Kirchheim

Hier herrscht pure Spielfreude

Konzert Unterhaltung im Viererpack: Das „SWR Swing Fagottett“ hat in der Kirchheimer Stadthalle durch höchste Virtuosität und eine enorme Programmvielfalt begeistert. Von Hans-Günther Driess

Die ganze Bandbreite: Das „SWR Swing Fagottett“ präsentierte in der Stadthalle nicht nur Klassik, sondern auch Swing und Jazz. F
Die ganze Bandbreite: Das „SWR Swing Fagottett“ präsentierte in der Stadthalle nicht nur Klassik, sondern auch Swing und Jazz. Foto: Hans-Günther Driess

Das hochkarätige „SWR Swing Fagottett“ hat beim fünften Abonnementkonzert des VHS-Kulturrings durch mitreißende Spielfreude, Virtuosität, perfektes Zusammenspiel und eine enorme Programmvielfalt begeistert - von leichter Klassik über Swing bis zum Jazz.

Den Schalk im Nacken sitzend verbreiten die vier Musiker Spielwitz, der das Publikum in der Kirchheimer Stadthalle köstlich amüsierte. Locker und unterhaltsam moderierte der fünfte Mann, Wolfgang Milde, die musikalischen Vorträge. Er steuerte Anekdoten und Wissenswertes aus dem Leben der Komponisten bei und gab Einführungen zu den jeweiligen Stücken.

Das Programm des Ensembles, das bereits zum vierten Mal in Kirchheim konzertierte, besteht aus der Aneinanderreihung sehr populärer Kompositionen, die von dem Pianisten und Gründungsmitglied Georg ter Voert senior kreativ und stilgerecht arrangiert wurden.

In der bekannten „Badinerie” aus Johann Sebastian Bachs Orchestersuite h-Moll gelingt eine reizvolle Synthese aus Barockmusik und Swing. Hier erweisen sich die Fagottisten auch als Virtuosen am Klavier, Saxofon und E-Bass. Libor Sima glänzt mit seiner Improvisation auf dem Altsaxofon und beweist echtes Jazz-Feeling. Dieser musikalische Spaß hätte dem Altmeister Bach mit Sicherheit gefallen, galt er doch als größter Improvisator seiner Zeit.

Das Adagio KV 580 von Wolfgang Amadeus Mozart wird beseelt dargeboten, es atmet tiefe Ruhe. Wie aus einem Guss spielt das Fagott-Quartett und lässt einen homogenen Klangstrom in die Halle fließen - sozusagen “fa-gött-liche” Musik.

Der Solist muss tief Luft holen

Im Kontrast zur Klassik folgt mit „Phantastic Gospel” eine ganz andere Stilrichtung. Für das Medley aus bekannten Spirituals wie „Josuah Fit The Battle of Jericho”, „Deep River” und “Nobody Knows The Trouble I’ve Seen” ist der dunkle Klang von Fagotten prädestiniert, nämlich als Nachahmung der afroamerikanischen „Black Voice” in Gospelchören.

Die „Variationen in a-Moll” des legendären Teufelsgeigers Niccolo Paganini stellen für den Solisten Hanno Dönneweg eine riesige Herausforderung dar. Ist es für einen Fagottisten möglich, solche im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Läufe, die für die Violine konzipiert sind, in Spitzengeschwindigkeit fast ohne Unterbrechungen über einige Minuten hinweg zu spielen? Der Solist musste am Ende erst einmal tief Luft holen und das mitfiebernde, staunende Publikum war erleichtert.

Nostalgisch mutet die Titelmelodie der Krimireihe „Kommissar Maigret“ nach den Romanen von Georges Simenon an. Die etwas älteren Konzertbesucher kennen sie aus der entsprechenden Fernsehserie in den 1960er- und 1970er-Jahren. Die „Musette“, die französische Ausprägung des Walzers, zaubert zusammen mit dem Klang des Akkordeons echtes Pariser Flair.

Dass Ludwig van Beethoven ein schwieriger, mürrischer und bisweilen chaotischer Mensch war, hat Wolfgang Milde trefflich erwähnt. Die Komposition „Die Wut über den verlorenen Groschen“ spiegelt dies wider. Das Instrument Fagott allein ist dem Chefarrangeur Georg ter Voert senior demgemäß zu weich, und so lässt er seinen Sohn Georg ter Voert junior wie wild einhämmern auf das Xylofon, um Aggressionen zu verdeutlichen. Die Explosion purer Spielfreude wird noch durch weitere Einfälle gewürzt: Unvermittelt zitiert Libor Sima auf seiner Sopranino-Flöte die Hymne „Freude schöner Götterfunken” aus Beethovens 9. Sinfonie. Der klangliche Kontrast zu den kellertiefen Tonregionen des Kontrafagotts löst Schmunzeln bei den Zuhörern aus.

Nach der Pause verführt unter anderem der Welthit „Moonriver“ von Henry Mancini die Zuhörer zum Schwelgen, und die 1950er-Jahre werden auch mit der glanzvollen Darbietung von „Rock Around The Clock” zum Leben erweckt. „Die echten Abba-Fans müssen jetzt stark sein“, bemerkt ein Fagottett-Musiker, ehe ein Potpourri mit Abba-Songs im ungewohnten Sound der vier Fagotte präsentiert wird. Die eingestreuten an Happenings und an die Avantgarde erinnernden Passagen sind so gesehen ein genialer und befreiender Einfall. Den Höhepunkt des Konzerts markiert Musik des berühmten Benny Goodman Sextetts. Das „SWR Swing Fagottett“ brilliert mit einer fulminanten Darbietung des Titels “Air Mail Special” und der Beifall kennt keine Grenzen. Ein höchst unterhaltsamer Abend - Spielwitz gepaart mit großem Können.

Anzeige