Lokale Kultur

Kein Giftmord am Herzog, aber Justizmord an Süß

Stadtarchivar Dr. Joachim Brüser zeichnet ein wirklichkeitsgetreues Bild von Herzog Karl Alexander

Kirchheim. Württembergs Herzog Karl Alexander und Kirchheim hatten mehr miteinander zu tun, als man gemeinhin denken würde.

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Rund vier Jahre seiner Kindheit und Jugend hat er in Kirchheim verbracht, sagte Kirchheims Stadtarchivar Dr. Joachim Brüser in seinem Vortrag im Spitalkeller. Der Name der Veranstaltungsreihe von Volkshochschule, Stadtarchiv und Städtischem Museum – „Geschichte vor Ort“ – war also auch beim Thema „Karl Alexander“ durchaus angebracht.

Eigentlich aber ist Karl Alexander vor allem „der Herzog mit dem Jud Süß“. Und außerdem sagt die langjährige üble Nachrede, er habe das Land wieder katholisch machen wollen. Beide Klischees über Karl Alexander, sowohl die Rückkehr zum Katholizismus als auch die Geschichte mit Joseph Süß Oppenheimer, seien so zwar falsch, hätten aber einen wahren Kern. Insbesondere darüber wollte Joachim Brüser berichten.

Außerdem ging es in seinem Vortrag um die Auseinandersetzung des Herzogs mit der „Landschaft“ – also mit der politischen Elite, die sich aus der Geistlichkeit und dem Bürgertum rekrutierte. Die Landschaft wird nahezu synonym auch als „Ehrbarkeit“ oder als „Landstände“ bezeichnet. Sie berief sich im politischen Kampf gegen den Herzog zumeist auf das „alte Recht“: auf den Tübinger Vertrag von 1514, den sie seinerzeit Herzog Ulrich abgerungen hatte.

Das Spannungsverhältnis in der Regierungszeit Karl Alexanders (1733 bis 1737) brachte Joachim Brüser mit einer Frage im Untertitel seines Vortrags zum Ausdruck: „Absolutismus oder altes Recht?“ Allerdings zeigte er auf, dass es hier keine eindeutigen Zuschreibungen von Gut und Böse gibt, wie es sich aus heutiger Sicht von den Begrifflichkeiten her anbieten würde: auf der einen Seite der böse, absolutistische, verschwendungssüchtige Herzog und auf der anderen Seite die guten, aufrechten Demokraten, die sich selbstlos für die Belange der Einwohner einsetzten.

Es ging Joachim Brüser darum, ein anderes Bild von Karl Alexander zu zeichnen als das verzerrte, das auf Werke zurückgeht, die allesamt den Namen „Jud Süß“ tragen und in ihren Intentionen unterschiedlicher nicht sein könnten: Wilhelm Hauffs Novelle von 1827, Lion Feuchtwangers Roman von 1925 und Veit Harlans berüchtigter Propagandafilm von 1940.

Der historische Karl Alexander sei alles andere als verschwendungssüchtig gewesen. Als Mensch wollte ihm Joachim Brüser gleichwohl nicht begegnen, weil er sehr unbeherrscht gewesen sei und im Umgang mit Untergebenen mehr als unangenehm. Trotzdem waren Karl Alexanders Reformideen wohl nicht die schlechtesten: Gleich nach Regierungsantritt im Herbst 1733 habe er die Bauarbeiten am Ludwigsburger Schloss einstellen lassen und sei ins heutige „Alte Schloss“ in Stuttgart gezogen, das damals ziemlich baufällig gewesen sein muss. Theater, Feste, Mätressen – dafür waren sein Vorgänger und sein Nachfolger berühmt und berüchtigt: sein Vetter Eberhard Ludwig und sein Sohn Carl Eugen. Karl Alexander dagegen hatte ganz andere Leidenschaften: einerseits die Reform der Finanzen und der Verwaltung und andererseits das Militär.

