Kirchheim

Mobil und beweglich in Krisenzeiten

Digitalisierung Das Kirchheimer Unternehmen „magility“ hat in der Pandemie alle Hände voll zu tun: Das Team berät andere Firmen. Unter anderem geht es darum, sich für die Cyber-Zukunft fit zu machen. Von Andreas Volz

Kaum ein Satz ist abgedroschener als der von der Krise, die man als Chance sehen muss. Tatsächlich aber bietet die Krise viele Chancen für die Weiterentwicklung von Technologien, die nun notgedrungen in den Fokus rücken. Ein Unternehmen aus Kirchheim, das von der Coronakrise sogar eher profitiert, heißt „magility“: „Das ,m‘ steht für Mobilität, und ,agility‘ heißt Beweglichkeit“, erklärt Geschäftsführer Dr. Michael Müller.

Dabei ist es mit der Mobilität gerade nicht zum Besten bestellt, etwa in der Luftfahrt: „Die haben Einbußen von bis zu 90 Prozent.“ Ganz schlecht sieht es auch in der Tourismusbranche aus. Wenn nahezu jedes Angebot ausfällt, weil die Ansteckungsgefahr zu groß ist, stehen die entsprechenden Unternehmen vor massiven, häufig sogar vor existenziellen Problemen. Michael Müller erklärt das unter anderem mit dem Geschäftsmodell im Tourismus und in der Luftfahrt: „Pay per use“, Bezahlen für die Benutzung, das bedeutet eben auch: Keine Zahlung, wo momentan keine Benutzung möglich ist.

Nun lässt sich das Geschäftsmodell in diesen Branchen nicht wirklich grundlegend ändern. Es bleibt also abzuwarten, wer die Krise dank Rücklagen und staatlicher Unterstützung übersteht, um danach wieder in die Vollen gehen zu können, sobald sich die Lage normalisiert hat.

Und wo bleibt die Chance in der Krise? Für nahezu alle Branchen sieht Michael Müller die Digitalisierung als große Chance. Er nennt sich selbst als Beispiel: „Ich bin noch nie so wenig gereist wie dieses Jahr. Und gleichzeitig habe ich die höchste Produktivität aller Zeiten. Ich kann meine Arbeit jetzt tagsüber erledigen. Sonst immer bin ich tagsüber gereist und musste nachts arbeiten.“

Die Reise- und Übernachtungsbranche könnte also auch nach überstandener Krise Probleme haben, sollten die Geschäftsreisen nicht wieder im großen Stil aufgenommen werden. Aber die Digitalisierung ermöglicht zumindest Web-Konferenzen, sodass das eigentliche Ziel der Reisen nicht auf der Strecke bleibt: die Konferenz.

„Die klassische Digitalisierung ist ja längst durch“, sagt Michael Müller, „Rechner sind überall schon längst im Einsatz.“ Er selbst lebt mit seinem Unternehmen aber in einer Zukunftswelt, die sich erst nach und nach in der Wirklichkeit durchsetzt: „Was immer mehr kommt, ist das Internet der Dinge. Alles wird vernetzt und kommuniziert miteinander. Das begleitet jetzt alle Branchen.“

Kreislauf im Internet der Dinge

Damit kommen aber auf alle Branchen Herausforderungen zu, mit denen sie sich nie beschäftigt haben: „Das beginnt bei der Sensorik. Überall müssen Sensoren Messwerte liefern, die über einen Kommunikationskanal in einer gro­ßen Datenbank zusammenlaufen. Algorithmen werten diese Daten aus und entwickeln daraus Handlungsanweisungen. Das Internet of Things ist gegeben, wenn diese Anweisungen zurückkommen und befolgt werden. Dann ist der Kreislauf geschlossen.“

Im Prinzip ist das ähnlich wie im menschlichen Körper: Die Sinnesorgane nehmen einen Reiz auf. Die Nerven leiten ihn weiter. Das Gehirn entscheidet über die erforderliche Handlung und schickt einen Befehl an Hände oder Füße. Was beim Internet der Dinge aber völlig anders ist als im Körper: Die Daten sind anfällig für Missbrauch. Hacker können versuchen, sich einen Zugang zu verschaffen, die Kommunikation zu stören oder für ihre eigenen Zwecke zu nutzen.

An dieser Stelle kommt die Cyber Security ins Spiel - einer der Schwerpunkte, auf den sich „magility“ von Anfang an spezialisiert hat, gemeinsam mit Partnerunternehmen in Israel. „Die Israelis sind sehr gut in der Sensorik und in der Kommunikationstechnologie. Die brauchen das, um auf Bedrohungen zu reagieren, etwa durch Raketen von außerhalb. Ihre Kompetenz lässt sich jetzt von der Rüstung auf alles andere übertragen.“

Was Michael Müller immer wieder wundert, ist die Tatsache, dass sich viele Firmen noch gar keine Gedanken gemacht haben über die Herausforderungen der Zukunft - und dass sie oft auf eine Strategie setzen, die seiner Meinung nach sehr gefährlich ist: „Viele denken, dass sie für ihre Daten einen eigenen Server brauchen. Dann fühlen sie sich sicher.“ Dabei sei es genau umgekehrt: „Die Daten muss man in Clouds speichern - auf Servern von Firmen, die sich mit der IT-Sicherheit auskennen.“ Für Michael Müller und sein Team in Kirchheim gibt es also auch in Zukunft jede Menge Arbeit - trotz oder wegen der Coronakrise.

Und die Klimakrise? Die nutzt „magility“ ebenso als Chance: Neue Energien, Reduzierung des CO2-Fußabdrucks, Recyclingbaustoffe - auch das gehört zu den vielfältigen Beratungsfeldern der mobilen und beweglichen Truppe aus Kirchheim.

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