Kirchheim

Kirchheim wächst weiter in die Höhe

Bauvorhaben Am Rand des Gerberviertels entsteht ein neues markantes Gebäude, dessen Firsthöhe auf maximal 17 Meter festgelegt ist. Diese Höhenentwicklung sorgt für Diskussionen. Von Andreas Volz

Das Eckhaus an der Einmündung der Schülestraße in die Alleenstraße soll neu gebaut werden. Der Gemeinderat hat jetzt eine maxima
Das Eckhaus an der Einmündung der Schülestraße in die Alleenstraße soll neu gebaut werden. Der Gemeinderat hat jetzt eine maximale Firsthöhe von 17 Metern festgelegt. Damit reduzierte er die Empfehlung des Gestaltungsbeirats immerhin um ein ganzes Stockwerk.Foto: Carsten Riedl

Heftig haben Kirchheims Volksvertreter darum gerungen, was am Rand des Alleenrings dem Volk gegenüber noch vertretbar ist. Die Meinungen gingen so weit auseinander wie die möglichen Trauf- und Firsthöhen für das Eckgebäude an der Schülestraße - gegenüber vom Schloss. Als Referenz wurden Gebäude in der Nachbarschaft genannt, von den „Lauterterrassen“ an der alten „Krone“ bis hin zur Kreissparkasse an der Max-Eyth-Straße. Aber auch diese Höhen wurden ganz unterschiedlich gewertet und gewürdigt.

Kirchheims oberster Stadtplaner Gernot Pohl erinnerte daran, dass außerhalb des Alleenrings einmal „Handwerkerhäuschen“ standen. Seit langem aber entwickle sich städtisches Bauen immer mehr in die Höhe. Dieser Entwicklung könne sich auch Kirchheim nicht verschließen. Als Höhenmarke am Alleenring nannte er das Sparkassengebäude und das gegenüberliegende „historische Kaufhaus aus dem Jahr 1904“.

Langfristig dürfte also der gesamte Alleenring solche Höhen aufweisen. Deshalb soll auch das Eckgebäude an der Schülestraße die geplanten Nebengebäude in Richtung Kolbstraße deutlich überragen. Das läuft zwar dem Straßenverlauf zuwider, der in Richtung Schlachthof abschüssig ist. Aber trotzdem hat der Gestaltungsbeirat empfohlen, dass der Bebauungsplan für das massive Eckhaus eine Traufhöhe von 13 Metern und eine Firsthöhe von 19,50 Metern ausweisen könne.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Marc Eisenmann nannte weitaus geringere Zahlen, die ursprünglich einmal im Gespräch waren - maximal 16 Meter für den First. Den Vergleich mit der Kreissparkasse ließ er nicht gelten, weil diese viel zu weit entfernt liege: „Was hier zählt, ist die Nähe zum Schloss.“ Unter anderem darauf habe sich der Technische Ausschuss bezogen, als er reduzierte Höhen vorschlug: 10,30 Meter für die Traufe und 17 Meter für den First. „Alles andere ist uns an dieser Stelle zu hoch.“ Auch mit den 17 Metern Firsthohe komme die Stadt dem Investor entgegen. Zum Gestaltungsbeirat stellte er fest: „Wir müssen dessen Empfehlungen nicht zu 100 Prozent folgen.“

Was gilt der Gestaltungsbeirat?

Im Beirat sitzen auch Gemeinderatsmitglieder - aus allen Fraktionen, wie Ulrich Kreyscher (FDP/KiBü) erwähnte: „Wo waren denn deren Stimmen gegen die Trauf- und Firsthöhen im Gestaltungsbeirat?“ Sein Fazit, das er eher bitter als ernst meinte: „Wenn wir den Rat des Gestaltungsbeirats nicht wollen, können wir das Gremium ja auch wieder abschaffen.“

Nicht ganz so grundsätzlich wollte Hans Kiefer (CIK) die Sache angehen: „Wenn wir hier dagegen sind, stimmen wir an anderen Stellen der Stadt vielleicht trotzdem für höhere Gebäude.“ Aber auch die „Lauterterrassen“, erscheinen ihm deutlich überdimensioniert. „Heute würde dort jeder sagen: ,Hätten wir nur auf einem Stockwerk weniger bestanden‘.“ Keinesfalls dürfe sich der Gemeinderat vor einem Satzungsbeschluss durch die Empfehlungen des Gestaltungsbeirats unter Druck setzen lassen.

