Kirchheim

Millionen fließen in die neue Straße

Sanierung Bis Frühjahr 2020 soll der zweite Bauabschnitt der Ortsmitte Ötlingen abgeschlossen sein. Die Stuttgarter Straße umzugestalten und die Wasserleitung zu erneuern, kostet rund zweieinhalb Millionen Euro. Von Andreas Volz

Noch Bucht, und bald schon Kap: die Bushaltestelle in der Ötlinger Ortsmitte.Foto: Carsten Riedl
Noch Bucht, und bald schon Kap: die Bushaltestelle in der Ötlinger Ortsmitte.Foto: Carsten Riedl

Die Arbeiten im Sanierungsgebiet „Ortsmitte Ötlingen“ kommen jetzt dort an, wo sie dem Namen nach hingehören: in der Ortsmitte. Im Frühjahr soll der Umbau der Stuttgarter Straße fortgesetzt werden, zwischen den Einmündungen Hermann-Hesse-Straße / Am Wasen und Isolde-Kurz-Straße / Lindorfer Straße. Was zunächst wenig spektakulär klingen mag, hat doch gravierende Auswirkungen. Die Stuttgarter Straße wird ihr Erscheinungsbild deutlich ändern. Minikreisel, Multifunktionsstreifen und Buskap sind die entscheidenden Stichworte.

Der Minikreisel ist am leichtesten zu verstehen, zumal es in Kirchheim ein Vorbild dafür gibt: den Kreisel am Schwarzen Adler. In ähnlichen Dimensionen ist ein solcher Kreisel nun für Ötlingen vorgesehen, an der Ecke Stuttgarter Straße / Hermann-Hesse-Straße / Am Wasen. Im Technik- und Umweltausschuss des Gemeinderats war der Kreisel denn auch am wenigsten umstritten. Lediglich Grünen-Stadtrat Dr. Jürgen Berghold hielt ihn für „entbehrlich“.

Ein Kreisel hat nur Vorteile

Stadtplanungschef Gernot Pohl und Bürgermeister Günter Riemer meinten dagegen unisono, dass ein solcher Kreisel nur Vorteile hat: Einerseits bremst er den Verkehrsfluss, weil man nicht einfach „drüberrauschen“ kann. Insofern sorgt er für mehr Sicherheit und hilft Unfälle vermeiden. Andererseits aber kann der Verkehr den Kreisel flüssiger passieren als eine Ampelkreuzung. Hinzu kommt eine weitere Funktion, die oft übersehen werde: „Ein Kreisel bietet die einfachsten Wendemöglichkeiten.“

Weiter geht es mit dem Multifunktionsstreifen: Der befindet sich in der Mitte der Straße und ist im Idealfall eine Art neutrale Zone, die nicht befahren wird. Sollte man den Streifen doch brauchen, hat er mehrere Funktionen: Er kann aus beiden Richtungen als Linksabbiegespur genutzt werden, er bietet mehr Platz für Lastwagen in der Straßenmitte und er kann allen möglichen Fahrzeugen dabei helfen, mit größerem Abstand an den Radlern auf dem Fahrradschutzstreifen vorbeizukommen.

Bleibt das Buskap. „Bus-Was?“ Wie bei der Verteilung von Land und Wasser ein Kap das Gegenteil einer Bucht darstellt, so verhält es sich auch bei Bushaltestellen im Straßenverkehr. Statt Busbuchten sind nun Buskaps vorgesehen. Das Buskap ragt vom Bürgersteig in die Straßenmitte, wo der Bus direkt ans Kap andocken kann. Die nachfolgenden Autos warten hinter dem Bus darauf, dass sie gemeinsam mit dem Bus ihre Fahrt fortsetzen können, sobald Ein- und Aussteigen erledigt sind.

