Bundestagswahl

Renata Alt setzt auch in Berlin auf Bodenhaftung

Kandidatenmeinungen Nur die FDP ließ gestern schon um 18 Uhr die Korken knallen.

Renata Alt, ihr Ehemann und die Parteimitstreiter haben allen Grund zum Jubeln: Die FDP ist wieder im Bundestag und die Kirchhei
Renata Alt, ihr Ehemann und die Parteimitstreiter haben allen Grund zum Jubeln: Die FDP ist wieder im Bundestag und die Kirchheimer Kandidatin wird Abgeordnete.Foto: Carsten Riedl

Region. „FDP - von Jan für Renata“ prangt in rot auf einem in Kinderschrift gemalten Plakat im Partyraum der FDP in Kirchheim. Daneben steht Renata Alt und strahlt. Ein zweistelliges Ergebnis im Bund, darauf hatten die Liberalen gehofft. Im Kahleschen Gewächshaus sorgt deshalb schon die erste Hochrechnung für Freudenschreie. Die Kirchheimer Liberalen haben gleich doppelt Grund zum Jubeln: Listenplatz 7 beschert nämlich ihrer Kandidatin das Ticket nach Berlin. „Da werde ich mein Leben mal wieder komplett umkrempeln müssen“, meint die Kirchheimer Stadträtin, die dem Gemeinderat möglichst lange treu bleiben will, denn das verleiht „Bodenhaftung“, wie sie betont. Wenn‘s nach ihr geht, sollen die Liberalen jetzt selbstbewusst in Koalitionsverhandlungen gehen und Verantwortung übernehmen, sofern der kürzlich verabschiedete Zehn-Punkte-Plan der Partei im Kern gewahrt bleibt.

„Die Schwierigkeiten fangen jetzt an“, meint dazu einer, der nach vier Legislaturperioden erfahren ist in Sachen Koalitionsverhandlungen. Für ihn ist das Wahlergebnis eine klare Absage an die große Koalition: „Wenn eine Regierungskoalition fast 14 Prozent verliert, dann hat sie keine Berechtigung weiterzumachen.“ Er hoffe nur, dass sich alle der staatspolitischen Verantwortung bewusst seien, meint er mit Blick auf die möglichen Koalitionspartner. Hennrich hatte mit starken Einbußen der Christdemokraten gerechnet, spätestens seit dem „Fernsehduell“ mit Merkel und Schulz. „Das hat einfach zu viel Harmonie versprüht“, erklärt er, warum sich daraufhin Wähler abwandten. Thematisch macht er das Flüchtlingsproblem für die herben Verluste der CDU verantwortlich. Sein persönliches Ziel von 40+ hat er im Wahlkreis nur knapp verpasst.

Dritter im Bunde einer neuen Koalition mit den Farben Jamaikas könnten die Grünen sein. „Die SPD hat mit diesem Ergebnis keinen Regierungsauftrag mehr“, meint Matthias Gastel, der seine Partei jetzt in der Verantwortung sieht. Nun müssten Sondierungsgespräche zeigen, ob eine schwarz-gelb-grüne Koalition auch genügend grünes Profil enthalte. Dass die Landesgrünen diesmal noch deutlicher als bisher über dem Bundestrend liegen, freut Gastel besonders. Er macht dafür weniger einen Kretschmann-Bonus geltend als vielmehr die Beschäftigung der Grünen mit authentischen, aber auch enorm wichtigen Themen, wozu er seinen Fachbereich rechnet, Verkehr und Infrastruktur. Für ihn selbst hatte Listenplatz 10 vor vier Jahren einen Wackelplatz bedeutet, diesmal herrschte mit demselben Listenplatz frühzeitig Zuversicht.

Von einer „schlimmen Niederlage“ spricht ein ernüchterter Dr. Nils Schmid, der die SPD gestern in Berlin bei der SWR-Fernsehsendung „Die Wahl bei uns“ vertrat. Die erfolgreiche Koalition auf Bundesebene habe sich überhaupt nicht ausgezahlt, lautet seine Bilanz. - Eine Art Déjà-vu für ihn, war er doch bis 2016 in der schwarz-roten Regierung im Land Superminister bis zur Abwahl der Koalition. Ganz klar komme für ihn im Bund nun nur die Opposition infrage: „Nach einem solchen Absturz kann‘s nicht sein, dass die Wahlverlierer weitermachen als wäre nichts geschehen.“ Diese Opposition wird Schmid selbst mitgestalten können, hat ihm doch Platz 6 auf der Landesliste das Mandat in Berlin beschert.

Recht zufrieden mit dem Wahlergebnis zeigt sich der Kandidat der Linken: „Das Ergebnis ist gut“, bilanziert Heinrich Brinker. Das gilt besonders für ihn persönlich, kann der Kirchheimer in seiner Heimatstadt doch mit 6,1 Prozent der Erststimmen ein im Landesvergleich überdurchschnittliches Ergebnis verbuchen. Die leichte Verbesserung des bundesweiten Ergebnisses der Linken führt Brinker darauf zurück, dass die Partei ihre Inhalte überzeugend vermittelt habe. Mit dem Blick auf Berlin hofft er im Falle einer Jamaika-Koalition, dass die Grünen es schaffen mögen, Akzente zu setzen und nicht nur als Feigenblatt dienten.

Euphorie herrscht bei der AfD: Als „glücklich und zufrieden“ bezeichnet sich und ihre Partei Kandidatin Dr. Vera Kosova. Sie hoffe jetzt auf eine gute Oppositionsarbeit.Irene Strifler

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