Kirchheim

„Ich wünsche meiner Stadt Erfolg“

Neujahrsempfang Der Kirchheimer Dämmerschoppen wurde zum Abgesang auf die 16-jährige Ägide von Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Von Andreas Volz

Plötzlich bekommt das Wort „Dämmerschoppen“ eine ganz andere Bedeutung: Eigentlich handelt es sich beim Neujahrsempfang der Stadt Kirchheim um ein zwangloses Beisammensein, bei dem sich - nach der Dämmerung und bei dem einen oder anderen Gläschen - plaudern lässt, und das auch noch abseits von der aktuellen Kommunalpolitik. Nun aber stand der Begriff „Dämmerschoppen“ für die Abenddämmerung einer 16-jährigen Ära in Kirchheim: der Ära Matt-Heidecker.

Das 16. Mal war zugleich das letzte für Angelika Matt-Heidecker, um als amtierende Oberbürgermeisterin auf ein vergangenes Jahr zurückzublicken und einen Ausblick zu geben auf das, was im neuen Jahr ansteht an Aufgaben und Jubiläen. Bei den Jubilaren stand beim Dämmerschoppen in der Stadthalle der TSV Ötlingen im Mittelpunkt. 1895 gegründet, kann er dieses Jahr sein 125-jähriges Bestehen feiern.

Emotionale Momente gab es für die noch amtierende Kirchheimer Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker zuhauf in der vollbese
Emotionale Momente gab es für die noch amtierende Kirchheimer Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker zuhauf in der vollbesetzten Stadthalle. Foto: Markus Brändli

Passend dazu, sorgten die Mädchen der Rhythmischen Sportgymnastik für Show und Unterhaltung, bestehend aus Tanz, Sport und Akrobatik. Neben den Sportschützen stellt die Rhythmische Sportgymnastik die erfolgreichste Abteilung des TSV Ötlingen, des zweitgrößten Kirchheimer Sportvereins. Im vergangenen Jahr belegte der Jahrgang 2004 bis 2007 den dritten Platz bei den Deutschen und den ersten Platz bei den Baden-Württembergischen Meisterschaften.

Außer auf den Sport ging die Oberbürgermeisterin in ihrer Ansprache vor allem auf soziale Vereine und Organisationen ein, die sich häufig darum kümmern, Menschen vom Rand der Gesellschaft wieder in die Mitte zu bringen. Für Angelika Matt-Heidecker ist dieses Engagement der Ausdruck einer „sorgenden Gemeinschaft“, die immer wichtiger wird.

Sorgen macht sich ein Teil der Weltgemeinschaft derzeit um die Zukunft des gesamten Planeten. Aber auch in diesem Fall lässt sich „lokal handeln“, wie die Oberbürgermeisterin betonte. Sie erinnerte an die autofreien Sonntage vor bald 50 Jahren und stellte fest: „Damals wurde gehandelt, auch wenn es weh tat. Aber wir bringen heute nicht einmal den Mut auf, 120 auf den Autobahnen als einen Schritt zur CO2-Einsparung umzusetzen.“

100 Millionen Euro für vier Jahre

Zu den konkreten Projekten, die der Doppelhaushalt 2020/21 für Kirchheim vorgibt, gehören der Neubau der Eduard-Mörike-Halle in Ötlingen, die Sanierung des Kornhauses, die Neuplanung für das Linde-Areal, aber auch das Schaffen von neuem Wohnraum - doch die Stadt wie auch durch private Träger. Letztlich aber wurde der Rück- und Ausblick auf kommunale Vorhaben bei diesem Dämmerschoppen zu einem Rückblick auf zwei Amtszeiten als Oberbürgermeisterin und zu einer Art Abschlussbilanz. „Die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze sind in den vergangenen Jahren von unter 13 000 auf über 19 000 gestiegen“, stellte die Oberbürgermeisterin fest. Sonderbeifall gab es für die Aussage: „Die Stadt ist nahezu schuldenfrei.“ In den kommenden beiden Jahren sollte das auch so bleiben: „Kreditaufnahmen sind weder 2020 noch 2021 nötig, und dennoch stehen - aufgrund klugen Wirtschaftens - in den nächsten vier Jahren 100 Millionen Euro für Investitionen zur Verfügung.“

Dann aber kam Angelika Matt-Heidecker auf die Oberbürgermeisterwahl zu sprechen und bilanzierte: „Was ich glaubte, alles positiv für unsere Stadt getan zu haben, wurde - wenn man das Wahlergebnis betrachtet - anders gewertet und wahrgenommen. Das macht mich immer noch sehr betroffen, hatte ich doch immer nur Kirchheim im Blick.“ Sie übergebe ihrem Nachfolger Ende Februar eine gut aufgestellte Stadt und eine gut aufgestellte Verwaltung.

Wahlen bezeichnete die Oberbürgermeisterin als Kern der Demokratie und Wahlergebnisse als Ausdruck des Wählerwillens. Dennoch musste sie bekennen: „Der Umgang damit ist nicht immer ganz einfach. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Wunsch so vielfältig ist, dass die Stadt in eine andere Richtung gehen soll.“

Ihrem Nachfolger wünschte sie eine glückliche Hand, „denn ich wünsche meiner Stadt Erfolg“. Dieses Stichwort nutzte Angelika Matt-Heidecker zu einem klaren Bekenntnis für Kirchheim: „Dieses Stadt war meine Stadt, sie ist meine Stadt - und sie wird meine Stadt bleiben.“ Am Schluss ihrer Rede stand, nach 16 Jahren an vorderster Front, ein schlichtes Abschiedswort: „Tschüss!“

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