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Kommentar: Rücksichtslos durchs Tal

Der Mensch zählt offenbar nichts. Was zählt, ist die Maschinenlaufzeit, gerne mit den Begriffen der Effizienz und damit Arbeitsplatzsicherung legitimiert. Wenn‘s drauf ankommt, zählt der schnöde Mammon - wie in schönsten Absolutismuszeiten - immer mehr als all die Sonntagsreden.

Ein Paradebeispiel dafür ist die ICE-Tunnelbaustelle bei Kirchheim. Gesundheitliche Probleme wegen des Brandkalk-Staubs? Wen interessiert‘s - es gibt dafür schließlich keinen Grenzwert wie beim Diesel-Feinstaub.

Jetzt also Schwerlastverkehr am Sonntag durchs Lenninger Tal. Wen interessiert das Geschwätz vom vergangenem Jahr? Bei den Bürgerinformationsveranstaltungen in der Dettinger Schlossberghalle und in der Owener Teckhalle gab es die klare Aussage von der DB: Am Sonntag fährt kein Lkw. Allerhöchstens samstags. Dabei war aber immer vom Abtransport des Abraummaterials in Richtung Steinbruch die Rede. Darauf können sich die Verantwortlichen berufen.

Kein Zuhörer kam damals auf die Idee, nach der Zulieferung für die Tübbing-Produktion zu fragen. Von deren Existenz - die Betonelemente für die Tunnelwand - erfuhren die allermeisten erstmals bei den Veranstaltungen. Jetzt wird also ganz dringend Material für deren Produktion benötigt, sodass ein Hol-Transport vom Steinbruch bei Grabenstetten sogar sonntags nötig ist. Die IHK - ein Interessenverband der Wirtschaft - hat dem Vorhaben eine „Dringlichkeitsbescheinigung“ ausgestellt. Das hat einen hohen Stellenwert bei der Bewertung im Landratsamt Esslingen. In der Regel werden die Ausnahmegenehmigungen dann erteilt.

Würde der Mensch etwas zählen - wie so gerne in den Sonntagsreden formuliert -, könnten die Tunnelbohrmaschinen einfach einen Zacken langsamer fahren, und das Problem würde sich gar nicht stellen. Iris Häfner

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