Kirchheim

Leben für Vögel und Insekten

Vogelkunde Vor 50 Jahren hat Wulf Gatter die Forschungsstation am Randecker Maar gegründet. Seitdem erfasst er sämtliche Daten über Vögel. Von Daniela Haußmann

Peer Gatter beobachtet an der Forschungsstation am Randecker Maar, die einst im Jahr 1968 von seinem Vater Wulf gegründet wurde,
Die Forschungsstation am Randecker Maar, die einst im Jahr 1968 von Wulf Gatter gegründet wurde, zieht Vogelfreunde aus aller Welt an. Foto: Daniela Haußmann

Wulf Gatter ist stolz. Und das zu Recht. Seit er 1968 seine Forschungsstation im Schopflocher Ortsteil Torfgrube ins Leben gerufen hat, konnte der Ornithologe bereits rund 30 Millionen Vögel erfassen. Unterstützt von Professoren, Dozenten, Doktoranden und anderen Fachleuten aus aller Herren Länder, hat der 75-Jährige „die längste Zählreihe über den Insekten- und Vogelzug in Europa an einem Punkt“ zusammengetragen. Lange bevor die grün-schwarze Landesregierung das Sonderprogramm für biologische Vielfalt aufgelegt hat, um Maßnahmen gegen den Insektenschwund zu ergreifen, hat Wulf Gatter die Zeichen der Zeit erkannt.

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1962 veröffentlichte die Biologin Rachel Carson ihr Buch „Stummer Frühling“. In ihm beschreibt die Amerikanerin die Auswirkungen, die der Einsatz von Pestiziden auf Umwelt, Tier und Mensch hat. Sie warnt dabei vor allem vor dem Insektengift Dichlordiphenyltrichlorethan, das unter der Abkürzung DDT bekannt ist. „Schon Mitte der Fünfzigerjahre gab es Erkenntnisse, dass das Mittel nicht nur Insekten tötet, sondern auch andere Lebewesen bis hin zu Menschen schädigt“, erinnert sich Wulf Gatter.

Ein Buch war der Auslöser

„Durch DDT wurde die Zahl der Adler und anderer Greifvögel in den USA drastisch reduziert“, erläutert der Vogelfreund. Unter dem Eindruck von Carsons Buch und den in Amerika diskutierten Folgen des Chemieeinsatzes in der Agrarwirtschaft, gründete Gatter seine Forschungsstation. Damals begann sich ihm zufolge die Landwirtschaft auch in Deutschland zu verändern.

Daher schien es ihm notwendig, systematisch Daten zu erfassen, die zeigen, welche Arten über das Maar wandern und wie sich ihre Bestände entwickeln. Hartmut Ebenhöh erinnert sich gut an die anstrengenden Anfangsjahre. „Damals haben wir stundenlang Vögel gezählt. Die Insekten wurden in Reusen gefangen und stündlich ausgezählt“, berichtet der Vogelkundler. Tausende von Schwebfliegen gingen Wulf Gatter und seinen Mitstreitern in den Achtzigerjahren auf diese Weise noch ins Netz. „Jetzt ist es vielleicht noch ein Dutzend“, bedauert der Naturschützer.

Doch weshalb wählte Wulf Gatter vor fünf Jahrzehnten ausgerechnet das Randecker Maar als Standort für seine Forschungsstation aus? Mit einer Handvoll Ornithologen stellte der Kirchheimer ab Mitte der Sechzigerjahre am Rand der Schopflocher Alb Zugbeobachtungen an, wie sein Sohn Dr. Peer Gatter berichtet.

Ein Hotspot für die ganze Nation

Schnell erkannten die Vogelkundler, dass sich die Landschaft im Bereich des Naturschutzgebietes über mehrere Kilometer wie ein Trichter verengt. „Deshalb verdichtet sich hier der Vogelzug auf einer konstanten Höhe, und die Schwärme breiten sich erst nach Überwindung des Maars wieder aus“, erklärt Peer Gatter. Derzeit steht sein Vater mit dem Land in Kontakt, um zu klären, ob und wie sich der umfassende Datenschatz in das baden-württembergische „Sonderprogramm biologische Vielfalt“ einbinden lässt.

Die Forschungsstation hat sich zwischenzeitlich zu einem Hotspot für Ornithologen aus dem gesamten Bundesgebiet entwickelt. Gunnar Oehmichen beispielsweise reist seit vier Jahren immer im Herbst von Leipzig an, um über mehrere Wochen hinweg Vögel zu beobachten. „Ich habe bislang keinen anderen Ort gefunden, an dem das so gut möglich ist“, sagt Oehmichen, den es deshalb immer wieder auf die Schopflocher Alb zieht. Kürzlich zelebrierte Wulf Gatter das Jubiläum seiner Station mit einem Tag der offenen Tür. Aus diesem Grund kamen Wissenschaftler, Naturschützer und Interessierte ins Randecker Maar. Seine Arbeit, die sich finanziell ausschließlich auf Sponsoren und Spenden stützt, will der 75-Jährige noch so lange wie möglich weiterführen.