Kirchheim

Radläden werden überrollt

Bewegung Die Corona-Pandemie hat einen Fahrrad-Boom ausgelöst. In den Verkaufsräumen und den Werkstätten der Händler in der Region brummt das Geschäft. Das führt für Kunden zu Wartezeiten. Von Bianca Lütz-Holoch

Zusammenbauen, reparieren und flicken: Die Fahrradwerkstätten kommen kaum hinterher.Foto: Carsten Riedl
Zusammenbauen, reparieren und flicken: Die Fahrradwerkstätten kommen kaum hinterher. Foto: Carsten Riedl

Der Radsport boomt in Deutschland schon länger. Mit dem Coronavirus hat er aber noch mal einen Aufschwung erlebt - so groß, dass die Radläden rund um die Teck den Ansturm auf Verkaufsräume und Werkstätten zum Teil kaum bewältigen können.

„Wir werden total überrannt“, sagt Martin Höfle, Inhaber des gleichnamigen Fahrradgeschäfts in Owen. Aus dem Beraten, Verkaufen und Reparieren kommen er und seine Mitarbeiter gar nicht mehr heraus. „Jeder von uns arbeitet zurzeit 250 Stunden im Monat. Wir gehen jeden Abend fix und alle nach Hause“, gibt er einen Einblick in seinen Alltag. „Als Fahrradfahrer würde man sagen: Wir kommen auf der Felge daher.“

„Der Andrang ist extrem groß“, bestätigt Stefan Fischer von Radsport Fischer und Wagner in Kirchheim. „Das geht seit der Wiedereröffnung im Mai so.“ Die Hintergründe sind für ihn nachvollziehbar: „Für viele ist der geplante Urlaub weggefallen, und sie sind als Ersatz aufs Fahrrad gestiegen.“ Auch wollten einige Pendler nicht mehr Bus und Bahn nutzen. „Eigentlich ist das passiert, was man schon lange will: neue Mobilität mit dem Fahrrad.“ Allerdings kam das Ganze so schnell, dass vor allem Produzenten und Werkstätten nicht mehr hinterherkommen.

„Viele Hersteller konnten irgendwann nicht mehr liefern“, sagt Markus Heilenmann vom gleichnamigen Weilheimer Zweiradgeschäft. Dadurch sind Wartezeiten für die Kunden entstanden. „Am Anfang hatten sie noch Verständnis dafür, dann kam der Frust“, hat er festgestellt. Genauso ergeht es seinen Kollegen in Owen und Kirchheim - vor allem , wenn jemand sein Fahrrad repariert haben möchte.

„Wir erleben jeden Tag böse Szenen, wenn wir die Leute wegschicken müssen“, sagt Martin Höfle. Auch bei Stefan Fischer und Markus Heilenmann sind die Werkstätten bis obenhin ausgebucht: „Wir sind gar nicht mehr in der Lage, Fremdräder zur Reparatur anzunehmen“, betonen sie unisono. Bei vielen Kunden stößt das auf Unverständnis. „Aber wir können in dieser Situation schließlich nicht von heute auf morgen mehr Arbeitskräfte einstellen“, so Stefan Fischer.

Was Neuräder angeht, ist in den vergangenen Wochen eigentlich so ziemlich alles gefragt gewesen - vom Kinderrad übers City-Bike bis hin zu Mountainbikes. Spitzenreiter sind aber ganz klar die E-Bikes. „Das ist das teurere Produkt, und nachdem der Urlaub ausgefallen ist, konnten sich das viele Leute leisten“, glaubt Markus Heilenmann. Auch bei Radsport Fischer und Wagner haben elektrisch betriebe Räder die Nase vorn. „Klarer Sieger sind aber E-Mountainbikes“, so Stefan Fischer. Sie stünden nicht nur bei jungen Leuten, sondern durch alle Altersklassen hindurch hoch im Kurs. Auch da gilt aber: „Sie sind im Moment kaum noch lieferbar.“

Markus Heilenmann hat festgestellt, dass der Ansturm im Verkauf nun langsam nachlässt: „Die Senkung der Mehrwertsteuer hat nochmal einen kleinen Schwung ausgelöst, jetzt herrscht aber eigentlich der ganz normale Sommerstress.“

Von Entspannung möchte Martin Höfle dagegen nicht sprechen: „Es war am Anfang katastrophal, in der Mittel katastrophal und es ist jetzt noch katastrophal“, kommentiert er den Run auf sein Geschäft. Das kommt zum einen vom Ansturm, zum anderen bringen aber auch Lieferengpässe bei Ersatzteilen einen immensen Aufwand mit sich. „Man muss wirklich jedem Teil hinterherrennen. Das kostet Zeit.“ Zu Weihnachten, schätzt er, wird es dann endlich ruhiger.

Zwar verzeichnet Stefan Fischen seit Mai ein deutliches Umsatzplus gegenüber den Vorjahren. „Es wurde aber auch einfach das Sommergeschäft vorgezogen“, ist er sich sicher. „Und je nachdem, wie sich die Corona-Situation im Herbst und Winter entwickelt, ist noch nicht klar, was am Ende des Jahres wirklich unterm Strich steht.“

Zusammenbauen, reparieren und flicken: Die Fahrradwerkstätten kommen kaum hinterher.Foto: Carsten Riedl
Zusammenbauen, reparieren und flicken: Die Fahrradwerkstätten kommen kaum hinterher. Foto: Carsten Riedl
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