Coronavirus

Keine Zeit zum Krafttanken

Coronavirus Das Team der Apotheken in Notzingen und Hochdorf arbeitet schon seit einiger Zeit an der Belastungsgrenze. Gemeinsam mit den Kunden möchte man die aktuelle Situation meistern. Von Katja Eisenhardt

Sicherheit geht vor: Apotheker Matthias Kühnle am Verkaufstresen hinter einer der Plexiglas-Schutzwände, die er kurzfristig währ
Sicherheit geht vor: Apotheker Matthias Kühnle am Verkaufstresen hinter einer der Plexiglas-Schutzwände, die er kurzfristig während eines Nachtdiensts organisiert hat. Foto: Katja Eisenhardt

Die körperliche Anstrengung der letzten Tage ist Dr. Matthias Kühnle deutlich anzusehen, als er sich in der Mittagspause Zeit für ein Gespräch nimmt. Zeit, die der Apotheker wie alle Mitarbeiter des Gesundheitssystems oder der Lebensmittelbranche gerade eigentlich nicht übrig haben. Matthias Kühnle muss erst überlegen, wie lange er jetzt schon am Stück im Dienst ist. Zuletzt ist er um 7 Uhr in seine Hochdorfer Kirch-Apotheke gekommen, verlassen hat er sie erst wieder tags darauf am Abend gegen 19 Uhr. 36 Stunden auf Abruf, den Nachtdienst inklusive. „Die Auswirkungen der Coronakrise sind deutlich spürbar“, sagt der Apotheker.

Das fängt in der eigenen Familie an: Seine Frau ist ebenfalls Apothekerin und leitet die familieneigene Notzinger Eberhard-Apotheke. Zum Glück funktioniere die Notfallbetreuung für die Kinder am Wohnort Kirchheim, sagt Matthias Kühnle. In der Apotheke selbst hat sich das ganze Team für die aktuell schwierige Situation gerüstet. Im Nachtdienst wurden zügig die Plexiglas-Schutzwände für den Kassenbereich organisiert, auf dem Boden kleben Abstandsmarkierungen, ein Schild vor der Apotheke weist die Kunden darauf hin, wie viele Personen sich maximal gleichzeitig in der Apotheke aufhalten dürfen, und auch nur diejenigen, die gesund sind. „Es halten sich zum Glück alle daran, das funktioniert sehr gut“, berichtet der Apotheker. Das sei auch wichtig, denn das Kundenaufkommen sei seit Corona um ein Deutliches gestiegen. Das Personal trägt zudem Handschuhe, alle wichtigen Bereiche wie Handverkaufsplätze oder Kassentastaturen werden in engmaschigen Abständen desinfiziert.

Wie bei einzelnen Produkten in den Lebensmittelgeschäften sei auch in der Apotheke die Nachfrage nach bestimmten Medikamenten und sonstigen Produkten exorbitant gestiegen. „Fiebersenkende Mittel sind natürlich aktuell besonders gefragt. Die Leute schauen, was in ihrer Hausapotheke fehlt, und möchten dann teils gern gleich mehrere Packungen auf Reserve. Eine Rationierung ist daher sehr wichtig.“ Man merke auch sehr deutlich, wie die wechselnden Nachrichten in den sozialen Medien das Kaufverhalten beeinflussen. Aktuelles Beispiel: Paracetamol statt Ibuprofen. „Manche wollen da dann am liebsten fünf, sechs Packungen. Das geht nicht. Es ist ohnehin so, dass nur eine Packung Paracetamol pro Kunde ausgegeben wird, da darüberliegende Mengen der Verschreibungspflicht unterliegen“, erklärt Kühnle. „Schutzkleidung oder Desinfektionsmittel gibt es schon eine Weile nicht mehr.“

Sonntags bleibt geschlossen

Klar geregelt ist bei den jeweils eingeteilten Mitarbeiten auch, wer für welchen Bereich zuständig ist: Kasse, Back-Office, Labor, Rezeptur. Die Pausen würden für kurzfris­tige Besprechungen genutzt, zum Putzen und Desinfizieren und um die Lieferkapazitäten des pharmazeutischen Großhandels zu prüfen - in diesen Tagen noch regelmäßiger als ohnehin schon. „Lieferengpässe gibt es für Apotheken schon seit Jahren. Das hängt mit den Rabattverträgen der Krankenkassen zusammen und wird von unserem Berufsstand schon lange bemängelt. In Zeiten wie diesen zeigt sich diese Problematik umso verschärfter“, betont Matthias Kühnle. Aktuell brauche man bei vielen Medikamenten das Drei- bis Vierfache der üblichen Menge. Für alle, die auf verschreibungspflichtige Medikamente angewiesen seien, mache es schon Sinn, sich mit angemessenen Mengen zu versorgen.

An alle anderen Kunden appelliert Kühnle, in gesundem Maß und nur nach tatsächlichem Bedarf einzukaufen. Ein Appell, der nicht oft genug auch an alle „Hamsterkäufer“ im Lebensmittelbereich gerichtet werden kann.

Dafür, dass seine Apotheke künftig trotz neuer Sonderverordnung auch sonntags geschlossen bleibt, bittet Matthias Kühnle bei seinen Kunden um Verständnis: „Wir sind schon jetzt an unserer Belastungsgrenze. Wir brauchen wenigstens diesen einen Tag, um wieder neue Kraft zu tanken. Wir sind uns unserer Verantwortung sehr bewusst und tun alles dafür, die Situation langfristig zu meistern.“ Jeder Einzelne müsse seinen Beitrag dafür leisten und sein eigenes Verhalten überdenken. „Wir bekommen dieser Tage viel Wertschätzung von den Kunden entgegengebracht. Das hilft einem natürlich auch dabei, weiter durchzuhalten.“

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