Lokale Kultur

„Obwohl mr auf dr Alb vieles au nemme so sait“

Eckart Frahm sprach im Spitalkeller über Dialekte und stellte historische Tonbandaufnahmen vor

Kirchheim. Dass der Dialekt ausstirbt, weiß jeder. Und wer selbst Dialekt spricht, bedauert es auch. Aber stirbt die Mundart wirklich aus?

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Andreas Volz

Der Kulturwissenschaftler Eckart Frahm bestreitet das energisch. In der Reihe „Geschichte vor Ort“ von Stadtarchiv und Volkshochschule stellte er im Spitalkeller unter dem Titel „Dem Volk aufs Maul geschaut“ alte Dialektaufnahmen vor. „Seit mehr als 200 Jahren stirbt der Di

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alekt aus“, stellte der gebürtige Flensburger fest und fügte hinzu: „Er stirbt aber nicht, er ändert sich nur.“

Um zu belegen, dass die Mundart schon seit Jahrhunderten zum sterbenden Patienten erklärt wird, zitierte Eckart Frahm den Sprachforscher Johann Christoph Adelung, der 1774 geschrieben hatte: Die „Sprache der feinen und gelehrten Welt

[...] verändert sich mit den Moden. Neue Wahrheiten, neue Einkleidungen alter Wahrheiten, selbst neue Vorurtheile haben einen starken Einfluß auf die Denkungsart und auf die Sprache. Die sogenannte höhere und poetische Schreibart arbeitet unaufhörlich an dem Untergang der Mundart des täglichen Umgangs.“

Hundert Jahre später hatte ein englischer Philologe einen anderen Schuldigen ausgemacht – die Eisenbahn. Die Befürchtungen aus dem Jahr 1875, die Eckart Frahm in Kirchheim zitierte, wirken durchaus aktuell: „Wo heute die so gewaltig erleichterten Verkehrsverbindungen in ungeahnter Weise die Menschen durcheinander würfeln und mengen, da ist es aus mit localer Mundart, mit localen Sitten, Sagen und Bräuchen; ihnen hat die Eisenbahnpfeife ihr Grablied geklungen. In wenigen Jahren werden sie dahingeschwunden sein, in wenigen Jahren wird es zu spät sein, sie zu sammeln und vielleicht noch sie zu schützen.“

Eckart Frahm kommentierte diese pessimistische Beobachtung trocken: „Die Bahn mag an vielem schuld sein, aber sicher nicht an der Veränderung des Dialekts.“ Einerseits sei es zwar so, dass sich die Mundarten nicht mehr von Dorf zu Dorf unterscheiden, sondern stattdessen zu „Regiolekten“ verschmelzen. Andererseits aber seien es auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen, die das Aus für eine Vielzahl von Mundartbegriffen gebracht hätten. „Wer kennt heute noch die 33 Bestandteile eines Leiterwagens?“ fragte Eckart Frahm. Deshalb ist es kein großes Wunder, wenn auch die mundartlichen Begriffe für diese 33 Bestandteile nicht mehr allgemein bekannt sind.

Die Klagen über den Dialektverfall hatten aber wohl ihren Nutzen für die Forschung: 1876 begann eine rege Sammeltätigkeit, die schließlich zur Erstellung des Deutschen Sprachatlasses führte. Das gesamte dialektgeografische Material befindet sich in Marburg, und Eckart Frahm bezeichnete es als einen „Schatz“. Allerdings gebe es auch Kritik an der Methodik, weil damals keine Hinweise auf die gesprochene Sprache dokumentiert wurden, also auf Akzentuierung, Vokaldauer oder Sprachmelodie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte die technische Entwicklung dann den entscheidenden Fortschritt: „Mit dem Einsatz tragbarer Tonbandgeräte begann eine neue Ära.“ So kam auch ein Ergebnis zutage, das im Spitalkeller für Schmunzeln sorgte: „Frauen sprechen im Dialekt schneller als Männer, und sie bilden kürzere Sätze.“

Seit zehn Jahren ist Eckart Frahm der Hüter dieser Tonbandschätze am Ludwig-Uhland-Institut der Universität Tübingen. Einige der 2 040 Aufnahmen hatte er in digitalisierter Form nach Kirchheim mitgebracht. Und eine junge Suppingerin, die 1955 von ihren Erfahrungen im Haushalt einer Arztfamilie berichtet hatte, hat Eckart Frahm etwa 50 Jahre später sogar wieder ausfindig gemacht: in Weilheim. Sie zählte viele Begriffe auf, die in Suppingen anders benannt wurden als in Weilheim – „Aftermeedig“ und „Daischdig“ etwa für den Dienstag, „Aibiera“ und „Äbiera“ für Kartoffeln oder „Büschela“ und „Krähla“ für Reisigbündel. Abschließend stellte sie aber etwas fest, was die Theorie vom aussterbenden Dialekt durchaus unterstützen könnte: „Obwohl mr auf dr Alb vieles au nemme so sait – ond do onta au net.“

Oft liegt das aber – wie bereits erwähnt – daran, dass es die Gegenstände und die Tätigkeiten von einstens nicht mehr gibt. So stellte eine damals 68-jährige Weinbäuerin aus dem Breisgau bereits 1955 fest: „Heut‘ macht mr alles mit Maschina.“ Entsprechend hat sich auch die Arbeit des Totengräbers geändert, über die damals ein 71-Jähriger aus dem Hohenlohischen berichtet hatte.

Ähnliches gilt für Weihnachts- und Osterbräuche in Bessarabien, von denen eine 87-jährige Heimatvertriebene 1966 in Kirchheim sprach. Ein 57-jähriger Kirchheimer, der ebenfalls aus Sarata bei Odessa stammte, erzählte vom Schafskäse in seiner alten Heimat. Und eine 56-Jährige erinnerte sich an ihre Aussteuerkuh, die sie einst in Sarata großgezogen hatte.

Weitere Aufnahmen, wieder von 1955, stammten aus Erkenbrechtsweiler, wo eine 35-jährige Hausfrau begeistert vom Kirchenchor erzählte, in den sie jetzt aus Zeitmangel nicht mehr gehen konnte: „Dr Kirchachor, des isch mei Freid gwea.“ Jedes Jahr habe es einen Ausflug gegeben, bei dem auch „luschdige Lieder“ gesungen wurden – „et bloß Kirchalieder“.

Den Schwaben attestierte Eckart Frahm die Fähigkeit, ihren Dialekt fein abstufen zu können, bis hin zum Schriftdeutsch. Norddeutsche oder Schweizer dagegen sprächen entweder Dialekt oder Schriftdeutsch. Dazwischen gebe es nichts, was aber unterschiedliche (sprach-)historische Gründe hat. Der Dialekt sei wichtig, weil er Geborgenheit und Heimat vermittle – gerade auch in globalisierten Zeiten. Und im Gegensatz zu den 1970er-Jahren, als der Dialekt als „Bildungsbarriere“ verpönt war, erlebe er mittlerweile eine Renaissance. Auch die Zeitungen beschäftigten sich gegenwärtig mit dem Dialekt. Und selbst im Schwäbischen gebe es inzwischen mundartliche Anklänge in Todesanzeigen, was anderswo schon lange Brauch sei.

Und wie hält es Eckart Frahm mit dem Schwäbischen, das er selbst gar nicht spricht? „Ich verstehe es gut. Ich hab‘ auf der Alb Fußball gespielt.“