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Kommentar: Sorgt Putz für Schutz?

Der Verweis auf Hermann Hesse ist ein zweischneidiges Schwert: Das Kirchheimer Wachthaus mag er beschrieben haben, ein Fachwerkhaus im heutigen Sinne aber nicht. Das Wachthaus ist eben nur von der Konstruktion her ein Fachwerkhaus. Wer sich die Balken genauer anschaut, merkt sofort, dass sie nur für ihre statische Funktion bearbeitet worden sind - nicht aber, weil sie eine Zierde sein sollten.

Nach Jahrzehnten der Freilegung aller Fachwerke scheint jetzt ein Umdenken einzusetzen: So heimelig die Fachwerkfassaden mit dem freigelegten Holz auch wirken mögen, so wenig dürften sie dauerhaft Wind und Wetter trotzen können.

Wenn nun nach und nach alle Fachwerkfassaden unter Putz zu verschwinden drohen, wird sich das Stadtbild Kirchheims dras­tisch ändern. Fürs erste aber könnte der Putz trotzdem ein guter Schutz für die historische Bausubstanz sein: Sie bleibt wohl besser unter einem Putz bewahrt, als dass man sie komplett verfallen lässt. Dann bleibt eines Tages nämlich nur der Abriss.

So aber besteht die Möglichkeit, dass irgendwann einmal neue Techniken entwickelt werden, wie sich Holz und Putz verbinden lassen, ohne dass die Substanz darunter leidet. Dann könnte nach einer Ära des Verputzens wiederum eine des Freilegens kommen. Schließlich verhält es sich mit Gebäuden nicht viel anders als mit der Kleidung: Moden kommen und gehen - und sie wiederholen sich.

Zurück zu Hesse, der Kirchheim einst als Kastanienstadt beschrieben hat. Auch das ist heute ein Problem: Die Kastanien vertragen das Klima kaum mehr. In diesem Fall aber taugt Verputzen sicher nicht als Zwischenlösung.

Andreas Volz

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