Lokale Kultur

„Ich habe einen Traum...“

Autorenlesung mit Mirjam Pressler und „Nathan und seine Kinder“ in der Realschule Lenningen

Lenningen. Dass man Gelegenheit hat, kurz vor der Prüfung noch die Autorin der für alle Abschlussklassen der Realschulen in Baden-Württemberg ausgewählten Pflichtlektüre persönlich kennenzulernen, ist nicht selbstverständlich. Dass es der

WOLF-DIETER TRUPPAT

Karl-Erhard-Scheufele-Realschule gelungen ist, Mirjam Pressler zu einer Autorenlesung nach Lenningen einzuladen, war daher eine sehr wertvolle Motivationshilfe, die eigentlich nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Wer vom Buch begeistert war, sah sich bei der interessanten Begegnung bestätigt. Wer sich eher schwer tat, sich in den verschiedenen Erzählperspektiven zurechtzufinden und das dahinter liegende Prinzip zu verstehen, bekam Handreichungen aus ers­ter Hand, die eine echte Hilfe und Unterstützung bei der Vorbereitung auf die wichtige Prüfung bedeuteten.

Dass die zu den erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen Deutschlands zählende und mit vielen namhaften Preisen ausgezeichnete Mirjam Pressler dann aber nicht nur aus „Nathan und seine Kinder“ las, sondern geduldig alle ihr gestellten Fragen beantwortete, war ein wahrer Glücksfall – auch wenn manche Schüler sich vielleicht einen etwas weniger anspruchsvollen Prüfungsstoff gewünscht hätten, der sich bei der Lektüre leichter erschließt.

Schulleiterin Dunja Salzgerber ermutigte die Schülerinnen und Schüler daher schon zu Beginn der Lesung, möglichst ausgiebig die einmalige Chance zu nutzen, der Autorin all die Fragen zu stellen, die sie im Rahmen ihrer Prüfungsvorbereitungen bewegen. Sie wünschte dem versammelten, sehr dispersen Publikum zwei in großer Gemeinschaft verbrachte spannende Schulstunden über das Lessingsche Plädoyer für ein friedliches Miteinander der drei Weltreligionen, dem Mirjam Pressler mit ihrem auf die Auswahlliste zum Jugendliteraturpreis aufgenommenen historischen Roman „Nathan und seine Kinder“ eine neue und virtuos ausgefeilte Form gegeben hat.

Mit einem Zitat von der Homepage der Autorin leitete die Schulleiterin dann zu der eigentlichen Lesung über. „Ohne Bücher bleibt die Welt eng, die Möglichkeiten dessen, was man für denkbar und daher auch für machbar hält, begrenzt“, lautet die Überzeugung von Mirjam Pressler. Sie gibt sich dabei nicht der Illusion hin, „Bücher könnten die Welt verändern“, weiß aber genau, dass für einzelne Menschen „ein bestimmtes Buch eine wichtige, weltbewegende Bedeutung erlangen“ kann.

„Nathan der Weise“, Lessings fünfaktiges Ideendrama, ist für sie ein solcher Meilenstein. Dieses von Boccaccios „Decamerone“ inspirierte meistgespielte Stück der Aufklärung und vor allem die in der Ringparabel beschriebene Idee religionsübergreifender Toleranz war für sie der Auslöser dafür, diesen Roman zu schreiben, da Geschichten verloren gehen, wenn man sie nicht weitererzählt. Dass ihr Buch zur Pflichtlektüre geworden ist, freut sie vor allem deshalb, weil nun sehr viele junge Menschen sich mit diesem Schlüsseltext der Aufklärung beschäftigen müssen.

Warum Mirjam Pressler ihren Roman so und nicht anders erzählt, konnte sie den rund 100 Schülerinnen und Schülern überzeugend vermitteln, zu denen auch Besucher der Freihof-Realschule zählten.

Sie habe „die fixe Idee“ gehabt, in ihrem auf Lessings „Nathan“ basierenden Roman nur Ich-Erzähler in ihrer eingeschränkten Perspektive zu Wort kommen zu lassen, ohne zu wissen, ob das auch funktioniert. Das Ergebnis zeigt, dass es tatsächlich gelungen ist, aus diesen vielen verschiedenen subjektiven Perspektiven dank der sich daraus ergebenden Überschneidungen, Abweichungen und Übereinstimmungen ein verlässliches und vielschichtig unterlegtes Gesamtbild zu erstellen. Was sie definitiv nicht wollte, war ein schwer lesbarer Disput über Religionen, und deshalb bekommen in ihrem historischen Roman weder Sultan Saladin, noch Nathan oder der Patriarch von Jerusalem eine Stimme als Erzähler.

Dass ein Roman ganz anderen Gesetzen unterliegt als ein Theaterstück, machte Mirjam Pressler ihrem Publikum bewusst und betonte, dass im Buch die alles zusammenhaltende innere Logik eine viel größere Rolle spiele. Wichtig sei nicht die Frage, ob eine Geschichte wahr ist, sondern ob sie wahr sein könnte. Dass sie selbst viel mehr Personal braucht und daher „dazuerfinden“ musste, um einen runden Roman erzählen zu können und den vielen unterschiedlichen Charakteren auch das entsprechende Gewicht zu verleihen, machte sie ebenfalls deutlich.

Sie las zunächst ein Kapitel aus der Sicht von Elijahu, dessen Informationen bei Lessing nur Randnotiz, für das Verständnis des Romans aber wichtig sind. Es folgte eine von Nathans an Kindes statt angenommener Tochter Recha erzählte Passage und zuletzt ein Kapitel, in dem ihr Lebensretter Einblick in seine Sicht der Vorgänge erlaubt.

Auch wenn Mirjam Pressler die wie eine Schachpartie geschriebene Kernstelle als bekannt voraussetzen konnte, machte sie doch auf einen Punkt aufmerksam. Am Ende der Ring­parabel lässt sie Nathan sagen: „Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages die Menschheit erheben und die wahre Bedeutung ihres Glaubensbekenntnisses ausleben wird. Ich habe einen Traum, dass eines Tages die Söhne von Juden, Muslimen und Christen miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können. Ich habe einen Traum, dass sich selbst diese Stadt eines Tages in eine Oase der Freiheit und der Gerechtigkeit verwandeln wird.“ Sie betonte die Nähe zu Martin Luther King, der ebenfalls auf die Macht von Träumen gebaut hatte. Ein wichtiger Grund, sich mit den Geschehnissen in Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge um 1192 zu beschäftigen, ist, dass Nathan am Ende der Ringparabel desillusioniert feststellt: „Aber das ist nur ein Traum. Die Wirklichkeit ist eine andere.“ – und das gilt auch heute noch.

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