Und wenn die Autofahrer nicht warten wollen? Dann gibt es den Multifunktionsstreifen, befürchtet Marc Eisenmann (SPD): „Das kann dazu führen, dass die Lösung mit den Buskaps, die für mehr Sicherheit sorgen soll, die gefährlichere Lösung wird.“ Ohnehin ist ihm der Multifunktionsstreifen zu breit, weil dieser die eigentliche Fahrbahn von der Mitte her ebenso einengt, wie das durch den Fahrradschutzstreifen schon am Fahrbahnrand der Fall ist. Gerade zum Schutz der Fahrradfahrer regte Marc Eisenmann einen schmaleren Multifunktionsstreifen an.

Ebenfalls große Schwierigkeiten hat Dr. Thilo Rose (CDU) mit dem Buskap in der Ortsmitte: „Wir haben dort eine funktionierende Bushaltestelle, mit Busbucht. Wenn die wegfällt, haben wir einen breiteren Gehweg, aber sonst keinen großen Zugewinn.“ Dr. Natalie Pfau-Weller (ebenfalls CDU) geht es vor allem um den Rückstau, den der Bus verursacht, wenn er auf der Straße hält.

Der Antrag, die Busbucht in Fahrtrichtung Wendlingen zu erhalten, bekam allerdings keine Mehrheit. Ansonsten hat der Technik- und Umweltausschuss dem zweiten Bauabschnitt der Sanierung zugestimmt, der von Frühjahr 2019 bis Frühjahr 2020 über die Bühne gehen soll. Anschließend folgt der nächste Abschnitt, von der Lindorfer Straße bis zur Wielandstraße. Die Kosten belaufen sich auf 1,7 Millionen Euro brutto für Straße und Freiräume sowie auf 730 000 Euro netto für die Erneuerung der 50 Jahre alten Wasserleitung.

Eine Grundbedingung, die das Regierungspräsidium für die Bauarbeiten stellt, betrifft die Hauptreisezeit während der Sommerferien. Im Juli und im August muss die Stuttgarter Straße trotz Baustelle zweispurig befahrbar sein, ohne Ampelregelung. Sollte es auf der Autobahn Staus geben, muss Ötlingen als Umleitungsstrecke frei sein.

„Was dieser heute baut ...“

Modeerscheinungen ­haben die Angewohnheit, sich nach kurzer Zeit wieder zu verabschieden. Da Buskaps - als Gegenstück zur Busbucht - ebenfalls eine Modeerscheinung sind, werden auch sie über kurz oder lang wieder verschwinden. Besser wäre es freilich, sie gar nicht erst anzulegen.

Der Rückstau, der sich hinter einem Bus am Buskap bildet, sorgt dafür, dass sich auch der Ärger der Autofahrer anstaut. Er behindert zudem den Verkehrsfluss, im Fall der Ötlinger Ortsmitte sogar den in einer ganz anderen Richtung: Staut es sich auf der Stuttgarter Straße in die Kreuzung hinein, kommen auch die Autos zwischen Ötlinger Halde und Lindorf nicht mehr weiter. Und auch der Umwelt ist es nicht zuträglich, wenn Autos bei laufendem Motor hinter einem Bus am Kap stehen. Bei weitem sinnvoller ist es, wenn diese Fahrzeuge am Bus in der Busbucht vorbeifahren können.

Wie heißt es im Prediger Salomo? „Ein jegliches hat seine Zeit“. Der alttestamentarischen Aufzählung der Dinge, die da ihre Zeit haben, lässt sich nunmehr hinzufügen: „Buskaps haben ihre Zeit, Busbuchten haben ihre Zeit.“ Die Zeit der Busbuchten scheint gerade abgelaufen zu sein. Jetzt werden Kaps gebaut.

Aber auch hier rät die ältere Literatur zur Geduld. Andreas Gryphius, der sich während des 30-Jährigen Kriegs explizit auf den Prediger Salomo bezieht, schreibt: „Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein.“ So wird es auch den Buskaps in einiger Zeit gehen: Dieses Jahr werden sie in Ötlingen gebaut. Keine dreißig Jahre wird es dauern, bis man sie wieder einreißt. Das Schönste daran: Man wird sie dann als „unzeitgemäß“ abtun.

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