Das sieht Hans-Peter Birkenmaier (Freie Wähler) ähnlich: „Die Höhen, die der Technische Ausschuss vorschlägt, sind das Maximale. Mehr sollte es nicht sein.“ Die Gebäude zwischen Schülestraße und Max-Eyth-Straße seien wesentlich niedriger. Auch sie könnten als Maßstab dienen - nicht unbedingt nur die höchsten Häuser.

Ganz klar für die künftige Höhenentwicklung sprach sich CDU-Stadtrat Wilfried Veeser aus, und zwar generell. Zum Eckgebäude an der Schülestraße meinte er: „Wir haben im Ausschuss relativ spät die Traufhöhe geändert. Das ist ein massiver Eingriff in die Pläne des Investors, der Planungssicherheit braucht.“ Der Gemeinderat mache sich dadurch unglaubwürdig.

Dem widersprach Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker vehement: „Mit dem Satzungsbeschluss setzt der Gemeinderat Recht. Er entscheidet hier als Souverän.“ Außerdem gehe es um den Städtebau, nicht um wirtschaftliche Interessen. Sie selbst entschied sich zwischen dem „Bauchgefühl“, das zu niedrigeren Höhen rät, und dem „Fachverstand“, der sagt, dass sich die Stadt in 30 bis 40 Jahren ohnehin in die Höhe entwickeln wird. Trotz Bauchgefühl wollte sie sich dieser „Fachlichkeit“ anschließen.

Der Gemeinderat sah das mehrheitlich anders und entschied sich mit 19 zu zehn Stimmen für den Leitantrag des Ausschusses. Es bleibt also bei 17 Metern Firsthöhe.

Der Rat bleibt souverän

Besuchen Sie Europa - solange es noch steht: Diesen Rat erteilte die Band „Geier Sturzflug“ vor 36 Jahren. Er ist aktueller denn je, und er lässt sich auch auf Kirchheim anwenden. Die Zukunftsvisionen, die jetzt im Gemeinderat anklangen, sind die reinsten Horrorvisionen: Noch einmal 36 Jahre, und die gesamte Alleenstraße könnte so aussehen wie die „Lauterterrassen“, die gerade gebaut werden. Bislang lassen diese allerdings nur ein geringes Ausmaß des künftigen Schreckens erahnen. Das Eckgebäude am Kreisel - auch so ein markanter Standort für einen „städtebaulichen Akzent“ - wird mit seiner Höhe die gesamte Umgebungsbebauung nämlich gehörig in den Schatten stellen.

Einzelnen Gemeinderatsmitgliedern graut es jetzt schon, wenn sie erkennen müssen, was für ein Klotz dort in die Höhe wächst, und wenn sie direkt vor Augen gehalten kriegen, was sie durch ihre Zustimmung abgesegnet haben. An der Ecke Schüle­straße / Alleenstraße haben sie sich jetzt für ein Stockwerk weniger entschieden als vom Investor vorgesehen. Das ist ein gutes Zeichen, denn genau das sind die Akzente, die ein Gemeinderat zu setzen hat: Wenn sich die Höhenentwicklung schon nicht aufhalten lässt, so ist sie doch zu bremsen, solange es geht.

17 Meter Firsthöhe sind gegenüber dem Schloss immer noch gewaltig. Auch da wird es zum verwunderten Augenreiben kommen, wenn der Neubau seine endgültige Höhe auch nur näherungsweise erreicht hat. Trotzdem ist es beachtlich, dass sich der Gemeinderat dazu durchgerungen hat, nicht auch noch die geforderten 2,50 Meter zusätzlich obendrauf zu setzen.

Es ist auch eine wichtige Aussage der Oberbürgermeisterin, wenn sie die Entscheidungshoheit des Gemeinderats über alles stellt. Damit stärkt sie den Ratsmitgliedern den Rücken und macht sie frei dafür, ihre Entscheidungen wirklich nach bestem Wissen und Gewissen zu treffen. Keiner musste sich bei der Abstimmung fragen, ob der Investor Regressansprüche stellen kann, wenn der Bebauungsplan seinen Wünschen nicht voll und ganz entspricht. Der Gemeinderat allein schafft das Recht, auf das es ankommt.

Und was bringt die Zukunft? Hoffentlich schon bald die Möglichkeit für den Gemeinderat, durch virtuelle Modelle zu „spazieren“, bevor gebaut wird: Jeder „Horrorfilm“, der verhindert, dass der Horror Realität wird, hätte eine heilende Wirkung.     Andreas Volz

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