Kirchheim

Kommunikation und Zwangsjacke

Kunst Bei der Ausstellung des Kunstvereins beschäftigen sich 22 Künstler in 77 Werken mit dem Thema „Vernetzung“. Das breite Spektrum künstlerischer Auseinandersetzung ist bis zum 13. Oktober zu sehen. Von Kai Bauer

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Vernetzt - Chance und/oder Risiko ist der Titel eines Beitrags von Brigitta Goerke bei der Mitgliederausstellung des Kirchheimer Kunstvereins im Kornhaus. Das Kunstwerk fordert den Betrachter zu einer Stellungnahme mit Stift und Papier auf. Die Künstlerin hat einen Rahmen mit unterschiedlichen Schnur- und Wollnetzen bespannt, in dem die Besucher ihre Zettel mit Wäscheklammern befestigen können. Alternativ dazu können auch ausgedruckte Seiten aus dem Internet zum Thema Vernetzung auf ein braun lackiertes Relief aus Wellpappe aufgebracht werden. Viele Künstlermitglieder halten sich jedoch nicht streng illustrierend ans Thema und zeigen die neuesten Arbeitsergebnisse aus ihren Ateliers, was der Ausstellung auch eine erfrischende Vielfalt verleiht.

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker eröffnete die Ausstellung, und der Vorsitzende des Kunstvereins, Jürgen Roes­ner, stellte Künstler und Werke vor. Eine Tanzperformance, geleitet von Jutta Scholz, rundete die Vernissage ab.

Für das Gebäude der städtischen Galerie und des Kunstvereins sind im übernächsten Jahr grundlegende Renovierungs- und Umbaumaßnahmen geplant, die mehrere Jahre andauern werden. Das Kornhaus soll in der Zukunft jedoch weiter offen für die lebendige Kunstszene der Stadt sein. „Das Kornhaus soll noch intensiver ein Ort der Auseinandersetzung mit Kunst mitten in der Stadt sein, und das nicht nur für Leute, die etwas mehr Geld haben“, forderte Frau Matt-Heidecker.

Eine Tanzperformance, geleitet von Jutta Scholz, stimmt das Publikum auf die Vernissage im Kornhaus ein.Fotos: Marcel Heckel
Eine Tanzperformance, geleitet von Jutta Scholz, stimmt das Publikum auf die Vernissage im Kornhaus ein. Fotos: Marcel Heckel

Gedanken über die „Vernetzung“ vor allem in der digitalen Welt, aber auch als generelles strategisches Mittel von Kunstschaffenden bestimmen die meisten der ausgestellten Arbeiten, auch wenn sie fast nur mit analogen Techniken hergestellt wurden. In Mark Neubauers surrealen Landschaften scheinen sich die Kommunikationsmedien verflüssigt zu haben. In den Objektplastiken von Uwe Schwarz sehen sich winzige Figuren aus dem Modellbau mit der riesigen, bedrohlichen Erscheinung der digitalen Welt konfrontiert, die mal mit der skurrilen Form eines Schusterambosses, mal als schwarzer Hochhausblock dargestellt wird.

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Frank Hummels graffitiähnliche Malerei stellt unter dem Titel „adipöse chipsfressende Gehirne“ den digitalen Medienkonsum generell infrage und erinnert daran, dass es nur mit pornografischem Angebot möglich war, das Internet in die Privathaushalte zu verbreiten, da die Einrichtung eines PCs mit Internetanschluss in den 90er-Jahren keine Selbstverständlichkeit war.

Überhaupt hat die Themenstellung durchaus medienkritische Ergebnisse provoziert, die den Betrachter anregen, „neu darüber nachzudenken, wie wir das digitale Universum mit unserem analogen Dasein sinnvoll in Einklang bringen und Demokratie, Kreativität und Selbstbestimmung retten können“, wie Evgeny Morozov in seinem Buch „Smarte neue Welt“ schreibt. Seine Kritik darin: Alles erinnere an frühere Versuche, die Menschheit in eine Zwangsjacke zu stecken, und die heutige Zwangsjacke könne eine digitale sein.

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