Die militärische Laufbahn Karl Alexanders hatte schon früh begonnen: Als er 1684 geboren wurde, war sein Vater Friedrich Karl von Württemberg-Winnental gerade Vormundschaftsregent für den minderjährigen Herzog Eberhard Ludwig. Für Karl Alexander als Spross einer Seitenlinie gab es keine Versorgung. Er musste sich seinen Unterhalt selbst verdienen. So kam er bereits 1695, also mit elf Jahren, zu seinem ersten Einsatz im Feld. Zu dieser Zeit war er noch Einwohner Kirchheims. Er diente unter den bedeutendsten Feldherren seiner Zeit: Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, besser bekannt als „Türkenlouis“, und Prinz Eugen von Savoyen, der als „edler Ritter“ in die unterschiedlichsten Schulbücher eingegangen ist.

Karl Alexander selbst machte eine glänzende militärische Karriere in kaiserlichen Diensten. Aus freien Stücken ist er 1712 in der Wiener Hofburgkapelle zur katholischen Konfession übergetreten. Direkte Vorteile habe ihm das nicht gebracht, meint Joachim Brüser. Sein Aufstieg als Offizier sei auch vor der Konversion schnell verlaufen. Und die Heirat mit einer reichen katholischen Fürstentochter sei zwar tatsächlich erfolgt, aber erst 15 Jahre nach dem Übertritt: 1727 heiratete Karl Alexander – schon seit mehreren Jahren kaiserlicher Statthalter in Serbien – Maria Augusta aus dem Hause Thurn und Taxis.

Eine Schwierigkeit bestand darin, dass ein Katholik als Herzog plötzlich kraft Amtes zum evangelischen Landesbischof in Württemberg wurde. Aber er habe zugesichert, die kirchlichen Rechte unangetastet zu lassen, und habe sich daran auch gehalten. Es gab lediglich Pläne, die Rechte der wenigen Katholiken in Württemberg an die einer anderen religiösen Minderheit anzugleichen: der Calvinisten. Der „wahre Kern“ an der Rekatholisierungsgeschichte besteht hauptsächlich darin, dass es außer Prinz Eugen noch einen weiteren wichtigen katholischen Ratgeber gab: Friedrich Karl von Schönborn, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg.

Ein wichtiger Ratgeber in Finanzangelegen war Joseph Süß Oppenheimer. Er sei aber bei weitem nicht der wichtigste gewesen. Und er habe Karl Alexanders Finanzreformen auch nicht angeregt. Ähnliches hatte es schon vor Oppenheimer zu serbischen Statthalterzeiten gegeben. Karl Alexander habe die Einnahmen aus seinem herzoglichen Besitz beachtlich gesteigert, indem er schlichtweg dafür sorgte, dass sie auch in seiner Kasse landeten und nicht unterwegs versickerten. So machte er sich weniger abhängig von den Steuerbewilligungen durch die Landstände. Das wiederum sorgte für eine Blockadepolitik der Ehrbarkeit, nachdem sie Karl Alexander zunächst mit großen Erwartungen empfangen hatte.

Als Karl Alexander im März 1737 unerwartet an einem Schlaganfall und nicht etwa an einem Giftmord starb, holten sich die Landstände ihr „altes Recht“ zurück und nahmen grausam Rache am einzigen Vertrauten des Herzogs, dessen sie habhaft werden konnten. Andere Minister und Berater gehörten entweder selbst zum Kreis der Ehrbarkeit oder hatten ausländische Herren, die sich für sie einsetzten. Für „Jud Süß“ setzte sich niemand ein, weswegen er Opfer eines Justizmords wurde. So konnte die Landschaft bis zur Regierungsübernahme durch Carl Eugen 1744 weitgehend selbstherrlich die Geschicke Württembergs in die Hand nehmen und Karl Alexanders Reformen wieder abschaffen. Nach seinem Tod wurde auch der geplante Ausbau der Landesfestungen nicht weiterverfolgt, der tatsächlich viel Geld verschlungen hätte. So gibt es auch für die Teck lediglich Pläne, ohne dass mit großen Arbeiten begonnen worden wäre. Von Karl Alexander bleibt außer den Kirchheimer Jugendjahren also vor allem noch ein lebensgroßes Porträt in Kirchheim: Es hängt im großen Sitzungssaal des Rathauses.