Junge Zeitung

Morgen ist auch noch ein Tag

Warum es Studenten oft so schwer fällt, sich auf ihre Prüfungen vorzubereiten

Einst sah man sie in weiter Ferne, so weit entfernt, dass sie nur ein Schleier am Horizont zu sein schienen. Doch schneller als gedacht, zogen die Wochen ins Land, und wie ein ungebetener Gast, der

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sich nicht abwimmeln lässt, stehen sie vor der Tür. Ja, es ist wieder so weit, bald beginnen die Prüfungen an den Hochschulen und Universitäten in Deutschland. Somit sind wir mitten in dieser besonderen, verrückten Zeit, in der alle versuchen, sich auf das, was da kommen mag, vorzubereiten.

Diese Vorbereitungen laufen aber nur in den wenigsten Fällen so ab, wie man es sich eigentlich vorgenommen hat. Während dem Versuch, zu lernen, kommt man nämlich auf einmal auf die absurdesten Ideen. Urplötzlich stört man sich an dem unordentlichen Zimmer oder der nicht aufgeräumten Wohnung. Höchste Priorität hat nun das Schaffen einer optimalen Lernatmosphäre, da die Grundvo­raussetzungen für ein erfolgreiches Erlernen des Stoffes unbedingt gegeben sein müssen.

Mit dem stolzen Gefühl, schon etwas Großes geleistet zu haben, geht es zurück zu den Büchern und Skripten. Den Kugelschreiber zu allem bereit in der Hand haltend, wird der erste Satz gelesen. Der Sinn dahinter bleibt leider unklar, und schleichend drängt sich das Gefühl auf, dass ei­nem mit einer Tasse Kaffee alles gleich viel verständlicher werden könnte.

Angesichts der langen Zeit zwischen dem erneuten Aufstehen und dem Augenblick, an dem die Tasse einen Platz zwischen den Stapeln von Papieren gefunden hat, könnten Außenstehende vermuten, dass die Kaffeebohnen von Hand gemahlen und mit kochendem Wasser frisch aufgegossen wurden. Was tatsächlich in der Zeit vor und nach dem Drücken auf den Knopf der Kaffeemaschine geschah, weiß man selbst nicht so genau. Am Wahrscheinlichsten ist jedoch, dass sich die Uhrzeiger schneller gedreht haben.

Noch ganz verwundert sitzt man wieder da. Der Kaffee scheint die Sinne zu beflügeln, der Kuli in der Hand beginnt leicht zu zittern, man setzt zum Schreiben an – und verharrt doch einem Moment und nimmt zur Sicherheit noch einen Schluck. Kurz darauf ist die Tasse so gut wie leer und nur noch ein kalter letzter Rest benetzt den Boden. Fast widerwillig wird auch dieser noch ausgetrunken. Das weiße Blatt Papier vor einem, das zuvor wie eine freie Fläche voller ungeahnter Möglichkeiten schien, ist zu einem Viertel beschrieben, die Hälfte davon ist wild durchgestrichen und erweckt den Drang, noch mal von vorne zu beginnen. Es kostet einige Überwindung, aber dann wird man doch irgendwann etwas produktiver, und die Aufgabe oder Textpassage ist beendet. Alles lechzt nach einer Belohnung. Am besten man holt sich einen Apfel oder eine Banane. Mit einem angebissenen Snickers in der Hand, landet man wieder am Schreibtisch und wirft einen Blick auf das iPhone.

Dass das der größte Fehler war, den man machen konnte, wird einem erst nach einer halben Stunde klar. Okay, erwischt.. Dass das der größte Fehler war, den man machen konnte, wird einem erst nach einer Stunde klar. Nachdem Instagram, Twitter und Facebook auch nach dem dritten Aktualisieren nichts Neues hergeben, muss man es endlich einsehen und das Telefon zur Seite legen.

So langsam wird einem bewusst, dass man die Lernziele heute eventuell nicht mehr erreichen wird, und schlechtes Gewissen macht sich breit. Dass es dann nur noch einen Ausweg gibt, weiß jeder: Zwei, drei Kommilitonen auf WhatsApp anschreiben und fragen, ob es denn mit dem Lernen läuft. Die Antworten, dass man „noch fast nichts gemacht hat“ oder man „ein bisschen hängt“, wirken wie eine Droge, die sofort ins Blut geht: Das beunruhigende Gefühl lässt nach, schließlich ist man ja nicht der Einzige, der momentan keine produktive Phase hat. Morgen ist auch noch ein Tag.