Kirchheim

Im Tunnel den vollen Durchblick

ICE-Großbaustelle Stefanie Rothe ist leitende Ingenieurin auf der riesigen Bohrmaschine „Sibylle“, die die rund acht Kilometer lange Nordröhre des Albvorlandtunnels von Kirchheim nach Wendlingen gräbt. Von Iris Häfner

Es dauert eine ganze Weile, bis Stefanie Rothe an ihrem eigentlichen Arbeitsplatz angekommen ist. Mittlerweile muss sie rund sieben Kilometer in der ausgeleuchteten Tunnelröhre im Spezialfahrzeug - gerne Papamobil genannt - hinter sich bringen, ehe die riesige Bohrmaschine in Sicht kommt. Dem Spitznamen zum Trotz ist das Gefährt spartanisch eingerichtet und enthält quasi nur Sitze, dafür aber zwei Fahrerkabinen am jeweiligen Ende, da es sich im Tunnel so schlecht wenden lässt. Es ist staubig und ein besonderer Geruch liegt in der Luft. Nach etwa 20 Minuten endet die Fahrt, und die junge Ingenieurin steigt die Treppen von „Sibylle“ hinauf. Hier, auf dieser XXL-Maschine tief unter der Erdoberfläche, hat sie das Sagen.

Es ist ihr erster Job auf einer Baustelle unter Tage. „Ich bin seit 1. Februar hier im Albvorlandtunnel, vorher war ich im Büro in München“, erzählt sie auf der Fahrt zu „Sibylle“. Die Baufirma Implenia ist ihr erster Arbeitgeber nach dem Studium. Dort ist sie seit Mai 2018 für zwei Jahre als Trainee angestellt. Das heißt, sie durchläuft verschiedene Abteilungen. Vor dem Bergbau-Einsatz war sie für Kalkulationen zuständig. „Das ist sehr anders jetzt und aufregender. Auf einer Baustelle passiert viel“, sagt sie. Jeder Tag ist anders, Stefanie Rothe kann wenig planen. Dabei muss sie die Logistik im Blick haben, alle Materialien müssen zur richtigen Zeit bei der Maschine sein und das Förderband im Auge behalten werden. Es ist das ständige Sorgenkind, denn mit jedem Meter Länge mehr wachsen die Anfälligkeit und der Verschleiß. „Der Boden hier ist einzigartig. Die Geologie ändert sich regelmäßig. Darauf muss man mit der Maschine reagieren“, sagt die Ingenieurin, die im Acht-Vier-System arbeitet, also acht Tage arbeitet und vier Tage frei hat. Keinen geregelten Wochenablauf zu haben war eine große Umstellung. Ihre freien Tage verbringt sie in München. „Der Zug nach Hause wird langsam Routine, ganz alltäglich ist es aber noch nicht“, sagt sie. Kirchheim kennt sie ein bisschen dank ihrer Jogging-Runden und weil ihre WG in der Stadtmitte liegt. Ihr Tagesablauf besteht jedoch in der Regel aus Essen, Schlafen, Arbeiten.

Dass sie Ingenieurin werden wollte, war lange klar. Während ihres Studiums an der TU München entdeckte sie ihre Liebe für die Geotechnik und damit für den Tiefbau. „Der Baugrundboden ist da immer mit dabei und das macht es spannend“, sagte Stefanie Rothe. Manchmal seien es die Zufälle im Leben, wo es einen hin verschlägt „Jetzt bin ich beim Tunnel gelandet. Ich dachte: Man muss sich mal ausprobieren - und das wollte ich auf jeden Fall einmal am Anfang meines Arbeitslebens machen“, erzählt sie. Irgendwann im Sommer wird sie dann vermutlich in der Arbeitsvorbereitung wieder in München tätig sein. Die Tagschicht beginnt mit der Übergabe des Ingenieurkollegen, es folgt der Papierkram, die Mails werden gecheckt, fehlendes Material geordert. Dann geht es zu „Sibylle“. Als Erstes redet sie dort mit dem Polier, um sondieren zu können „was nach oben weiter geleitet wird“.

„Sibylle“ ist ein besonderer Arbeitsplatz: eine Fabrik im Berg, die sich durch das Gestein frisst. Die Gänge sind eng, alles muss schließlich sinnvoll in der begrenzten Röhre angebracht und angeordnet sein. Dank der in einem großen Rohr hineingepumpten frischen Luft ist es kaum stickig und dank der vielen Motoren gleichmäßig warm. Stille herrscht im Berg nicht wenn „Sibylle“ am Werk ist, und das soll sie möglichst reibungslos rund um die Uhr. Zwei Abläufe bestimmen den Arbeitsrhythmus: bohren und Tübbinge einbauen. „Der Schildfahrer merkt schnell, wenn die Geologie sich ändert. Er hat ein Gefühl dafür“, sagt Stefanie Rothe. Dann kann es sein, dass die Kraft viel höher ist und mehr Wasser beim Bohrvorgang benötigt wird. Mit den Geologen wird in solchen Fällen abgesprochen, was zu tun ist. „Henrik ist der Meister im Steuerstand“, lobt die Ingenieurin ihren Mitarbeiter. Er steuert „Sibylle“ nur über die Informationen, die er über Monitore bekommt, auf denen sich teilweise Zahlenreihen an Zahlenreihen auflisten, auch Live-Kamerabilder sind zu sehen.

Für die junge Frau ist der Ringbau der aufregendste und spannendste Arbeitsvorgang. „Drei Männer arbeiten hier zusammen und bringen mit viel Feinfühligkeit einen zehn Tonnen schweren Tübbing millimetergenau an die richtige Stelle. Dabei schaue ich sehr gerne zu“, sagt sie. Dank Vakuum-Technik schweben die schweren Betonteile wie von Geisterhand durch die Luft. Am gewünschten Punkt angekommen, werden sie festgeschraubt. Um die sieben Tübbinge zu einem Ring einzubauen, dauert es zwischen 20 und 30 Minuten. Acht bis neun Ringe schaffen „Sibylle“ und die Mannschaft in zwölf Stunden, was 16 Meter sind. Auch die Fugen sind dann mit Mörtel verfüllt. Die Tagesleistung liegt in der Regel zwischen 25 und 28 Meter.

Die Hauptarbeit für Stefanie Rothe sind Protokolle. Bei jedem Ring, der eingebaut wird, müssen die Parameter überprüft werden. Jeder einzelne Tübbing wird passgenau in der benachbarten Fabrik hergestellt. So sind die Löcher für die Oberleitungen schon an der richtigen Stelle. Am Ende des Tages steht der Schichtbericht an.

Die Rückfahrt ans Tageslicht dauert um einiges länger, der Fahrer muss wegen eines entgegenkommenden Schwertransports lange rückwärts fahren, bis er auf das Podest kommt. Nur dort ist ein Begegnungsverkehr mit dem MSV, dem Multiservicefahrzeug, möglich. Das hat Vorfahrt, bringt es doch die Tübbinge und den Mörtel zu „Sibylle“. 20 Kilometer pro Stunde schafft das Papamobil. Der Zug wird in ein paar Jahren in nur rund zwei Minuten durch den acht Kilometer langen Tunnel brausen.

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