Lokale Kultur

Heine passt in keine Schublade

Burkhard Engel breitet den Dichter in der Stadtbücherei in seiner ganzen Widersprüchlichkeit aus

¿Sie saßen und tranken am Teetisch¿: Burkhard Engel griff zur Gitarre und bot eine abwechslungsreiche Mischung aus Liedern, rezi
¿Sie saßen und tranken am Teetisch¿: Burkhard Engel griff zur Gitarre und bot eine abwechslungsreiche Mischung aus Liedern, rezitierten Gedichten und Prosatexten.Foto: Gerald Prießnitz

Kirchheim. Literatur und Musik wurden beim diesjährigen Sommerprogramm der Stadtbücherei geboten. Bei Heine macht es überhaupt keine Schwierigkeiten, ihn mit Musik in Verbindung zu bringen. Er kann sich mit dem Etikett schmücken, der meistvertonte deutschsprachige Autor zu sein. In dieser Beziehung lässt er sogar Goethe hinter sich. Goethe hat das nicht geahnt, als er damals den jungen Poeten, der ihn in Weimar besuchte, so arrogant abblitzen ließ.

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Heine passt in keine Schublade, weder mit seinem Leben noch mit seiner Dichtung. Er konvertiert vom Judentum zum Christentum und geht freiwillig nach Paris ins Exil. Er bezieht eine Pension vom französischen Staat und wird doch vom Heimweh nach Deutschland geplagt. Von seiner Dichtung sind vor allem die Gedichte populär, speziell aus dem „Buch der Lieder“, das so schön in die Romantik zu passen scheint. Tut es aber nicht.

Auch in dieser frühen Phase desillusioniert Heine immer wieder gnadenlos. Und dann gibt es noch den politischen Lyriker Heine, der gegen Spießbürgertum, Untertanengeist und Zensur ankämpft, sich aber mit Mitstreitern wie Gutzkow und Freilig­rath anlegt, weil diese ihm zu viel Gesinnung und zu wenig Kunst bieten.

Burkhard Engel breitete Heine in der Stadtbücherei in seiner ganzen reichhaltigen Widersprüchlichkeit aus. Die Textauswahl stammt von Noémi Háklás und umfasst außer der Lyrik auch Prosatexte von und über Heine.

Gleich zu Beginn packt einen das Entsetzen bei einem Text über Heine. Der fanatisch antisemitische Schriftsteller Adolf (!) Bartels spricht sich 1906 vehement und leider erfolgreich gegen ein Heine-Denkmal in dessen Heimatstadt Düsseldorf aus. Die Mächtigen in Deutschland haben sich nicht mit Ruhm bekleckert, wenn es um den Nachruhm Heines ging, sie haben immer wieder mit Zensur, Verboten, Haftbefehlen und Bücherverbrennungen gearbeitet und doch Heines Popularität nie verhindern können.

Jetzt kam Heine zu Wort mit seiner sprachlichen Meisterschaft, seiner Klugheit und seiner Ironie. Zwei Texte aus den „Reisebildern“ lassen Heines Jugendzeit in Düsseldorf lebendig werden.

Mit besonders satirischer Sorgfalt behandelt Heine seine schulische Ausbildung, die vor allem aus mechanischem Auswendiglernen bestand. Vor allem die alten Sprachen werden abgeschossen, speziell das Latein: „Den Römern würde gewiß nicht Zeit genug übriggeblieben sein, die Welt zu erobern, wenn sie das Latein erst hätten lernen sollen.“ Solch ein Bonmot kann nur Heine drechseln.

Nun war es an der Zeit, zur Gitarre zu greifen und in das „Buch der Lieder“ einzusteigen mit dem populären „Sie saßen und tranken am Teetisch“. Das Programm bot weiterhin eine abwechslungsreiche Mischung aus Liedern mit Gitarrenbegleitung, rezitierten Gedichten und Prosatexten. Die Abfolge orientierte sich an Heines Biografie. Engel setzte immer wieder Wegemarken – die Studienjahre 1819 – 1825, der Übertritt zum Protestantismus ohne innere Überzeugung 1825 und die Emigration 1831.

Vor der Pause lag das poetische Hauptgewicht auf dem „Buch der Lieder“, danach auf den politischen Gedichten. Hier gilt es, bei Heine Entdeckungen zu machen und das Klischee vom Romantiker endgültig zu revidieren. Aber auch wenn er gegen Unterdrückung und Ausbeutung („Die Weber“) andichtet, so muss für ihn die äußere Form immer noch einen Kunstgenuss bieten.

Engels Gitarre war im zweiten Teil sinnvollerweise nicht mehr so häufig im Einsatz, erst recht nicht bei den Texten aus und über die „Matratzengruft“, in der der Dichter im Alter von 59 Jahren regelrecht verreckte. Auch in der letzten Phase behielt er seine stilistische Sicherheit und seinen satirischen Biss („Testament“).

Engel hat mit seiner angenehmen Stimme, seinem musikalischen Können und seinem freien Vortrag das bewirkt, was die Stadtbücherei mit ihrem Sommerprogramm bewirken will: Er hat angeregt, in diesem Autor herumzulesen, der, nebenbei bemerkt, ein früher Wegbereiter der deutsch-französischen Freundschaft war.

Die Leiterin der Stadtbücherei, Ingrid Gaus, zeigte sich auch aus gutem Grund mit der Resonanz auf das Sommerprogramm hoch zufrieden: dreimal ausverkauft mit einem zufriedenen Publikum.

Seit 16 Jahren bietet das Programm im August den Daheimgebliebenen, meist bemoosten Häuptern, ein Angebot, das gerne angenommen wird. Auf Wiedersehen und -hören im nächsten August.