Lokale Kultur

Großer Erfolg für die Konferenz der Tiere

„Tierfreundin“ Annegret Taube und „Tierpfleger“ Torsten Hoffmann brillierten in der Stadtbücherei

Großer Erfolg für die Konferenz der Tiere
Großer Erfolg für die Konferenz der Tiere

Kirchheim. Wie ungemein mitreißend und begeisternd Kinder- und Jugendtheater heutzutage sein kann, zeigte die Württembergische Landesbühne Esslingen (WLB) im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Szenenwechsel“ gleich mit zwei äußerst unterschiedlichen Auftritten der Abteilung Junge WLB überzeugend auf.

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Schon im Rahmen der Auftaktveranstaltungen setzte das in der Zukunft spielende Stück „Sarma mit Joghurt“ einen wichtigen Akzent. Annegret Taube und Torsten Hoffmann zeigten beispielhaft, wie man gut unterhalten und zugleich auch komplexe Fragestellungen wie den Umgang mit der viel beschworenen kulturellen Vielfalt kindgerecht thematisieren und an Alltagssituationen bewusst und begreifbar machen kann.

In derselben Besetzung läutete die Junge WLB ohne allzu großes Brimborium – unspektakulär aber umso eindrucksvoller – den allmählich anstehenden Ausklang der elften „Kirchheimer Kinder- und Jugendtheatertage“ ein. Um in der Kinderabteilung erfolgreich agieren zu können, braucht man offensichtlich Erfolgsgaranten wie Annegret Taube und Torsten Hoffmann, die es erfahrungsgemäß schon in den ersten Sekunden schaffen, „einfach so“ die Herzen der Kinder zu gewinnen.

Dann ist natürlich noch ein bisschen Technik gefragt, um die zur jeweiligen Situation optimal passende Musik einspielen zu können und ein möglichst einfaches und ohne große Auf- und Umbauten „gut funktionierendes“ Bühnenbild. Ganz wichtig ist natürlich auch, ein guteskurzweiliges Stück auszuwählen.

Die beim neuerlichen Besuch verwendete Textvorgabe wurde schon vor weit über 50 Jahren als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg geschrieben. Sie gilt völlig zurecht als „leidenschaftlicher Appell für die Rechte der Kinder, gegen Krieg, Gewalt und Ignoranz“, und das klingt zunächst natürlich nicht unbedingt nach kurzweiliger und höchst vergnüglicher Unterhaltung. Wenn der für die Reihe „Szenenwechsel“ ausgewählte Autor aber Erich Kästner heißt und das Stück „Die Konferenz der Tiere“, dann ist der durchschlagende Erfolg eigentlich schon garantiert – und der stellte sich bei den zwei Aufführungen in der Kirchheimer Stadtbücherei zweifellos auch ein.

Mit enormem Gespür für kindlichen Humor und ihre grundsätzliche Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, karikiert Emil Erich Kästner kindgerecht die Unfähigkeit fiktiver Staatsoberhäupter, Ministerpräsidenten und ihrer Ratgeber. Er macht deutlich, um wie viel besser unterschiedlicher nicht sein könnende Tiere solidarisch zusammenarbeiten und es mit ihrer ersten und zugleich letzten Konferenz dann auch schaffen, für eine bessere Welt zu sorgen. Leider ist und bleibt das freilich nur eine gut erfundene, aber deshalb auch geradezu märchenhaft schöne Geschichte aus dem Tierreich, von der Menschen viel lernen können.

Löwe Alois, Giraffe Leopoldine und Elefant Oskar treffen sich regelmäßig freitags zum Gedankenaustausch beim Abendschoppen am Tschadsee in Afrika. Sie verfolgen genau die ja – fast immer – schlechten Nachrichten aus aller Welt. Sie finden, dass die Menschen „schreckliche Leute“ sind und es doch eigentlich „so hübsch haben“ könnten: „Sie tauchen wie die Fische, sie laufen wie wir, sie segeln wie die Enten, sie klettern wie die Gämsen und fliegen wie die Adler, und was bringen sie mit ihrer Tüchtigkeit zusammen? Kriege und Revolutionen und Streiks und Hungersnöte und neue Krankheiten.“

Nachdem Politiker auf ihren dauernden Konferenzen nie etwas erreichen, sondern immer nur wegen Streit über unwichtige Dinge auseinandergehen, rufen die Tiere als große Solidaritätsaktion mit den von ihnen allen bemitleideten Kindern der Welt eine eigene Konferenz aus.

Begeisternd lautmalend spielten „Tierfreundin“ Annegret Taube und „Tierpfleger“ Torsten Hoffmann den neugierigen „Wilhelma-Besuchern“ in der Stadtbücherei vor, wie sich die wichtige Botschaft blitzschnell in alle Himmelsrichtungen verteilt. Begeistert schrie das mitgerissene Publikum die immer lauter und vergnügter wiederholte Parole mit, die unmissverständlich klar machte: „Heute in vier Wochen Konferenz im Hochhaus der Tiere.“

Um den fantasiebegabten Kindern zu zeigen, was es in diesem „bestimmt merkwürdigsten und vielleicht größten Gebäude der Welt“ alles gibt, genügt den beiden einfallsreichen Darstellern beispielsweise eine einfache Haushaltsleiter, an der dann plötzlich viele Tierbilder hängen. Informiert werden die Kinder auch darüber, was dort alles untergebracht ist, wie etwa ein Hotel für Zugvögel, eine Tanzschule für Bären, ein Konservatorium für Singvögel, ein Optikerladen für Brillenschlangen oder auch ein Gefängnis für Tierquäler.

Mit einer Rattenplage und einem Mottenangriff legen die teilweise aus Angst vor sinkenden Schiffen im Bauch von Walen angereisten Delegierten die bislang 78. einer Reihe von stets sinn- und ergebnislos abgebrochenen Konferenz lahm. Schließlich nehmen sie die Kinder der Welt als Geiseln, bis ihre Forderungen erfüllt sind.

Die entführten und an den abenteuerlichsten und lustigsten Spielplätzen der gesamten Tierwelt versteckten Menschenkinder erleben dadurch ihren wohl schönsten, ihre Eltern den wohl schrecklichsten Tag ihres Lebens. Nur durch diesen nicht auszuhaltenden Druck gelingt schließlich doch die Einigung.

Grenzen sollen beseitigt und Militär und alle Schuss- und Sprengwaffen abgeschafft werden. Es darf keine Kriege mehr geben und die Polizei wird mit Pfeil und Bogen ausgestattet. Büros, Beamte und Akten werden auf das absolute Minimum reduziert, und die beste Bezahlung erhalten Lehrer, weil Kinder zu wahren Menschen zu erziehen die höchste und schwerste Aufgabe ist. Die Zielvorgabe lautet dabei: „Es gibt keine Trägheit des Herzens mehr.“

Erich Kästner hat mit dieser 1947 wunderbar zusammengewobenen Geschichte einen großen Erfolg gefeiert. Damit auch gleich die Welt zu verbessern, ist ihm leider nicht gelungen. Annegret Taube und Torsten Hoffmann haben mit ihrer originellen szenischen Lesung mit atemberaubender Spielfreude und Einfallsreichtum die in der Stadtbücherei versammelten Kinder erfolgreich verzaubert, ihnen ungemein viel Spaß bereitet und dafür auch von einem konzentriert zuhörenden und mitmachenden Publikum verdient viel Applaus bekommen.