Kirchheim

Protest mit Hoffnung auf Neuanfang

Kirchenreform Die Frauen der katholischen Gesamtgemeinde Kirchheim schließen sich der bundesweiten Bewegung Maria 2.0 an. Am 19. Mai gibt es eine Solidaritätsaktion vor der Kirche Maria Königin. Von Thomas Zapp

„Marientöchter“ mit zugeklebten Mündern - so haben katholische Frauen in Kirchheim vor Sankt Ulrich protestiert.  Foto: Kerstin
„Marientöchter“ mit zugeklebten Mündern - so haben katholische Frauen in Kirchheim vor Sankt Ulrich protestiert. Foto: Kerstin Wacha

Frauen können in der katholischen Kirche weder Priesterin noch Diakonin werden. In der katholischen Lehre galt es bislang als unumstößlich, dass Jesus nur Männer als Apostel ausgesucht hat, und sieht das als Hinweis, dass Gott nur Männer in diesen wichtigen Positionen haben wollte. Das wollen viele Frauen, die sich in der katholischen Kirche engagieren, nicht mehr länger hinnehmen.

Maria 2.0 heißt eine Bewegung in Anspielung an Maria Magdalena, die viele Theologen als erste christliche Priesterin erachten. Zwei Frauen aus dem westfälischen Münster haben den Protest initiiert. Seit Samstag sind sie im Ausstand und betreten weder eine Kirche noch tun sie ihren Dienst im Ehrenamt, Gottesdienste werden auf den Kirchplätzen und vor den Kirchentüren gefeiert. Mit weißen Betttücher bedecken sie Plätze mit dem Weiß der Unschuld, mit dem Weiß der Trauer und des Mitgefühls.

Auch in Kirchheim haben sich Katholikinnen angeschlossen, vor der Sankt-Ulrich-Kirche hat es bereits eine Demonstration gegeben. Für Sonntag, 19. Mai, ist vor Maria Königin eine weitere geplant. „Die haben einen Nerv getroffen“, glaubt Ursula Flaig, die in der Ulrichsgemeinde im Kirchengemeinderat sitzt und stellvertretende Vorsitzende des „Kommunikationszentrums für interkulturelle Zusammenarbeit“ ist, kurz: KIZ. „Seit meinem Studium hat sich in der katholischen Kirche nichts verändert, bei vielen ist eine innere Resignation eingetreten, was sehr viel von der Glaubensfreude nimmt“, sagt die Mittfünfzigerin.

Ihre Mitstreiterin ist Ulrike Weber-Böhret, in der Gemeinde Sankt Ulrich ehrenamtlich für Kinder, Jugend und Familie zuständig. „Ich bin seit Jahren leidenschaftlich dabei in der Kirche. Wir müssen von innen her etwas bewegen. Auszutreten ist keine Option für mich“, sagt die Kirchheimerin. Der Input aus Münster habe nun wie ein Funke gewirkt.

Sie selbst hat eine gute Bekannte, die katholische Theologie studiert hat, wegen fehlender Perspektiven aber zur evangelischen Kirche gewechselt hat und dort Pfarrerin geworden ist. „Wäre das auch passiert, wenn sie das auch in der katholischen Kirche hätte werden können?“, fragt sie sich.

„Maria 2.0“ kommt zu einem Zeitpunkt, der in eine schwere Glaubwürdigkeitskrise der katholischen Kirche fällt. Die Aufdeckung von Missbrauchsskandalen hat die - männliche - Kirchenführung unter Druck gesetzt. „Es hat nur minimale Veränderungen gegeben“, sagt Ursula Flaig. Nun sei es aber der „innere Kern“ der Kirche, der aufsteht und grundlegende Reformen fordert, wie etwa den Zugang der Frauen zu allen Ämtern in der Kirche, auch dem Priesteramt oder dem Amt des Diakons. In gleicher Weise wollen die Frauen der Bewegung, dass keiner mehr ein Amt innerhalb der katholischen Kirche bekleiden darf, der „andere geschändet“ hat an Leib und Seele „oder diese Taten geduldet oder vertuscht“ hat, heißt es in dem Manifest von Maria 2.0. Außerdem müssten die Täter an weltliche Gerichte überstellt werden.

„Die Männerdominanz muss verändert werden“, sagt Ursula Flaig. Sie ist wie Ulrike Weber-Böhret optimistisch, etwas bewegen zu können. „In Kirchheim habe ich das Gefühl, dass wir Zustimmung von den Pfarrern bekommen“, sagt sie. Auch gebe es Bischöfe, welche die Meinung der Frauen teilen. Diese müssten sich jetzt in der Bischofskonferenz durchsetzen. Ulrike Weber-Böhret spürt eine Aufbruchstimmung und auch Zustimmung, sogar Bewunderung von den Männern. Als Nächstes gelte es, die Bewegung fortzuführen, Aktionsgruppen zu gründen und einen Brief an den Bischof zu verfassen. Ulrike Weber-Böhret hofft, dass von dem Wandel eines Tages auch ihre Tochter profitieren kann: „Sie ist Pastoralreferentin, darf aber keine Sakramente erteilen. Das ist auch biblisch nicht zu rechtfertigen.“

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