Kirchheim

Kässpätzle in der Tüte

Solidarität Die Kirchheimer Vesperkirche wurde in diesem Jahr in den Oktober verschoben. Am Sonntag gab es jedoch einen kleinen Vorgeschmack – zum Mitnehmen im Papierbeutel. Von Peter Dietrich

Essen to go - das haben sich die Macher der Vesperkirche einfallen lassen. Die Beutel eignen sich auch als Gruß für Nachbarn ode
Essen to go - das haben sich die Macher der Vesperkirche einfallen lassen. Die Beutel eignen sich auch als Gruß für Nachbarn oder Bedürftige. Foto: Peter Dietrich

Der Leser stelle sich folgendes Bild vor: Es klingelt und der nette Nachbar steht vor der Tür, in der Hand eine weiße Papiertüte mit einem kleinen Vesperkirchenaufkleber. Darin sind alle Zutaten für Kässpätzle enthalten, natürlich auch der Schinken und die Zwiebeln für zwei Portionen. Dazu gibt es ein Rezept für die Zubereitung - womöglich vor allem für Nichtschwaben gedacht - und eine kleine gedruckte Geschichte. Der nette Nachbar bringt die Tüte nicht, weil er den Empfänger als „bedürftig“ stempeln möchte, sondern einfach so, als netten Gruß auf Augenhöhe von der Vesperkirche.

Fühlt sich das gut an? Hoffentlich tut es das, und es könnte genau auf diese Weise in den nächsten Tagen an ganz verschiedenen Stellen in Kirchheim passieren. Denn am Sonntag wurden diese Tüten in allen evangelischen Gottesdiensten in Kirchheim ausgegeben, und zwar nicht nur für die Gottesdienstbesucher. Der Empfänger möge überlegen, regte Diakon Uli Häußermann beim „Gottesdienst zur Vesperkirche“ in der Thomaskirche an, wer die Tüte womöglich noch nötiger brauche als er selbst.

Diakoniepfarrerin Ute Stolz verglich die Kässpätzle sogar mit den fünf Broten und zwei Fischen, mit denen Jesus nach biblischem Bericht 5000 Männer satt gemacht hatte, die Frauen und Kinder noch gar nicht mitgezählt. Es ist das Wunder, dass etwas beim Teilen nicht weniger, sondern viel mehr als vorher wird. „Wir gehören zusammen“, betonte Ute Stolz. Ihr Predigttext war derselbe wie bei ihrer Investitur in Gomadingen vor ziemlich genau 24 Jahren. Als Petrus mit Jesus auf dem Berg der Verklärung ist, will er dort am liebsten bleiben und Hütten bauen. „Aber Jesus steigt mit seinen Jüngern hinunter in die Niederungen des Lebens.“ Diese Niederungen beschrieb Ute Stolz aktuell als „eine Zeit mit vielen dunklen Stellen und Flecken“.

Sie warb für kreative Ideen und Lösungen. Diese gab es auch in der Thomaskirche: Der Posaunenchor spielte im Freien, der Klang drang durch die offenen Türen in die Kirche. Drinnen spielten Claudia Brendel Klavier und Markus Schleeh Trompete, Ute Stolz und Uli Häußermann sangen das klassische Vesperkirchenlied: „Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht…“. Der Gottesdienst wurde per Livestream übertragen. Wer von zuhause aus dabei sei, sagte Ute Stolz, der dürfe selbstverständlich - im Gegensatz zu den Besuchern der Thomaskirche - laut singen.

„Es fällt nicht einfach aus, was uns am Herzen liegt“, sagte die Diakoniepfarrerin zur Vesperkirche. Doch was mit der Vesperkirche im Jahr 2021 machen, angesichts aller Einschränkungen und Kontaktbeschränkungen? „Das wird schwierig“, hatte sich das Vorbereitungsteam schon bei seinem ersten Treffen im Sommer 2020 gedacht. Uli Häußermann berichtete von verschiedenen Überlegungen, die alle wieder verworfen wurden. So etwa, die Vesperkirche auf den Nebenraum zu beschränken, und jeder würde mit zwei Metern Abstand alleine dasitzen. Werden stattdessen auf dem Marktplatz heiße Maultaschen für alle verteilt? Solle es viele kleine Vesperkirchen zuhause geben, bei denen sich Nachbarn gegenseitig zum Essen einladen? Nein, das alles klappte nicht, aber dann kam die Idee mit den Tüten zum Mitnehmen. Die eigentliche Vesperkirche wird dann von 3. bis 10. Oktober nachgeholt. Wenn es sein müsse, sagte Uli Häußermann, dann gebe es Biertische im Hof der Thomaskirche. „Darauf können Sie sich heute schon freuen“, sagte der Diakon zu den Gottesdienstbesuchern. „Der Wunsch nach Gemeinschaft ist nicht zu überhören.“ Eine Anruferin zitierte er mit den Worten: „Am besten wäre es halt, wenn die Vesperkirche wie in jedem Jahr wäre - wissen Sie, wir sind immer da und haben unseren Stammtisch.“

150 Tüten plus x

Die Vesperkirche, wie man sie aus vergangenen Jahren kennt. Das gemeinsame Essen verbindet. Archivfoto: Peter Dietrich
Die Vesperkirche, wie man sie aus vergangenen Jahren kennt. Das gemeinsame Essen verbindet. Archivfoto: Peter Dietrich

Ein Teil der Lebensmittel für die Kässpätzlestüten wurde vom Handel gespendet, der andere Teil gekauft. Zum Start wurden 150 Tüten gepackt. Am kommenden Mittwoch, 3. Februar, gibt es von 10 bis 12 Uhr eine weitere Verteilaktion. Sie findet parallel an der Diakonischen Bezirksstelle in Kirchheim, Alleenstraße 74, und auf dem Martinskirchplatz statt. Niemand muss Angst haben, leer auszugehen: „Wir packen bei Bedarf nach“, verspricht Uli Häußermann und beschreibt die Menge der Tüten deshalb als „150 plus x“.

Zu den Vesperkirchen im Land - Württemberg ist ein bundesweiter Schwerpunkt - kommen Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen, nicht nur aus finanzieller Bedürftigkeit. Diese sei in einer Großstadt wie Stuttgart oder Mannheim stärker zu spüren als in Kirchheim, sagt Uli Häußermann. Die Einsamkeit greife jedoch überall um sich. So wird die Vesperkirche immer wichtiger: In ihr sitzen ganz unterschiedliche Menschen an einem Tisch, die sonst wohl nie zusammenkämen. pd

1 Der Gottesdienst zur Vesperkirche ist im Internet zu finden unter www.youtube.com/watch?v=5EOilTwT-9g

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