Notos-Quartetts in der Kirchheimer Stadthalle

Kirchheim. Wo hat man je Klavier-Kammermusik, die nicht auf historischen Instrumenten gespielt wird, in solch klanglicher Homogenität

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Martin Brost

gehört? Dem Notos-Klavierquartett gelang in Kirchheim die Quadratur des Kreises. Seit ihrem ersten fulminanten Auftritt in Kirchheim vor zwei Jahren und seit der Drucklegung des Kulturring-Jahresprogramms wurde offenbar die Bratschenstelle ausgewechselt – das Streichtrio spielte jetzt in der Besetzung Sindri Lederer, Violine, Kyoungmin Park, Viola, und Florian Streich, Violoncello. Bildet schon dieses Trio eine solche Einheit, dass die Instrumente oft klanglich kaum zu unterscheiden sind, so gelingt der Pianistin Antonia Köster das Unglaubliche: Sie definiert die seit Mozarts Ursprungswerken für diese Gattung übliche dominant-konzertierende Rolle des Klaviers neu. Es gelingt ihr eine derartige Dominanz von innen heraus, von der jegliche Konzertattitüde abgefallen ist und die – so paradox das klingen mag – dazu führt, dass man auf weite Strecken das Ensemble in einer Homogenität hört, als hätte man ein Streichquartett vor sich, das Klavier als Vierter im Bunde der Streicher und nicht ihr Widerpart. Man fragt sich staunend, wie der Pianistin das gelingt bei derart voluminösen Klavierparts wie bei Brahms‘ Klavierquartett opus 60 und dem entsprechenden opus 13 von Richard Strauss.

Es ist also kein Wunder, dass das junge Ensemble mit dem poetischen Namen „Notos“ (= Südwind) bereits fraglos zur Spitzenklasse zu zählen ist und entsprechend viele Auszeichnungen einheimst. Angesichts des allerdings relativ schmalen Repertoires großer Meister für diese Besetzung kommt der Werkauswahl große Bedeutung zu. Für das Kirchheimer Konzert muss man sie als gelungen bezeichnen, aber leider war sie mit dem peinlichen Versehen behaftet, dass im Programmheft die Reihenfolge von Brahms und Strauss falsch angegeben war. Die Werkauswahl für dieses Konzert lässt eigentlich keine andere Möglichkeit zu, als Strauss an den Schluss zu stellen. Den Auftakt bildete Beethovens eigene Bearbeitung seines Klavierquintetts mit Bläsern opus 16.

Alle drei Werke verbindet ihre ähnliche Stellung innerhalb des Schaffens der Komponisten: Sie stehen als Frühwerke am Anfang ihres Wegs zu ersten großen Werken der Sinfonik. Zudem zeigen die beiden Werke der Romantiker unverkennbar autobiografische Züge. Im Fall des 23-jährigen Brahms handelte es sich, wie er 20 Jahre später offen bekennt, um seine „Werther“-Periode, die nur mit seinem ihn zutiefst berührenden Verhältnis zu Clara Schumann zu tun haben kann. Im Fall des 19-jährigen Richard Strauss war es lediglich ein jugendliches Liebesabenteuer, das ganz andere seelische und musikalische Folgen zeitigt als bei Brahms. Dieser jugendliche „Geniestreich“ von Strauss ist zugleich seine musikalische Auseinandersetzung mit Brahms, dessen Musik er später verachtet hat. Unter diesen Aspekten erwies sich die Programmauswahl als durchdacht, in sich schlüssig und zugleich sehr kontrastreich.

Leidenschaftliche und opulente Tongebung bei den Streichern prädestinieren sie geradezu für die beiden hochromantischen Hauptwerke des Abends, aber sie geriet nie zur Selbstdarstellung, auch nicht bei den großen Solostellen wie der innigen Cello-Kantilene im langsamen Satz von Brahms oder den Bratschensoli bei Beethoven und Brahms, sondern stand im Dienst der Gesamtkonzeption. Die Fähigkeit zu großer Tongebung verleitete auch nicht zu überladener Interpretation des Beethoven-Werks, das ja immer noch die Nähe zum hochklassischen Geist Mozarts spüren lässt. Der Zug ins Grandiose dagegen bei den Themen von Strauss bekam so den notwendigen überwältigenden hymnischen Duktus. Die sinfonische Satzanlage bei Brahms und Strauss verlangt häufig Doppel- und Tripelgriffe heikelster Art, die bei der technischen Brillanz der Spieler klangen, als ob ein ganzes Orchester hinter ihnen stünde, ganz zu schweigen von der völlig makellosen rhythmischen Präzision und Sicherheit, mit der heikelste Scherzo-Passagen in den romantischen Werken bewältigt wurden.

Technisch wie musikalisch blieben keine Wünsche offen, besonders nicht beim Geniewerk von Strauss, es sei denn, man wünschte sich die ergreifenden Stellen voller Resignation in Brahms‘ Werther-Werk noch viel fahler und trostloser. Das Faszinierendste am jungen Notos-Ensemble aber ist seine bereits ausgereifte Fähigkeit, riesige musikalische Bögen zu spannen. Und das Geheimnis seines Erfolgs könnte in der einmaligen Homogenität der Streicher liegen sowie in der Konzentration aller auf das Werk.

Diese Konzentration kristallisiert sich in der Person der völlig unprätentiös auftretenden Pianistin Antonia Köster. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen, von ihr gehen kaum sichtbare, aber hörbare Impulse aus, die alle inspirieren. Einfach großartig, mit welcher Präsenz sie blitzartig zwischen sinfonischem Duktus und kammermusikalischer Zurückhaltung hin- und herwechseln kann; und einfach zauberhaft, welch ungeheure Palette von Klangfarben ihr zur Verfügung stehen – gar nicht zu reden von ihrer technischen Brillanz, die man fast nur nebenbei wahrnimmt, weil sie diese ganz in den Dienst des Ausdrucks stellt.

So geriet der Abend zu einer Sternstunde des Kirchheimer Musiklebens, und die jungen Künstler verabschiedeten sich mit einem „Schmankerl“, aber voller Tiefe, mit dem langsamen Satz aus Schumanns Klavierquartett. Man kann nur wünschen, das Notos-Quartett bald wieder in Kirchheim erleben zu dürfen.