Kirchheim

Kirchheimer Club ist weiter eine Bastion

Zeitgeschichte Den legendären 68ern hat das Stuttgarter Haus der Geschichte eine spannende Ausstellung gewidmet und den einen oder anderen Mythos entzaubert. Von Iris Häfner

Es ist ziemlich dunkel, das Auge muss sich erst mal an das Licht gewöhnen. Ist das passiert, prasseln die ersten Eindrücke dann umso schneller auf den Besucher ein. Musik ist zu hören, ebenso Stimmen, und der Blick wird unweigerlich von den großen, auf die Wände projizierten Bilder und Filme auf ein knallrotes Minikleid gelenkt, das dank des Spotlight perfekt in Szene gesetzt ist. Es ist ein gestricktes Minikleid aus dem Jahr 1972. Frida Rothe hat es für die Abi-Feier im Gymnasium in Calw gekauft. Frida Rothe war Pfarrerin in Schopfloch und Gutenberg. Aufgewachsen ist sie in dem kleinen Dorf Oberkollwangen bei Bad Teinach. „Für sie hatte das Kleid Signalwirkung. Es dokumentierte ihren Mut, ein neues Leben zu beginnen und das ländliche Umfeld für ein Universitätsstudium zu verlassen“, ist dazu im Begleitkatalog zur Ausstellung nachzulesen.

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Darin ist auch die ganze Pracht des Otto Muehl zu sehen. Der hatte seinen skandalösen Auftritt im Kirchheimer Club-Keller im Entstehungsjahr 1968: Er stand pudelnackt auf der Bühne. Ein Unding für das konservative Publikum, weshalb sich prompt der Kirchheimer Stadtrat gleich in mehreren Sitzungen damit befasste und den Mietvertrag schließlich kündigte. Die Bastions-Mitglieder haben jedoch Rechtsmittel eingelegt und in zweiter Instanz nach zwei Jahren beim Landgericht Recht bekommen.

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Neben Konzerten finden in der „Bastion“ auch politische Veranstaltungen statt. Hier im Bild: 2009 trafen sich alle für den Gemeinderat kandidierenden Parteien und Gruppierungen
zu einer Podiumsdiskussion. Dass die Bastion früher ein Ort für Rebellen war, zeigt nun eine Ausstellung in Stuttgart. Archiv-Foto: Jean-Luc Jacques

Diesem Umstand der bewussten Provokation der Gründungsmitglieder hat es der Kirchheimer Club Bastion zu verdanken, dass er zu den ausgewählten Clubs in der Ausstellung zählt - und der nicht unerheblichen Tatsache, dass er seit 50 Jahren an Ort und Stelle besteht und dazu weiterhin erfolgreich ist. „Der Club Bastion hat eine tolle Aura“, sagt Dr. Sebastian Dörfler, der als Wissenschaftlicher Volontär die Ausstellung maßgeblich gestaltet hat.

Holzköpfe als Wahrzeichen

Gleich mehrere Fotos von Otto Muehl im Adamskostüm in der Bastion sind in der Stuttgarter Ausstellung zu bewundern. Den Kirchheimer Besuchern werden dort als erster Blickfang die zwei Holzköpfe ins Auge fallen, die sonst zusammen mit dem Totenkopf die Mauernische hinter der Bühne schmücken. Sie stammen von einem Altkommunisten aus Nürtingen, der in der nationalsozialistischen Diktatur verfolgt worden war. Er schenkte dem Club aus Begeisterung für ihr Angebot die maskenähnlichen Plastiken.

Mit Mythen aufräumen

„Wir haben die Zeit der gesellschaftlichen Wende mit ausgewählten Aspekten dargestellt“, erklärt Sebastian Dörfler. Unter anderem hat er mit dem einen oder andern Mythos aufgeräumt. „Wir stellen stark infrage, dass die 68er sich für die Emanzipation der Frau stark gemacht haben, denn die Männer waren weiterhin patriarchalisch aufgestellt. Die Männer machten die Musik, die Frauen bejubelten sie“, stellt er fest. Gefragt waren die Frauen als Groupies - und damit ist die Ausstellung auch bei der Enttabuisierung des außerehelichen Sex‘ angelangt. Eine Packung Anovlar  21, die Antibabypille von Anfang der 60er-Jahre, ist zu sehen. Bekommen haben sie damals allerdings nur verheiratete Frauen mit mindestens zwei Kindern.

„Linke Gruppen hatten auch kein Verständnis für Homosexuelle. Das zeigt: Die Weltverbesserer hatten einige blinde Flecken“, sagt Sebastian Dörfler.

Sebastian Dörfler hat im Haus der Geschichte Baden-Württemberg die 68er-Ausstellung konzipiert. Hier steht er vor den Holzköpfen
Sebastian Dörfler hat im Haus der Geschichte Baden-Württemberg die 68er-Ausstellung konzipiert. Hier steht er vor den Holzköpfen, die seit Anfang der 1970er-Jahre die Mauernische im Bastionskeller schmücken. Foto: Iris Häfner

Wie sich die Jugendlichen der Polizei entzogen

„Wir scheinen einen Nerv getroffen zu haben“, freut sich Sebastian Dörfler über die vielen Besucher. Die 68er-Ausstellung im Haus der Geschichte lockt sowohl diejenigen an, die diese Zeit hautnah miterlebt haben, als auch die jüngere „Erlebnis-Generation“. Bewusst hat Dörfler das Jahr 1968 in einen längeren Zeitraum eingebettet. Die Ausstellung beginnt Ende der 1950er-Jahre und endet 1973.

Der Musik kommt in dieser Geschichte eine große Bedeutung zu. Es beginnt brav, die Musiker tragen zu Jazz- und Rock-‘n‘-Roll-Klängen brav Anzug und Krawatte, steigern sich dann aber schon bald zu total ausgeflippten Typen wie Guru Guru mit ihrem LSD-Marsch.

Das Thema Gewalt wird nicht ausgespart. „Provokation, Eskalation und die Frage der Gewalt“ ist ein Themenkomplex überschrieben, dem das Kapitel „Sag Nein!“ vorausgeht. Dazu zählt auch der Protest gegen den Vietnamkrieg der USA.

Das Phänomen Privatparty ist dank des wirtschaftlichen Aufschwungs entstanden. Die Wohnungen wurden größer und die Jugendlichen hatten eigene Zimmer, in denen sie Partys feierten. „Die Polizei war in großer Sorge. Bei öffentlichen Veranstaltungen konnten sie die Jugendlichen nach 22 Uhr rausschmeißen - bei den Privatpartys hingegen waren sie dieser Kontrolle entzogen“, erläutert Sebastian Dörfler.

Noch bis zum 24. Juni ist die Ausstellung „. . . denn die Zeiten ändern sich - Die 60er-Jahre in Baden-Württemberg“ im Haus der Geschichte in Stuttgart im Untergeschoss zu sehen. ih