Kirchheim

Mann rastet in Innenstadt aus

Verfahren Ein 58-Jähriger ist wegen sexueller Belästigung angeklagt.

Gericht
Symbolbild

Kirchheim. Gegen einen 58-jährigen Kirchheimer hat die Stuttgarter Staatsanwaltschaft vor dem Landgericht Stuttgart schweres Geschütz aufgefahren: Anklage wegen mehrfacher sexueller Belästigung, versuchter Nötigung, vorsätzlicher Körperverletzung und Hausfriedensbruch gegen verschiedene Kirchheimer Bürger. Der Mann soll vor gut einem Jahr wahllos in sexueller Absicht Frauen umklammert, Autofahrer aus ihren Fahrzeugen gezerrt und sich zudem mit Ehemännern geschlagen haben.

Kein üblicher Strafprozess

Es ist kein üblicher Strafprozess, der gestern vor der 14. Großen Strafkammer am Stuttgarter Landgericht gegen den 58-Jährigen begann. Im sogenannten Sicherungsverfahren soll mithilfe von psychiatrischen Sachverständigen geprüft werden, ob der Angeklagte die vielen, ihm zur Last gelegten Vorwürfe während einer schweren Psychose beging oder nicht. Wenn ja, käme seine Unterbringung in einer entsprechenden Anstalt infrage. Die Anklagebehörde hat bereits Hinweise auf eine psychische Erkrankung des Beschuldigten und Einträge einschlägiger Art im Strafregister.

Anfang März vergangenen Jahres rastete der Mann in Kirchheim ganz plötzlich aus: Zunächst soll er eine Kellnerin eines Cafés in der Innenstadt in der Küche des Lokals sexuell angegangen und belästigt haben. Kurz danach habe er an einem Parkplatz versucht, ebenfalls in sexueller Absicht eine Autofahrerin von ihrem Beifahrersitz zu zerren. Das misslang allerdings, weil sich das Opfer wehrte. Wenige Stunden später gab es einen weiteren Angriff gegen eine Frau, die er in Kirchheim direkt vor deren Wohnhaus umklammerte. Daraufhin gab es eine körperliche Auseinandersetzung mit deren Mann.

Darüber hinaus soll der Angeklagte einen Mann in dessen Wohnung bedroht haben. Bei einem weiteren Eindringen in ein Einfamilienhaus soll er den Hausbesitzer körperlich angegangen sein und verletzt haben. Schließlich klagt ihn die Staatsanwaltschaft noch an, er habe Ende März versucht, auf einem Kirchheimer Firmenareal den Fahrer eines Lkw - ebenfalls mit sexuellem Hintergrund - aus dessen Führerhaus zu zerren. Er habe seine Männlichkeit testen wollen, sagt der Angeklagte.

Die Staatsanwältin geht davon aus, dass der 58-Jährige wegen eines psychischen Defekts zwar nicht ins Gefängnis gesteckt werden kann, aber eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Aufgrund seiner Krankheit seien weitere ähnliche Straftaten von ihm zu erwarten.

Angeklagter entschuldigt sich

Die Vorwürfe streitet der Beschuldigte vor der 14. Großen Strafkammer am Stuttgarter Landgericht nicht ab. Er entschuldigte sich sogar bei den Opfern. Die Frau, die er in der Küche des Kirchheimer Lokals überfallen und an der Brust gepackt hatte, sagte am gestrigen Donnerstag im Zeugenstand, sie habe Angst vor einer Vergewaltigung gehabt. Sie schilderte, wie der Mann plötzlich in der kleinen Küche erschien und sie wortlos packte. Dabei habe er ganz große Augen gehabt. Ein Kollege konnte ihn allerdings wegzerren. Auf Anraten seines Verteidigers schickte der Angeklagte dem Opfer einen Entschuldigungsbrief samt 500 Euro. „Ja, verzeihen kann ich ihm, aber dennoch habe ich Angst vor diesem Mann“, sagt die Frau inzwischen.

Nach der vorläufigen Einschätzung der Gutachter leidet der Angeklagte an einer schweren psychischen Störung. Ob die jedoch ausreicht, um ihn in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung einzuweisen, wird sich im Laufe des Prozesses erweisen. Eine Entscheidung ist für den 21. Mai geplant. Bernd Winckler

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