Kirchheim

Literatur in der Krise

Buchautor Pierre Jarawan sollte jetzt eigentlich seinen neuen Roman in einem Lese-Marathon vorstellen. Die Corona-Pandemie hat ihn aber ausgebremst. Von Andreas Volz

Foto: pr

Am Timing war noch zu feilen: Kaum hatte der Kirchheimer Autor Pierre Jarawan seinen zweiten Roman druckfrisch vor sich liegen, schlug die Coronakrise erbarmungslos zu. Es reichte gerade noch zur Premierenvorstellung am 2. März. Im Literaturhaus seiner Wahlheimat München hat er „Ein Lied für die Vermissten“ vorgestellt. „Das war mit über 300 Leuten ausverkauft“, freut er sich im Nachhinein über den gelungenen Auftakt - dem dann aber nichts mehr folgen sollte. „Kurz danach kamen die ganzen Absagen.“

40 Termine waren bis Ende Juni bereits fest vereinbart - auch in der Kirchheimer Bastion. Und dann das: keine Lesung, keine Publicity, keine Einnahmen. Aufmerksamkeit in den Zeitungen gibt es vielleicht im Feuilleton. „Viel mehr Artikel kriegst du aber in der Lokalpresse - und zwar in den Orten, in denen du liest.“

Dreieinhalb Jahre intensive Arbeit liegen hinter Pierre Jarawan - Arbeit an seinem zweiten großen Wurf nach dem Debütroman „Am Ende bleiben die Zedern“. Sein Erstlingswerk war schon ein beachtlicher Erfolg. Es brachte ihm im vergangenen Jahr eine mehrwöchige Lese-Reise in die USA und nach Kanada ein. Außer auf Englisch liegt es auch auf Französisch, Polnisch und Niederländisch vor. Zudem sorgten die „Zedern“ dafür, dass Pierre Jarawan für die Arbeit an seinem zweiten Roman ein Arbeitsstipendium des Freistaats Bayern erhielt.

„Auch der Vorschuss für das zweite Buch war besser als beim ersten Mal“, verrät der Autor. Trotzdem bleibt ein Kernproblem der langwierigen und aufwendigen Arbeit am Buch: „Solange man diese Arbeit macht, verdient man nicht viel.“ Verdienstmöglichkeiten ergeben sich erst hinterher, durch Lesungen oder auch durch den Verkauf der Rechte. Die Niederländer waren dieses Mal am schnellsten: Schon im Mai soll das „Lied für die Vermissten“ auf Holländisch erscheinen. Die englischen Rechte sind ebenfalls schon verkauft. „Da müsste das Geld im Herbst kommen.“

Der Kontakt zum Publikum fehlt

Pierre Jarawan hat sicher noch großes Glück, verglichen mit vielen anderen freischaffenden Künstlern. Und trotzdem fehlen ihm die öffentlichen Auftritte: „40 Lesungen kosten natürlich Substanz und Kraft“, sagt er im Telefon-Interview. „Aber gar nichts machen zu können, kostet auch Substanz und Kraft.“ Das Geld für die abgesagten Lesungen fehlt ihm ebenso wie der Kontakt zum Publikum und die Werbung für sein Buch. Zumal jetzt, wo er einen entscheidenden Vorteil gegenüber früher hätte: „Wenn die Leute zu einer Lesung kommen dürften, könnten sie gleich zwei Bücher mitnehmen, das aktuelle und die ,Zedern‘ als Taschenbuch.“

Das alles muss jetzt bis mindes­tens Herbst warten. Dann ist die zweite Lese-Reise vorgesehen. Die erste ist aber trotzdem ersatzlos gestrichen. Ähnlich sieht es mit dem Poetry Slam aus: In seinen beiden Heimatstädten, Kirchheim und München, moderiert Pierre Jarawan regelmäßig Slams. „Das ist jetzt auch ausgefallen.“

Aber trotz der Krise stellt der Autor - wie so viele andere - fest: „Jetzt muss ich versuchen, das Bes­te draus zu machen.“ So setzt er darauf, dass sein zweiter Roman bei den Buchhändlern ähnlich gut ankommt wie die „Zedern“. Und schon beginnt er selbst damit, beide Romane zu vergleichen.

„Das jetzige Buch ist deutlich komplexer und reifer erzählt. Außerdem kommt der Libanon nicht ganz so gut weg.“ Interessant ist auch, dass keine einzige Zeder erwähnt wird. Dafür steht ein Apfelbaum im Mittelpunkt. Ein Zeichen der Hoffnung inmitten der Corona-Apokalypse? Man könnte es so sehen, hätte Pierre Jarawan die Arbeit an dem Buch nicht bereits im November abgeschlossen ge­habt, also eindeutig in Prä-Corona-Zeiten. Aber auch das vergleicht er mit seinem Debüt: „Als die ,Zedern‘ rauskamen, waren sie auch nicht als Kommentar zur Flüchtlingskrise gedacht. Viele haben es damals wegen der aktuellen Ereignisse aber so gelesen.“ Jedes Buch führt also sein Eigenleben - erst recht, sobald es erschienen ist.

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