Kirchheim

Menschen werden wieder lebensfähig

Hilfe Die Sozialpsychiatrischen Dienste betreuen Menschen mit chronischen psychischen Krankheiten. Dafür gibt es ab 2021 mehr Geld vom Land. Von Andreas Volz

Gespräche können helfen, nach einer psychischen Erkrankung Schritt für Schritt im Alltag wieder Fuß zu fassen. Symbol-Foto: Flor
Gespräche können helfen, nach einer psychischen Erkrankung Schritt für Schritt im Alltag wieder Fuß zu fassen. Symbol-Foto: Florian Wallenwein

Politik trifft Wirklichkeit und verspricht rasche Hilfen - zum Nutzen von Menschen, die an einer chronischen psychischen Erkrankung leiden. Chronisch ist allerdings auch die Unterfinanzierung der Sozialpsychiatrischen Diens­te, wie der Geschäftsführer des Kreis­dia­konieverbands, Eberhard Haußmann, berichtet. Im Landkreis Esslingen gibt es insgesamt fünf solcher Dienste. Für die Region um Kirchheim und Plochingen ist die Diakonie zuständig - und zahlt drauf: „Wir bringen jedes Jahr 60 000 Euro Eigenmittel ein.“

Genau an diesem Punkt ist die Landespolitik gefragt: Andreas Schwarz, der Vorsitzende der Grünen-Landtagsfraktion, hat sich für eine Aufstockung des Budgets starkgemacht: 2020 zahlt das Land vier Millionen Euro an die Sozialpsychiatrischen Dienste in allen 44 Stadt- und Landkreisen. 2021 kommen 50 Prozent dazu: Dann gibt es sechs Millionen Euro.

Eberhard Haußmann rechnet damit, dass dadurch im Kreis Esslingen jede Einrichtung 36 000 Euro mehr erhält. Weil normalerweise die Landkreise dieselbe Summe zuschießen, ergäbe sich sogar ein Plus von 72 000 Euro im Jahr 2021. Dennoch geht Eberhard Haußmann nicht davon aus, dass die Diakonie aus ihrem eigenen Zuschussgeschäft beim Sozialpsychiatrischen Dienst aussteigen kann: „Die Unterfinanzierung wird nicht viel besser werden. Ziel ist es ja, mit dem zusätzlichen Geld das Personal aufzustocken.“

Die Menschen stehen im Mittelpunkt. Der Grundsatz lautet: „Ambulant vor stationär“. Bevor psychisch kranke Menschen also, wie es früher üblich war, ein ganzes Jahr in einer Klinik verbringen, sollen sie in ihrem vertrauten Wohnumfeld bleiben können. Der Sozialpsychiatrische Dienst hilft den Menschen, zu Hause mit und in ihrem Alltag klarzukommen.

Dorothee Ostertag-Sigler, die seit 30 Jahren für den Sozialpsychiatrischen Dienst in Kirchheim arbeitet, sagt dazu: „Wir können uns oft nach einer gewissen Zeit wieder zurücknehmen - Stück für Stück. Geheilt werden die Leute zwar nicht unbedingt. Aber sie werden wieder lebensfähig.“

Genau davon berichten zwei ihrer Schützlinge beim Gespräch mit Andreas Schwarz. Die eine Frau hat eine zehnjährige Leidensgeschichte hinter sich: „Ich hatte eine schwere Zwangserkrankung und massive Ängste. Ohne Begleitung konnte ich gar nicht mehr aus dem Haus gehen.“ In vielen kleinen Schritten verbesserte sich ihre Situation. Klinik­aufenthalt, Reha, der WG-Platz, eine passende Arbeitsstelle - all das erhielt sie nach und nach, weil Dorothee Ostertag-Sigler ihr dabei geholfen hat. „Auch die wöchentlichen Gespräche mit ihr waren und sind mir sehr wichtig“, sagt die Frau, die froh ist, dass es ihr wieder weitaus besser geht: „Es war ein mühsamer Weg, da hinzukommen, wo ich jetzt bin.“

Die zweite Frau berichtet Ähnliches: „Mit meiner psychischen Erkrankung finde ich nirgends Verständnis, auch nicht in meiner Familie.“ Die Kontaktgruppe, die Dorothee Ostertag-Sigler leitet, sei deshalb zur Ersatzfamilie geworden: „Da habe ich eine Freundin gefunden. Durch meine Erkrankung hatte ich eigentlich nie eine.“

Der Sozialpsychiatrische Dienst soll und will den kranken Menschen auch die Teilhabe am ganz normalen Leben ermöglichen. Den Aktivitäten in der Gruppe - Essengehen, Kegeln oder Grillen - kommt dabei eine Bedeutung zu, die man nicht hoch genug einschätzen kann. Es geht aber nicht darum, alles schönzufärben, wie die Frau weiter erzählt: „Es ist für mich auch hilfreich, wenn ich aufgezeigt bekomme, wie ich mein Verhalten ändern kann, wie ich es vielleicht auch ändern muss.“

„Habe den Alltag wieder im Griff“

Fazit dieser Frau: „Durch den Sozialpsychiatrischen Dienst bin ich viel selbstständiger geworden. Während der Krankheitsphase habe ich mich ja nicht einmal mehr getraut zu kochen. Aber jetzt habe ich meinen Alltag wieder im Griff - das muss ich ja auch, wegen meinem krebskranken Mann.“

Für Andreas Schwarz, der sehr aufmerksam zuhört, schließt sich an dieser Stelle der Kreis: „Für uns in der Politik ist es wichtig, dass wir nicht einfach für irgendwas Geld ausgeben, sondern für etwas, das wirksam ist. Und bei den Sozialpsychiatrischen Diensten erzielen wir mit bescheidenen Beträgen eine hohe Wirkung.“

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