Kirchheim

Ohne Schläfchen geht es nicht

Inklusion Ingrid Danz leidet an Narkolepsie, einer Krankheit, die viele Betroffene erwerbsunfähig macht. Die junge Frau hat Glück gehabt: Sie arbeitet halbtags als Erzieherin im Naberner Kindergarten. Von Antje Dörr

Mittendrin: Ingrid Danz ist im Naberner Kindergarten angekommen.Foto: Carsten Riedl
Mittendrin: Ingrid Danz ist im Naberner Kindergarten angekommen.Foto: Carsten Riedl

Wenn die Kolleginnen in ihrer Frühstückspause ins Vesperbrot beißen, legt Ingrid Danz sich eine Runde aufs Ohr. Ohne ihr Vormittagsschläfchen würde die 26-Jährige den Arbeitstag im Naberner Kindergarten nicht überstehen. Und zwar nicht, weil sie am Vorabend zu spät ins Bett gegangen ist. Ihre Müdigkeit hat einen handfesten Grund: Ingrid Danz leidet unter Narkolepsie, im Volksmund Schlafkrankheit genannt.

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Die Krankheit beginnt schleichend, als Danz noch zur Schule geht. Fehlt die Diagnose, müssen Betroffene sich meist haufenweise blöde Sprüche anhören, werden als „Schlaftabletten“ oder „träge“ tituliert. Auch Ingrid Danz hat in ihrem Leben schon unzählige ungebetene Ratschläge erhalten. „Viele haben mir empfohlen, doch mal früher ins Bett zu gehen. Oder mich einfach ein bisschen zusammenzureißen“, sagt sie. Dabei können sich die Patienten gegen den Schlaf nicht wehren (siehe Infokasten). Während Danz‘ Ausbildung zur Erzieherin wird die Krankheit immer stärker. Das Anerkennungspraktikum soll schließlich zur unüberwindbaren Hürde für die junge Frau werden.

Dass Ingrid Danz rund zehn Jahre später doch noch in ihrem Traumjob gelandet ist, hat sie unter anderem Mireille Stabingis zu verdanken. Sie ist Job-Coach bei den Werkstätten Esslingen-Kirchheim (WEK) und versucht, für Menschen mit Handicaps passende Beschäftigungen zu finden. Meistens müssen die Beschäftigungen auch ein wenig passender gemacht werden. Bei Ingrid Danz war das Hauptthema, als sie das Praktikum im Naberner Kindergarten begann, ausreichend Ruhezeiten einzuplanen. Ihr Arbeitstag beginnt gegen 7.30 Uhr. Irgendwann ab 10 Uhr ist der Ofen aus, dann braucht sie eine Schlafpause. Das herauszufinden, hat eine Weile gedauert. Mittlerweile hat sich diese Tagesstruktur etabliert, Leitung und Kolleginnen können sich darauf einstellen. Mehr als ein Halbtagsjob im trubeligen Naberner Kindergarten mit seinen 80 Kindern kommt für die junge Frau nicht in Frage. „Wenn ich nach Hause komme, ist mein Tag erstmal gelaufen“, sagt Ingrid Danz. Glücklicherweise hat sie es nicht weit. Müsste sie mit dem Bus zwischen Arbeitsplatz und ihrem Zuhause pendeln, wäre das eine weitere große Hürde.

Birgitt Berner ist die Leiterin des Naberner Kindergartens. Sie kennt Ingrid Danz als Praktikantin während ihrer schulischen Ausbildung, erlebte also mit, wie ihre Krankheit schlimmer wurde. Als Mireille Stabingis Jahre später mit dem Wunsch der jungen Frau an sie herantrat, erneut ein Praktikum im Kindergarten zu machen, zögerte Berner nicht lange. „Ich habe mir das gleich zugetraut, vielleicht auch, weil ich zehn Jahre lang an der Rohräckerschule tätig war“, sagt sie. Kolleginnen und Eltern waren ebenfalls dafür, Ingrid Danz eine Chance zu geben.

Mittlerweile ist die Erprobungsphase abgeschlossen. Ingrid Danz hat einen so genannten Außenarbeitsplatz: Sie ist zwar Mitarbeiterin der WEK, arbeitet jedoch im Kindergarten. Darüber ist Job-Coach Mireille Stabingis froh: „Ich könnte mir Frau Danz nicht in unseren Werkstätten beim Schraubendrehen vorstellen.“ Birgitt Berner ist glücklich mit ihrer Mitarbeiterin. Dass die sich ebenfalls wohl fühlt, merkt sie daran, dass Ingrid Danz‘ Tics praktisch verschwunden sind. Diese Verhaltensauffälligkeiten, zum Beispiel Zuckungen, können auftreten, wenn die junge Frau sehr aufgeregt oder überlastet ist. Die Kinder kämen mit der Andersartigkeit ihrer Erzieherin gut zurecht, sagt Birgitt Berner. Mittlerweile reagierten sie gar nicht mehr, wenn Ingrid Danz‘ Krankheit sich doch einmal an die Oberfläche kämpft. „Die Kinder hören auf sie, spielen mit ihr, finden es lustig mit ihr“, sagt die Chefin. Dass die Kinder eine Erzieherin mit Handicap hätten, sei für sie eine Bereicherung und sie lernen: „Wir müssen nicht alle gleich gut funktionieren.“

Wie äußert sich Narkolepsie?

Tagesschläfrigkeit ist ein Hauptmerkmal der Narkolepsie, einer neurologischen Erkrankung, der eine Störung der Schlaf-Wach-Regulation zugrunde liegt. Auffällig sind die Einschlafattacken, denen sich die Betroffenen nicht widersetzen können, außer beispielsweise durch präventives Schlafen.

Kataplexien nennt man einen plötzlichen Kontrollverlust über die Haltemuskulatur, der zu Stürzen führen kann. Kataplexien werden von heftigen Emotionen wie Freude, Ärger oder Scham ausgelöst.adö