Lokale Kultur

Grellbuntes Streifendisplay

Steffen Schlichters Rauminstallation „Wände“ ist in der Städtischen Galerie im Kornhaus zu sehen

Auf der 15 Meter langen Rückwand des Kornhauses sind 766 CD-Rohlinge angebracht, die in Regenbogenfarben schillern.Foto: Markus
Auf der 15 Meter langen Rückwand des Kornhauses sind 766 CD-Rohlinge angebracht, die in Regenbogenfarben schillern.Foto: Markus Brändli

Kirchheim. „Aus der Hüfte, einfach drauf“: So lautet das Motto des in Kirchheim lebenden Künstlers Steffen Schlichter, der für die Städtische

Anzeige

Galerie im Kornhaus eine Rauminstallation mit dem Titel „Wände“ entwickelt hat. Dabei wirkt die Ausstellung beim Blick durch die Schaufenster wie ein professionell designtes, grellbuntes Streifendisplay, das optisch gut mit den großen Sale-Beschriftungen der Nachbargeschäfte mithalten kann.

Für den 1967 in Kirchheim geborenen Künstler war der Raum des Kornhauses eine besondere Herausforderung, denn hier sind die Ausstellungswände speziell an das historische Fachwerkgebäude angepasst worden. Die „Wände“ gaben daher der Installation den Titel und wurden selbst zum Thema von Schlichters raumbezogener Arbeit.

Die vier beweglichen Ausstellungswände stehen auf Rollen frei im Raum. Sie orientieren sich nicht an einem Grundraster, sondern sind so ausgerichtet, dass sie zur großen Rückwand des Kornhauses und zur Schaufensterfläche in Beziehung stehen. Der Betrachter kann im Raum herumgehen und die mit Industrieklebeband systematisch bearbeiteten Wände betrachten. Durch Steffen Schlichters umgreifende Bearbeitung sowohl der Vorder- als auch der Rückseite der Wandelemente, sind diese nicht mehr Träger von einzelnen Ausstellungsstücken, sondern selbst Bildgegenstand. Den Besuchern bieten sich wechselnde Perspektiven mit irritierenden Überschneidungen, die durch weitere Elemente ergänzt werden: Auf der 15 Meter langen Rückwand des Kornhauses sind 766 CD-Rohlinge installiert, die teils in Regenbogenfarben schillern, teils den Ausstellungsraum spiegeln. Auf den Schaufensterscheiben zur Passage sind ebenfalls Industrieklebebänder aufgebracht worden. Sie bilden frei Hand geklebte Kreuze aus schwarzgelbem Band, die wie Warnhinweise auf Gefahrenstellen wirken.

Mit dem System aus 766 CD-Rohlingen arbeitet Steffen Schlichter seit 1996, als er von einer Wand im Forum Kunst in Weilheim die Tapeten abnahm und die freigelegten Nagellöcher mit CDs markierte. Für das Kornhaus bleibt diese willkürliche Anzahl festgelegt. Die Abstände der Rohlinge zueinander, mit denen der Künstler die Wand möglichst gleichmäßig – ohne auszumessen – bestückt, entsteht aus dem spontanen Arbeitsprozess. Schlichter tritt für jeden neuen Nagel, den er aus der Verpackung holt, von der Wand zurück und schätzt den Abstand für die nächste CD. Das menschliche Tun einerseits und die vorgefertigten Industriestandards mit ihrer schillernden Ästhetik andererseits, sind also die beiden gegensätzlichen Quellen für Schlichters Arbeit, die sich in einfachen Handlungsabläufen in Zeit und Raum entwickelt.

Die Komplexität von Steffen Schlichters künstlerischer Arbeit liegt nicht allein in der Ausführung, für die sich der Künstler diese simplen Regeln auferlegt. Die Komplexität ergibt sich im Zusammenspiel des informationsreichen Industriematerials mit unterschiedlichen Kontexten. Dieses verdichtete und spannungsvolle Konzept wird auch im Umgang mit den bedruckten PVC-Bändern deutlich, die der Künstler aus dem professionellen Versandhandel erwirbt und in ihrer standardisierten Form und Menge verarbeitet. Für jede der vier Ausstellungswände wurde genau eine Rolle verklebt. Zwei Wände wurden komplett umwickelt, bei den beiden anderen schnitt der Künstler jedes Bandstück auf der Rückseite ab, um dann neu anzusetzen. Bei diesen ­Exemplaren entstehen also eine Schau- und eine Rückseite, wie bei einem klassischen Wandbild, während die anderen beiden Wandkörper wie dreidimensionale Objekte von allen Seiten gleichwertig betrachtet werden können.

Die menschliche Arbeit mit ihrer körperlichen Begrenztheit und ihrer emotionalen Unberechenbarkeit mischt sich im Wickel- und Klebevorgang mit Herstellungsfehlern der bedruckten PVC-Bänder. Der Künstler hat keine Leiter benutzt, daher sitzt das Klebeband in den Bereichen über Kopfhöhe etwas wellig und alles andere als exakt auf den Wandflächen. Dazu kommt, dass sich durch seine stupide waagrechte und senkrechte Wiederholung der Aufdruck „TIP Original Nürnberger Rostbratwurst 300 g EAN 4334011096841“ und der dazugehörige Strichcode zu einem sinnentleerten Muster verbindet und mit den Runzeln und „lässigen“ Bahnführungen des PVC-Bandes im oberen Bereich der Wände eine skurrile und fast chaotische Gemengelage bildet.

„Die Arbeiten von Steffen Schlichter haben einen augenzwinkernden Humor“, sagte Amely Deiss, stellvertretende Direktorin am Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt, in ihrer Einführung. „Nur auf den ersten Blick gibt es ein akkurates Bildergebnis. Ungenauigkeiten, Abweichungen oder Druckfehler der Bänder bleiben, da nichts ausgebessert wird. Die fertige Arbeit sieht anders aus, als es sich der Künstler vorgestellt hat, da er sich keine Option gestattet, das Bild noch zu verändern.“

Auf sehr direkte Art thematisiert Steffen Schlichter das Moment der Störung, die den entindividualisierten Schaffensprozess immer wieder verändert und damit der Vorhersagbarkeit entzieht. Seine künstlerische Konzeption ist über viele Jahre ausgearbeitet und verfeinert worden und bildet in der Installation „Wände“ bis 16. März ein unbedingt sehenswertes Ausstellungserlebnis.