Kreistagswahl 2019

Im Wahljahr in voller Blüte

Grüne Die Partei im Kreis wächst und peilt zehn Prozent mehr Sitze in den Rathäusern an.

Wendlingen. Die Stimmung im Lager der Grünen könnte vor den Kommunalwahlen im Mai kaum besser sein. Die wichtigste Botschaft: Grün wächst - 528 Köpfe zählt der Kreisverband im Frühjahr 2019, 41 davon sind neu hinzugekommen. Den Trend in der Bundes- und Landespolitik bekommt man auch an der Basis zu spüren. Rückenwind, den die Grünen im Wahljahr nutzen wollen, um ihren Einfluss in kommunalen Gremien, im Kreistag und in der Region auszubauen. Das Ziel: Mindestens zehn Prozent mehr Sitze in den Rathäusern, zwei zusätzliche im Kreistag.

2014 erreichten die Grünen dort 15,3 Prozent der Stimmen und damit 14 Sitze. Bei der Wahl am 26. Mai peilt die Fraktion die 18-Prozent-Marke an. Eine grüne Kandidatenliste für den Kreistag findet sich in allen 13 Wahlkreisen. Darüber hinaus kandidieren Mitglieder in 24 der insgesamt 44 Kommunen im Landkreis Esslingen für einen Sitz im Gemeinderat. Bestes Beispiel für das neue Selbstbewusstsein: Erstmals gehen die Grünen mit zwei Bewerbern auch in der rechtskonservativen Hochburg Erkenbrechtsweiler an den Start.

Das Gesicht grüner Politik ist vergleichsweise jung und vor allem: weiblich. Bewerberinnen und Bewerber halten sich annähernd die Waage. Neu ist das nicht. Mit einer Frauenquote von 57 Prozent stellen die Grünen im Kreistag alle anderen Fraktionen weit in den Schatten. Der durchschnittliche Frauenanteil im Kreisparlament liegt bei 19 Prozent. Im Geschlechterproporz der Partei spiegeln sich die wahren Verhältnisse in der Gesellschaft wider, wie Vorstandsmitglied Stephanie Reinhold betont. Sie ist sich sicher: „Damit treffen wir bessere Entscheidungen, weil mehr Aspekte einfließen.“

Vier Kernthemen sind es, auf die sich die Grünen im Wahlkampf besonders konzentrieren: Das Thema Mobilität und Verkehr, Soziales und Jugend, Klima- und Artenschutz und natürlich der Bereich, der im Moment alle beschäftigt: Bauen und Wohnen. Mietobergrenzen im Auge behalten und notfalls überarbeiten, wenn sich abzeichnet, dass Wohnqualität darunter leidet, ein Mindestanteil von 20 Prozent Sozialwohnungen bei Neubauten und das konsequente Schließen von Baulücken, um Flächenfraß einzudämmen - notfalls auch unter Zwang, wie das Tübingens grüner Rathauschef Boris Palmer vorgeschlagen hatte. „Wir müssen auch stärker darauf achten, wo neuer Wohnraum entsteht“, sagt Reinhold. Nämlich bevorzugt dort, wo Anbindung an den Nahverkehr besteht.

Der soll künftig besser vernetzt werden. Wenn zum Fahrplanwechsel 2020/21 der 15-Minuten-Takt der S-Bahn kommt, müssten Busverbindungen angepasst und erweitert werden. „Bei der nächsten Fortschreibung des Nahverkehrsplans wollen wir die richtigen Weichen stellen in Richtung Qualität“, sagt Walburga Duong, Vize-Chefin der Kreistagsfraktion. Qualität heißt für sie: Auch entlegene Gemeinden sollen zwischen 5 und 22 Uhr im Halbstundentakt mit dem Bus erreichbar sein. Auch bei Radschnelltrassen und Express-Buslinien sehen die Grünen Ausbau-Potenzial. Vor allem dort, wo Lücken im Schienenverkehr klaffen, wie zwischen Kirchheim und den Fildern oder vom Neckartal in Richtung Vaihingen.

Bienenparadies und Flächenfraß

Umwelt- und Klimaschutz ist nicht nur der Markenkern der Grünen. Er gehört für Marianne Erdrich-Sommer „an erste Stelle politischen Handelns“. Ein Baustein ist das Projekt „Blühender Landkreis“ zum Schutz von Bienen, das die Partei angestoßen hat und das man ausdehnen möchte. Angesichts des Siedlungsdrucks im Ballungsraum sei jeder Quadratmeter wichtig, der dem Erhalt von Artenvielfalt diene, meint die grüne Fraktionschefin im Kreistag. Mit Spannung erwartet werden die Ergebnisse des Klimaschutzkonzepts für den Kreis, das Ende des Jahres vorliegen soll. Man werde diesen Prozess aufmerksam verfolgen und kritisch begleiten, verspricht Erdrich-Sommer.

Beim geplanten und 160 Millionen Euro teuren Neubau des Landratsamtes soll grüne Handschrift nicht nur an Energieeffizienz und grünen Dächern ablesbar sein, sondern auch an einem Mobilitätskonzept für die Mitarbeiter. Die gewaltigen Kosten will man mittragen und ein „zuverlässiger Partner“ sein, wie Erdrich-Sommer betont. Gleichzeitig jedoch fordert sie ein generelles Strategie-Konzept im Haushalt, das es in anderen Landkreisen schon gebe. „Man muss übergeordnete Ziele systematisieren.“ In den Ausschüssen werde regelmäßig über Fachkonzepte beraten, die danach wieder in den Schubladen landeten. „Heraus kommen sie meist dann wieder, wenn das Geld fehlt oder etwas schief läuft.“Bernd Köble

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