Lokale Kultur

Im Dokumentarfilm „Alle meine Väter“ sucht Jan Raiber nach seinem Erzeuger

Im Dokumentarfilm „Alle meine Väter“ sucht Jan Raiber nach seinem Erzeuger

Kirchheim. Drei Nachwuchsregisseure haben sich zusammengefunden und die Reihe „Freie Geschichten“ ins Leben gerufen. Die

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Brigitte Gerstenberger

ehemaligen Studenten der Filmhochschule Ludwigsburg – Andrea Roggon, Krishna Saraswati und Jan Raiber – gehen ihren eigenen Weg, fernab des kommerziellen Kinobetriebs bringen sie das Kino zu den Menschen. So finden die unterhaltsamen Kinoabende, zu denen auch der rege Austausch mit dem Publikum gehört, an Schulen, Universitäten oder auch im Gefängnis statt. In Zusammenarbeit mit der Stadt Kirchheim wurde nun am Mittwoch der letzte Film der Reihe – „Alle meine Väter“ – in der Stadthalle gezeigt. Diesem sehenswerten Dokumentarfilm, der bei der Berlinale und anderen Festivals lief, hätte man eine größere Zuschauerzahl gewünscht.

Nun ist es ja nicht gerade so, dass es wenige Dokumentationen gibt, in denen der Filmemacher seiner eigenen Geschichte nachspürt. Die Erforschung von Familiengeschichten steht hoch im Kurs, oftmals sind die filmischen Erzeugnisse eine langatmige peinliche Selbstnabelschau. „Alle meine Väter“ hingegen ist eine gelungene, dramaturgisch starke Dokumentation. Der Zuschauer wird in 90 Minuten auf eine spannende Entdeckungsreise mitgenommen, jenseits von Exhibitionismus und Selbstinszenierung.

Filmemacher Jan Raiber sucht also seinen Erzeuger. Schon früh hatte er das Gefühl, dass sein Papa Jürgen nicht sein leiblicher Vater sei. Zunächst recht zögerlich, fast zaghaft beginnt er seine Nachforschungen. Jan weiht seine Geschwister in sein Vorhaben ein, sein Bruder ist schockiert, weil er dachte, sein Vater sei auch Jans Vater. „Krass, krass“ kann er immer nur sagen, derweil die Schwester von der Halbbruderschaft wusste, jedoch immer geschwiegen hat. Das lang gehütete Geheimnis der Mutter wird bald keins mehr sein. Als Jan von seinem Filmprojekt erzählt, ahnen Jans sozialer Vater Jürgen und vor allem seine Mutter, was auf sie zukommen wird. Zunächst sträuben sie sich, unterstützen ihn aber bald in aller Ehrlichkeit und Befangenheit. Scham, verdrängte Konflikte und die eigenen Ängste werden an die Oberfläche gespült.

Der ganze Clan wird emotional durcheinandergewirbelt. Nebst Opa und Oma, die in ihrem Gesangverein das Lied vom Kuckuck singen, ohne zu ahnen, dass ihr Enkel ein sogenanntes „Kuckuckskind“ ist: eine grandiose Filmsequenz-Realsatire. Die Großeltern raten von einem Kennenlernen ab, denn ihre Kleinbürger­idylle soll keine Risse bekommen. Aber Jan fasst sich ein Herz und gibt sich dem für ihn fremden Mann, der 18 Jahre Alimente für ihn zahlte, als Sohn zu erkennen. Eine vorsichtige Annäherung beginnt.

Nun könnte der Film eigentlich zu Ende sein, aber da erreicht Jan eine E-Mail seiner Mutter, die Jans Filmprojekt und sein bisheriges Leben radikal infrage stellt: Uwe sei gar nicht Jans Vater, es habe da früher noch einen Mann gegeben. Jan hat die Lawine mächtig ins Rollen gebracht, ihm zuliebe springt seine Mutter über ihren Schatten und gibt preis, was sie ihrem Sohn eigentlich erst auf dem Sterbebett hatte erzählen wollen. Doch Tabus gibt es immer noch. Die Großeltern sollen nichts davon erfahren.

Aber der Jungregisseur will sich nicht schonen, die Kameras laufen weiter, alles muss jetzt auf den Tisch. Die Großeltern reagieren seltsamerweise nicht allzu schockiert, so ganz will man sich vor laufender Kamera vielleicht dann doch nicht emotional entblößen. Außer einem weiteren, freilich gut gemeinten Ratschlag, geben sie ihrem Enkel noch mit auf den Weg, dem bisherigen vermeintlichen biologischen Vater besser nichts davon zu erzählen, er könnte doch die Alimente zurückfordern.

Der unbedingte Wille, ein einmal gefundenes Familiensystem nicht in Gefahr zu bringen, entfaltet eine unglaubliche Kraft, die nicht selten von Fehleinschätzungen, Neurosen und Selbstzweifeln begleitet werden. Da erzählt die kompensationslachende Mutter auf die Schnelle einem flüchtigen Geliebten, er sei vor Jahrzehnten Vater geworden. Der Mann mit Namen Harald schert aus dem Film aus, fordert Distanz ein. Er wollte sein Leben lang Kinder haben, in der Ehe blieb ihm dies verwehrt. Nun hat er plötzlich nicht nur einen Sohn, sondern auch gleich einen Film, dessen ermutigende Botschaft darin besteht, dass es möglich ist, lange gehütete Geheimnisse offenzulegen – denn die Wahrheit ist den Menschen zumut­bar.