Kirchheim

Mozarts Geist weht in Kirchheim

Musik In der Kirchheimer Martinskirche erklangen „unbekannte“ Mozartwerke. Zum Leben erweckt wurden sie von Bezirkskantor Ralf Sach, dem Kirchheimer Kammerchor und der Capella Martini. Von Winfried Müller

Kirchheimer Kammerchor, Capella Martini, Sopranistin Christina Schmid, Dirigent Ralf Sach, Konzert in der Martinskirche, "unbeka
Kirchheimer Kammerchor, Capella Martini, Sopranistin Christina Schmid, Dirigent Ralf Sach, Konzert in der Martinskirche, "unbekannter Mozart" Foto: Markus Brändli

Unerhörtes ereignete sich. Die „Ohrenzeugen“ bekamen drei besondere Raritäten zu Gehör, drei Kirchenkantaten von Wolfgang Amadeus Mozart, die derzeit nicht verlegt sind und aus deren Partituren der Kirchheimer Bezirkskantor Ralf Sach in akribischer Arbeit Orchesterstimmen aufbereitet hatte.

Verlegt wohl um 1807, hatten die Noten im Kantorat vielleicht mehr als 200 Jahre lang geschlummert, um an diesem Abend ihre volle klangliche Blüte zeigen zu können.

Das Warten hatte sich gelohnt. Klangprächtig, gesättigt mit warmem Orchesterklanggrund, erhob sich majestätisch die Stimme des Chores zur ersten Motette „Preis dir, Gottheit“. Diese Ode zum Lob der Gottheit vereinigte in großer Harmonie zwei der Protagonisten des Abends, den Kirchheimer Kammerchor und die Capella Martini. Groß besetzt mit drei Posaunen, Pauken, zwei Trompeten, Hörnern, Klarinetten, Fagotten und Streichern war das Orchester der Motor mit einer Introduktion für den Chor, der mit klanglicher Ausgewogenheit bei leichter Frauenstimmendominanz und klarer Artikulation ansonsten dem Orchester gleichberechtigt gegenüberstand. Unisonoteile und vierstimmiger Harmoniesatz brachten den Text zur vollen Entwicklung, vom Chor mit leuchtenden, unangestrengten Höhen im Sopranregister und klarer Stimmgebung mit beachtlichen Klangreserven in allen Stimmen genau ausgedeutet.

Sopranistin Christina Schmid überzeugte mit klaren Koloraturen.
Sopranistin Christina Schmid überzeugte mit klaren Koloraturen. Foto: Markus Brändli

Das Orchester bildete dazu eine symphonische Klangfläche, die den Chor bestens unterstützte und trug. Ralf Sachs Dirigat war von Beginn an energisch, klar, akzentuiert und fordernd. Seine akribische Vorbereitung durch die lange Beschäftigung mit dem Notentext, die er adäquat umsetzen konnte, machte bereits aus dem ersten Stück des Abends ein Klangjuwel. Er verstand es, die Balance zwischen den Klangkörpern herzustellen, Melodien genau herauszuarbeiten, Tempo- und Dynamikwechsel umzusetzen, dann aber auch immer wieder mit großen Gesten in symphonische Sphären einzutauchen. Ein großes Lob dem Kammerchor, der Capella Martini und ganz besonders ihrem Dirigenten Ralf Sach, die durch ihr differenziertes und spannungsvolles Musizieren überzeugende Sachwalter für die Mozartschätze waren und somit die wichtigsten Garanten für eine würdige und werbende Wiederentdeckung.

Virtuose Läufe an der Orgel

War man von Mozarts Wiederentdeckung jetzt bereits musikalisch schon etwas „trunken“, musste man sich zur Fortsetzung noch gedulden. Auf dem Programm stand nun ein frühes Orgelkonzert desselben Komponisten, in einem anderen Klanggewand. Den Orgelkonzerten Georg Friedrich Händels nachempfunden, wusste der Bezirkskantor dabei auch als Solist an der Truhenorgel zu überzeugen, mit virtuos perlenden Läufen und präzisen Einsätzen für das Orchester, das sehr gut mit ihm korrespondierte, mit gelegentlichen leichten Trübungen in den Hörnern, die aber auch einen sehr schweren Gesamtpart zu absolvieren hatten.

Ein bezauberndes Andante mit Streichersatz und vielen Vorhalten und Seufzermotiven im Solopart leitete über zu einem beschwingt musizierten Rondo. Anschließend stand wieder eines der entdeckten Mozartwerke auf dem Programm. Die Hymne „Gottheit, dir sei Preis und Ehre“ mit ihrem prachtvollen Gestus ließ die Frage nochmals aufkommen, warum solche Zuversicht verströmenden Werke nicht häufiger aufgeführt werden. Neben imposanten Forteklängen waren hier immer wieder subtile, zarte Klangfarben gefragt. So wie bei „Nie verstummet unser Chor“, intonationsrein im Männerchor, oder „sanfter Flöten Zauberspiel“ mit besonderen Herausforderungen an den Chorsopran und punktgenauen, kurzen Trompetentönen oder bei „deiner Huld“ die Chorregister im akkuraten Wechsel.

„Die bekannte lateinische Motette „Exsultate, jubilate“ entstand 1773 in Mailand. Von diesem Werk existiert auch eine Salzburger Fassung aus dem Jahr 1779 mit weihnachtlichen Texten, die Mozart wohl aus wirtschaftlichen Gründen verwendet hat. Hier wusste die Sopranistin Christina Schmid höhensicher mit klaren Koloraturen und stupenden Spitzentönen besonders in den Arienteilen zu gefallen und den vorweihnachtlichen Jubel in Töne zu kleiden.

Der letzte „unbekannte“ Mozart des Abends aus den drei deutschen Kirchenkantaten des jungen Mozart „Heiliger, sieh gnädig hernieder“ vereinte alle Beteilig­ten zu einem grandiosen Finale. Einge­rahmt von zwei Chorabschnitten erklang eine innige Sop­ranarie mit genauem Zusammenwirken der Solistin und dem Orches­ter. Einen glanzvollen Schlusspunkt setzte die groß angelegte Chorfuge, die exakte, wortdeutliche Einsätze in den Chorstimmen mit einem langen intensiven Orchestercrescendo zu einem mächtigen Spannungsbogen verband. Lang anhaltender Beifall belohnte das ganze Ensemble und die ungeheure Leis­tung Ralf Sachs, der den zu Unrecht vergessenen Werken neuen Odem einzuhauchen verstand.

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