Kirchheim

Leben mit dem Tod

Jubiläum Seit 25 Jahren besteht die Arbeitsgemeinschaft Hospiz Kirchheim. Die 40 Ehrenamtlichen begleiten Sterbende in ihrer letzten Lebensphase und deren Angehörige. Von Iris Häfner

Mit dem Thema Patientenverfügung befasst sich das Theaterstück „Heute oder Morgen“. Foto: Robert Banfic
Mit dem Thema Patientenverfügung befasst sich das Theaterstück „Heute oder Morgen“. Foto: Robert Banfic

Mit einem aktuellen und nicht unbrisanten Thema startet die Arbeitsgemeinschaft Hospiz Kirchheim in ihr Jubiläumsjahr: Am kommenden Freitag spielt „das kleine ensemble“ das Stück „Heute oder Morgen“. Darin geht es um die Patientenverfügung.

„Das ist Teil unserer Arbeit. Wir beraten zu vorsorgenden Papieren“, erklärt Reinhard Eberst, Leiter der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim und Geschäftsführer der AG Hospiz, weshalb die Wahl zur Auftaktveranstaltung 25 Jahre AG Hospiz auf dieses Theaterstück gefallen ist. „Wir wollten das Thema mal anders unter die Leute bringen, nicht als Vortrag“, ergänzt Sandra Beck, die bei der AG als Hauptamtliche für die Koordination zuständig ist. Mittlerweile sei es chic geworden, sich die vorsorgenden Papiere zu besorgen. „Dann ist die Geschichte auf der To-do-Liste abgehakt. Doch wenige machen sich wirklich Gedanken, was für Folgen das haben kann. Das ist eine ständige Ambivalenz. Es gibt kein Richtig und kein Falsch“, zeigt Sandra Beck die Problematik auf, die in dem Stück zur Sprache kommt. Darin führen Mutter und Tochter gemeinsam ein Schneideratelier. Nach einem Motorradunfall liegt die Tochter im Wachkoma, an Maschinen angeschlossen. „Während der Freund möchte, dass die Patientenverfügung umgesetzt wird, will die Mutter nicht loslassen und hadert mit der Situation - es gibt aber auch durchaus heitere Momente in dem Stück“, erläutert Sandra Beck.

Die Beratung über vorsorgende Papiere ist nur ein Teil der Arbeit der AG Hospiz, die vor 25 Jahren gegründet wurde. Die Idee, eine solche Arbeitsgemeinschaft in Kirchheim zu gründen, hatten Mitarbeiterinnen der diakonischen Bezirksstelle und Pfarrer Martin Mayer, damaliger Leiter der Einrichtung schon 1992. Doch es brauchte einen zweijährigen Vorlauf, denn es wurde nach weiteren Netzwerkpartner gesucht. Schließlich waren es drei Träger, die 1994 mit im Boot waren: Evangelische und Katholische Gesamtkirchengemeinde Kirchheim sowie die Heinrich-Sanwald-Stiftung. Im Jahr 2006 kam der Diakonieverein Wendlingen dazu.

Nach einem Informationsabend gab es 1993 den ersten Ausbildungskurs mit 17 Teilnehmern. „Das war eine rein ehrenamtliche Geschichte. Die Frauen trafen sich im Wechsel bei sich zu Hause“, erklärt Reinhard Eberst. Das Angebot wurde im Laufe der Jahre erweitert, es gab Förderung durch die Kranken- und Pflegekassen. Um diese Gelder abrufen zu können, mussten bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. So wurde im Jahr 2006 die erste hauptamtliche und ehrenamtliche Koordinatorin, Ulrike Graf, eingestellt. „Die Anforderungen haben im Laufe der Jahre immer mehr zugenommen. Heute gehören 100 Stunden Schulung dazu“, so der Diakonieleiter. Es gibt Einsatzpläne für die 40 Ehrenamtlichen, unter denen sich drei Männer finden. Sie sind in Gruppen aufgeteilt und treffen sich einmal im Monat, um sich und ihre Arbeit zu reflektieren. Jede Gruppe hat ihre Sprecherin, die wiederum eine Rückbindung zu den hauptamtlichen Koordinatorinnen Sandra Beck und Angelika Bauer haben. Eine Supervision findet durch Externe statt. „Das ist eine organisch gewachsene Sache über die Jahre. Auch die Zusammenarbeit mit den Netzwerkpartnern wurde verstärkt. Jetzt ruft mich auch mal eine Palliativschwester an, früher waren es die Angehörigen“, erzählt Sandra Beck.

