Kirchheim

Manche Rollen nimmt er an, manchen verweigert er sich

Kunst „Ich habe viel gemacht . . .“ ist der Titel der Ausstellung des Künstlers Byung Chul Kim, die in der Städtischen Galerie im Kornhaus eröffnet wurde. Von Kai Bauer

Byung Chul Kim erzählt bereitwillig die Geschichte, die hinter seinen Zeichnungen steckt.Fotos: Markus Brändli
Byung Chul Kim erzählt bereitwillig die Geschichte, die hinter seinen Zeichnungen steckt. Fotos: Markus Brändli

In einem alten Winzerhäuschen in Gablenberg im Stuttgarter Osten betrieb Byung Chul Kim 2009 genau ein Jahr lang das „Performance Hotel“, ein partizipatives Projekt, bei dem die Gäste eine Übernachtung mit Frühstück mit einer selbst entwickelte Performance bezahlten. Im Jahr darauf, im Rahmen des Saarbrücker Stadtprojekts „Ausgang City/Aufgang Nord“, gab der Künstler Bahntickets an Reisende aus, die im Tausch dafür ihre Performances in den voll besetzten Zügen der Deutschen Bahn und der französischen SNCF vor und mit den mitfahrenden Passagieren realisierten. Die Fahrten des „Performance Express“ führten grenzüberschreitend von der saarländischen Hauptstadt nach Metz, Luxem­bourg und Paris.

Von den großen Projekten vergangener Jahre hat sich Byung Chul Kims Werk mehr zu individuellen, intimen und philosophischen Arbeiten entwickelt.

Dies ist vor allem in seinen großen Handzeichnungen zu sehen, die auf der Wandseite des Kornhauses gezeigt werden. Aus akribisch ausgeführten Strich- und Schraffurlagen entwickeln sich Motive, die aus der Entfernung silbrig grau, fast fotorealistisch wirken. Sie zeigen Steine, Insekten und menschliche Körperteile, die in größeren sozialen, natürlichen und kosmischen Zusammenhängen dargestellt werden. Mit Begriffen, Pfeilen und kurzen Texten kommentiert Byung Chul Kims kalligrafisch anmutende Handschrift das Dargestellte, was sich organisch in die Zeichnungen einfügt.

Bei der Eröffnung am Sonntag konnten die Besucher eine neue, exklusive Performance des Künstlers mit dem Titel „Parasit“ miterleben. Sie hatte den Charakter eines Vortrags, allerdings aus zwei Perspektiven. Einmal aus der Sicht eines koreanischen Staatsbürgers, der in Deutschland lebt und alle zwei Jahre zum „Ausländeramt“ muss, zum anderen aus der Sicht von parasitär lebenden Tieren, die andere Lebewesen als Wirtstier besiedeln. Neben anderen Schimpfworten, mit denen er in Deutschland bedacht wurde, hat Byung Chul Kim am meisten unter der Bezeichnung „Parasit“ gelitten. Beim Nachdenken über diesen Begriff entwickelte sich für den Künstler jedoch eine komplexe Geschichte, die zu seiner Zeichnung „Parasit“ und zu seinem performativen Vortrag führten. Wie Hüllen liegen die Darstellungen von Deutschland, das die hier lebenden Menschen anderer Nationalität kontrollieren möchte, und die Schutzmechanismen, die Wirtstiere und ihre Parasiten entwickeln, ineinander.

Gegensätze: Im Hintergrund beschauliches Fachwerkambiente, im Vordergrund Videos über verstörende Performances.
Gegensätze: Im Hintergrund beschauliches Fachwerkambiente, im Vordergrund Videos über verstörende Performances. Foto: Markus Brändli

In Byung Chul Kims Geschichten, die den Zeichnungen, Performances und Projekten zugrunde liegen, beschäftigt er sich damit, Rollen anzunehmen oder sich diesen zu verweigern. Es entstehen Fragen an den Grenzen zwischen Ökonomie, Philosophie und Kunst. Ob „Performance-Hotel“, „Performance-Express“, „Humor-Restaurant“ oder „Ideenbörse“, stets fragt Byung Chul Kim danach, wie die Gesellschaft kreatives Handeln schätzt.

Grundfragen des Kapitalismus, die sich mit dem Wert menschlichen Handelns, mit Konzepten und Ideen auseinandersetzen, werden von Neuem aufgeworfen. Im digitalen und neoliberalen Zeitalter mit seinen zunehmend ungerechten Verteilungsmechanismen erfahren diese Fragen eine prekäre Zuspitzung: Wo stehen humane, ästhetische Werte, die durch Individualität und Originalität gekennzeichnet sind? Sind diese gegen Geld und materielle Werte aufzurechnen, oder brauchen wir neue gesellschaftliche Wertsysteme und Übereinkünfte?

Byung Chul Kims Kunst bringt uns dazu, zeitgenössische Fragestellungen aus der erweiterten und objektiveren Sicht eines Grenzgängers zu betrachten.

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