Kirchheim

Mord à la carte nach Schwabenart

Lesung Jürgen Seibold stellt seinen neuen Allgäu-Krimi „Volltreffer“ mit Kommissar Hansen vor und begeistert bei einem Drei-Gänge-Menü im Teckkeller mit einer ordentlichen Portion Humor seine Gäste. Von Iris Häfner

Jürgen Seibold las zwischen den Menü-Gängen aus seinem neuen Hansen-Krimi vor.Fotos: Carsten Riedl
Jürgen Seibold las zwischen den Menü-Gängen aus seinem neuen Hansen-Krimi vor.Fotos: Carsten Riedl

Einen vergnüglichen und genussvollen Abend erleben die Gäste von Krimiautor Jürgen Seibold - und das trotz dem einen oder anderen unappetitlichen Detail aus dem Berufsalltag gleich mehrerer, von ihm zum Leben erweckten Kriminalbeamten.

Stefan Fink vom Dettinger „one.buchcafe“ veranstaltet seit zwei Jahren die Reihe „eat and read“. Kulinarisches und Kulturelles wird hier in einem harmonischen Rahmen geboten. Der Saal des Kirchheimer Teckkellers ist um 19.30 Uhr voll besetzt. Alle warten gespannt auf das, was kommt. Als Erstes betritt Udo Kälberer die Bühne, begrüßt seine ihm zum großen Teil unbekannten Gäste und verrät zwar nicht den Täter des neuen Allgäu-Krimis, dafür aber die Menüfolge. Der Wirt mit ausgeprägtem Allgäu-Faible ist geradezu prädestiniert, die Lesung von Jürgen Seibold auszurichten. Im Hauptgang gibt es Allgäuer Kalb auf Bergkäse-Knöpfle - und den Bergkäse bringt der Chef immer höchstpersönlich von einer kleinen Käserei mit.

Ein Niedersachse im Allgäu

„Bereits zum vierten Mal ist Jürgen Seibold bei uns“, sagt Stefan Fink. Die Anreise für den Autor hält sich in Grenzen, er lebt in der Nähe von Winnenden. So prägt die schwäbische Mundart weitgehend den Abend - bis auf die verhältnismäßig kurzen Passagen, in denen er aus seinem neuesten Werk „Volltreffer“ vorliest. Jürgen Seibold ist froh, dass sein Part erst nach der Petersilien-Lauch-Suppe mit Lachs beginnt. „Des isch g‘schickt, so senn Se scho a bissle häbig“, meint er knitz. Für all diejenigen, die seinen Kommissar Hansen noch nicht kennen, stellt er den eigenwilligen Hannoveraner vor, den es aus familientaktischen Gründen nach Kempten verschlägt. „Er hat gemeinsam mit seiner Frau die Ehe in den Sand gesetzt“, beschreibt es der Autor. Da sein (Noch-)Schwiegervater seine Karriere in Niedersachsen ordentlich behindern könnte, entschloss sich Eike Hansen zu dem geografischen Radikalschnitt. „Es ist der siebte und vermutlich letzte Fall für ihn“, ließ der Autor durchblicken. Hansen hat einen Mitbewohner: Ignaz. „Nach außen ein Kater, inwendig aber eher Ratte“, beschreibt ihn Jürgen Seibold. Er weiß, wovon er spricht: „Ich habe auch so einen Ignaz daheim.“ Außerdem steuert sein Held endlich auf die Hochzeit mit Resi zu, Gerichtsmedizinerin in Kempten. „Mal sehen, ob‘s klappt“, so der Autor.

„Ich les‘ genauer vor, dann kann der Wirt kleinere Portionen machen“, stimmt er sein Publikum auf das Folgende ein. Hansens Kollege, Kriminalmeister Willy Haffmeyer, nimmt auf der Suche nach einem alten Bekannten, der als Einsiedler fernab der Zivilisation in einer Hütte auf einer Waldlichtung lebt, einen stechenden Geruch auf eben jener Lichtung wahr. „Direkt vor dem Klohäuschen hatte es noch nie gut gerochen, aber heute war der Geruch noch stechender als sonst. Das penetrant süßliche Aroma kannte er, und die Fliegen, die er hinter dem herzförmigen Ausschnitt in der geschlossenen Tür summen hörte, passten leider auch dazu“, rezitiert Jürgen Seibold und verspricht, dass es nur noch sechs oder sieben Minuten bis zum Hauptgang sind. Bis dahin darf der Gerichtsmediziner, der Resi vertritt, über Schmeißfliegen philosophieren, die ihm so fleißig bei der Arbeit helfen: „Calliphora vicina ist mir eh die liebste: Sie kommt häufig vor, gerade an einem so lauschigen Ort wie dieser Freilufttoilette. Ihre Larven schlüpfen etwa zwölf Stunden nach der Eiablage und entwickeln sich anschließend acht bis zehn Tage lang - damit lässt sich arbeiten.“ Und dann wird serviert. „Essen spielt in meinen Krimis immer eine große Rolle - und das, obwohl ich doch eher ein asketischer Typ bin“, spielt er auf das passende Ambiente und seine Figur an, und hat damit wieder einmal die Lacher auf seiner Seite.

In seiner zweiten Runde stellt Jürgen Seibold bewährte Mordwerkzeuge im Original vor, etwa einen Buchenholzscheit und eine Sichel. Dank schlechter Erfahrung hat der Autor eine tiefe Abneigung gegen Most, weshalb das Getränk in seinem ersten Kriminalroman zur Tatwaffe wird. Ein Anruf bei der Giftzentrale bringt jedoch die für den Autor ernüchternde Erkenntnis, dass das mit Holzschutzmittel versetzte schwäbische Nationalgetränk zwar durchaus zum Tod führt, es allerdings Jahre braucht. „Deshalb kam der Holzscheit ins Spiel“, verrät er den Kunstgriff. „Äpfel nehme ich auch gern als Waffe, wie in ,Linder und das Apfelmännle‘, Pistolen mache ich nicht“, stellt er klar.

Deshalb hat sein neuestes Opfer auch einen Armbrustbolzen mitten in der Stirn stecken. „Wie in ,Game of Thrones‘, was?“, zitiert der Autor einen Kriminaltechniker. Hansen versteht nur Bahnhof und muss aufgeklärt werden: „Na, diese Fernsehserie, die kennen Sie doch, oder? Was da in der Stirn steckt, ist der Bolzen einer Armbrust. In der Serie erschießt der Gnom seinen Vater auch mit der Armbrust. Wobei . . . der Gnom braucht zwei Bolzen, für den Alten hier hat offenbar einer gereicht.“

Nach dem Dessert gab‘s noch einen kleinen Ausblick auf kommende Buchprojekte. Eine Hauptakteurin ist eine Expertin für pflanzliche Wirkstoffe, die in ganz Deutschland unterwegs ist.

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