Coronavirus

Hoffen auf Flug LH 9269

Virus Wie die Coronakrise in Amerika, das lange Zeit entspannt abgewartet hat, Bürger und Touristen aufschreckt. Ein Erfahrungsbericht. Von Irene Strifler

Endlich im Flieger angekommen: Der letzte Blick auf den Airport von Chicago, bevor es wieder zurück nach Deutschland geht. Foto:
Endlich im Flieger angekommen: Der letzte Blick auf den Airport von Chicago, bevor es wieder zurück nach Deutschland geht. Foto: Irene Strifler

Checken Sie Ihren Flugstatus“, werden seit Freitag Touristen auf allen Kanälen gewarnt. Die Coronakrise ist angekommen in Amerika. Urplötzlich. Ohne Vorwarnung. Denn bis vor einer Woche war das Thema fast nicht existent in Amerika. Das Virus? - Ein Problem der Asiaten, maximal der Europäer. Vorsichtsmaßnahmen? - Fehlanzeige.

Allzu gern lässt man sich als Reisender mitreißen vom sonnigen Optimismus der Amerikaner. Nachrichten im Fernsehen zeigen längst schon menschenleere Plätze in Italien und berichten von wachsenden weltweiten wirtschaftlichen Problemen. Doch viel kostbare Zeit vergeht, während eine ganze Nation ins TV-Gerät schaut, als liefen dort Berichte von einem anderen Stern.

Plötzlich das große Erwachen: Präsident Trump verfügt ab Freitag einen Einreisestopp für Europäer und verkündet kurz darauf den Nationalen Notstand. Jetzt hat die Coronakrise das Land der unbegrenzten Möglichkeiten im Griff. In rasend schnellen Schritten greift die Regierung zu immer drastischeren Maßnahmen. Sollten am Freitag noch Tische in Restaurants lockerer gestellt und Gondeln in Skigebieten nicht voll besetzt werden, folgt am Sonntag schon die Schließung aller Skigebiete sowie vieler Restaurants und Hotels. Schlagartig fallen Saisonarbeitsplätze weg, Familien sind in ihrer Existenz bedroht. Gleichzeitig setzt das ein, was man in Deutschland auch beobachten konnte: Hamsterkäufe. Die Meldungen über positiv getestete Menschen in allen Bundesstaaten überschlagen sich am Wochenende. Und das, obwohl erst seit Montag Abstriche durchgeführt werden.

Touristen drängen heim

„Checken Sie Ihren Flugstatus“, flammt immer wieder im Handy auf. Tatsächlich: Der Rückflug von Denver nach München wurde als einer der ersten komplett gecancelt. Lufthansa reagiert prompt und bucht auf eine Alternative um. Doch der Termin ist noch Tage entfernt. Unterdessen häufen sich die Schreckensmeldungen, vor allem die, die über die sozialen Medien eintreffen. Europa schottet sich ab, die einzelnen Länder blockieren den Grenzverkehr. Unter Europäern ist man sich weitgehend einig: All das ist zwingend notwendig im Kampf gegen das Virus.

Die Amerikaner hingegen scheinen eher ein unverschuldetes Problem auslöffeln zu müssen. Doch sie fügen sich. Ganze Häuser und teilweise auch Hotels werden unter Quarantäne gestellt. Von Unmut über die Regierung ist vor Ort nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die plötzlichen Maßnahmen verstimmen die Amerikaner, aber viele von ihnen betonen lautstark, wie sehr sie es schätzen, dass durchgegriffen werde.

Die Touristen drängen heim. Zwar ist klar, dass das Problem der Krankheit derzeit in Europa sogar noch größer ist. Doch die Amerikaner werden offenkundig überrollt, ohne vorbereitet zu sein. Halb leere Hotels bieten keine Sicherheit, Essen gibt es hier schon längst nicht mehr. Bei den Hotlines der Fluglinien ist kaum ein Durchkommen. Wohl dem, der einen Reiseveranstalter an seiner Seite hat. Mit viel Glück gelingt ein Vorziehen des Rückflugs auf Montag. Währenddessen liegt schon die Schließung der EU-Grenzen in der Luft. Wie lange wird es überhaupt noch Linienflüge über den Atlantik geben?

Auf dem Flug von Colorado nach Chicago sind kaum Europäer an Bord. Die Amerikaner gehen spürbar auf Distanz zu den deutschen Passagieren. Davon ist am Flughafen von Chicago nichts mehr zu spüren. Hier sitzen auch Asiaten, Ost- und Süd­europäer im Warteraum, die über München weiterkommen wollen. „LH 9269“ heißt der Flug, auf den alle hoffen. United Airlines fliegt in Kooperation mit Lufthansa.

Stimmung ist aufgeheizt

Dass der Flug „in time“ starten soll, sorgt bei dem bunten Menschengrüppchen noch nicht für Freudentaumel. Zu viele Horrorgeschichten machen die Runde. Zum Beispiel die von dem Flug nach Madrid, der schon gestartet war, aber über dem Atlantik umdrehen musste. Was wahr ist oder nicht, lässt sich im aufgeheizten Wartesaal, in dem die Hälfte der Passagiere Mundschutz trägt, nicht überprüfen. Das Flugzeug ist brechend voll, es gibt eine Stand-by-Liste. Trotz allem hebt LH 9269 pünktlich ab.

Der Jetstream ist aufseiten der Reisenden. Gestern um 9.22 Uhr ist die Maschine in München gelandet - 13 Minuten früher als geplant. Die Gefahr besteht nach wie vor. Aber im vertrauten Umfeld ist sie leichter zu ertragen.

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