Die ehrenamtlichen Hospiz-Mitarbeiterinnen gehören der Generation 50 plus an und kommen aus unterschiedlichen Berufsfeldern. Sie sind durch persönliche Erlebnisse und Grenzsituationen zu dieser Arbeit gekommen. „Sie haben die Begleitung von sterbenden Angehörigen oder Freunden als etwas Positives erlebt und festgestellt: Ich kann was verändern, kann was weitergeben. Sie empfinden ihre Arbeit als erfüllend und gewinnbringend“, sagt Sandra Beck.

Info Das Theaterstück „Heute oder Morgen“ ist am morgigen Freitag, 22. Februar, um 19 Uhr in der Freien Waldorfschule in Kirchheim, Fabrikstraße  33, zu sehen.

Das „Holländische Pflegemodell“

Die Ideen und die Arbeit gehen der AG Hospiz nicht aus. „Von unserer Seite sind Schulungen in Pflegeheimen im Aufbau“, erklärt Sandra Beck. Einmal im Jahr gibt es eine gemeinsame Fortbildung. „Aber wir haben gemerkt, dass wir uns mehr in die Arbeit der Pflegedienste einbringen und ständig im Kontakt sein wollen. Vieles geht dort im Alltag unter“, so die Koordinatorin. So soll sowohl den Bewohnern als auch den Angehörigen das Angebot der AG Hospiz Kirchheim ein Begriff sein.

„Wir sind kein Notfalldienst, wobei wir in der allerletzten Phase natürlich kommen, wenn wir gerufen werden. Ein einmaliger Besuch ist für alle Beteiligten nicht zufriedenstellend“, sagt Sandra Beck. Bei einem ersten Besuch machen sich die Mitarbeiterinnen ein Bild von der Situation. „Ist es nichts Akutes, kommen sie einmal die Woche.“ Nicht selten erholen sich die kranken Menschen, dann gehen die Ehrenamtlichen wieder raus. „Wir sind immer zu einem Erstbesuch bereit - sind aber kein Besuchsdienst.“

Im Blick hat die AG Hospiz Kirchheim auch diejenigen Menschen, die zu Hause gepflegt werden. Dort kann es schnell zu Veränderungen kommen, wenn sich der Zustand rapide verschlechtert. „Bis der Pflegedienst angeleiert ist, dauert das seine Zeit. Wenn derjenige nur noch wenige Tage lebt, können wir eine Hilfe sein“, so Sandra Beck. Deshalb ist Reinhard Eberst vom „Holländischen Pflegemodell“ angetan. „Dort bekommen die Mitarbeiter der Pflegedienste eine Art Budget und können so ihre Zeit bei den Patienten bis zu einem gewissen Grad frei einteilen. Die zeitaufwendige Dokumentation entfällt, es wird nach Stunden abgerechnet“, erläutert er. Wer ein aufmunterndes Gespräch braucht, bekommt das bei einer Tasse Kaffee. Die Teams organisieren sich selbst, sodass lange Anfahrtswege die Ausnahme sind. Die Pflegekräfte kalkulieren zudem zusammen mit ihren jeweiligen Klienten, wie viel Zeit benötigt wird, damit er oder sie gut versorgt ist.ih

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