Kirchheim

Ruhe, bitte!

Nachtleben Kirchheim hat eine lebendige Kneipenszene – zum Glück für Partypendler und zum Leidwesen der Anwohner. Polizeibesuche sind an der Tagesordnung. Von Mona Beyer

Über ein totes Nachtleben kann man sich in Kirchheim nicht beklagen. Symbolfoto: Pixabay

Samstagnacht, vier Uhr morgens, der Bass dröhnt. Wälzen nach links, wälzen nach rechts. Das Fenster ist längst zu, die Sommerhitze steht im Raum. Der Schlaf kommt nicht. So geht es vielen Kirchheimern, die in der Innenstadt wohnen. Jede Woche.

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Kirchheim ist eine attraktive Stadt - keine Frage. Gerade in lauen Sommernächten tummeln sich die Feierlustigen aus dem Umkreis in den Gassen, Restaurants, Bars und Clubs. Sie haben Spaß, sie sind laut. Das Kirchheimer Weindorf, das bis Sonntag auf dem Rollschuhplatz zu Gast war, habe natürlich auch eine gewisse „Anziehungskraft“, wie es Daniel Straub, stellvertretender Leiter des Kirchheimer Polizeireviers, formuliert. In der Innenstadt hingen Plakate: Eine Bar warb mit täglichen After-Weindorf-Partys bis 5 Uhr morgens. Dabei muss unter der Woche um 3 Uhr Schluss sein. Trotzdem möchte Straub dem Fest nicht ganz die Verantwortung für den nächtlichen Lärm in der Stadt in die Schuhe schieben. Es sind die Sommermonate insgesamt, die die Beschwerden wegen Ruhestörung in Kirchheim in die Höhe treiben.

Nicht alle hören auf die Polizei

Bei der Polizei herrscht Dauerbetrieb. An einem Samstag im August klingelt im Kirchheimer Polizeirevier in der Dettinger Straße zehnmal und häufiger das Telefon, weil sich Anwohner über Lärm beschweren. Etwa die Hälfte der Fälle lösen Kneipen aus. Das Prozedere ist jedes Mal das Gleiche: der Anruf geht ein, die nächste freie Streife wird zur Location geschickt, die Beamten bitten die Betreiber, ruhiger zu sein. Bis dahin sollten im Normalfall nur wenige Minuten vergangen sein. Was danach passiert, ist von Kneipe zu Kneipe unterschiedlich. Für einige wenige Betreiber, so ist es von der Polizei zu erfahren, reicht die freundliche Aufforderung nicht aus.

Was macht man, wenn sich ein Gastronom querstellt?

Der Spielraum der Polizei ist begrenzt. „Mehrfachtäter“ gibt sie an die Stadtverwaltung weiter. Die kann Bußgelder verhängen - bis zu einigen Hundert Euro. Ob das einem Club, der mit einer durchzechten Nacht ein Vielfaches verdienen kann, wirklich wehtut, ist zweifelhaft. „Am Anfang habe ich mich gefragt, warum ich mich überhaupt an die Regeln halte, wenn andere es nicht machen und auch damit durchkommen“, klagt ein Kirchheimer Wirt, der nicht mit Namen genannt werden will. Das Problem kennt auch Christoph Lazecky vom Kirchheimer Ordnungsamt. „Für einen ein- oder zweimaligen Verstoß kann sich das lohnen.“ Doch: Treiben es die Lokale zu bunt, droht ihnen ein Entzug der Genehmigung. Um solche Fälle aufzudecken, sind die Behörden auf die Hilfe der Anwohner angewiesen. Ohne Beschwerden können sie kaum etwas unternehmen.

Mehrheit macht keine Probleme

Mit drei, vier Lokalen in der Stadt, von etwa 140 mit Schanklizenz, steht das Ordnungsamt gezwungenermaßen in Dauerkontakt. Es versucht, sie zu erziehen - mit netten Briefen und weniger netten Mahnungen. Der Dialog soll helfen. „Leider“, sagt Lazecky, entwickelt sich die aktuelle Ausgehkultur genau in die andere Richtung: später, lauter, länger. „Grundsätzlich sehen wir uns als Schützer der Bürger“, erklärt Christoph Lazecky. Trotzdem bleibt die Angelegenheit ein ewiger Spagat für die Stadt: die glücklichen Anwohner auf der einen Seite, der Wunsch nach einem lebendigen Stadtleben auf der anderen.

Ein Blick nach Nürtingen, aus Kirchheimer Sicht ein verschlafenes Nest - obwohl größer und Hochschulstadt. Fragt man den Leiter des Nürtinger Polizeireviers Matthias Lipp nach Ruhestörungen, sagt er: „Also das ist hier im Vergleich zu anderen Dingen wirklich kein Problem.“ Dort klingelte an einem Samstagabend im August dreimal das Telefon des Polizeireviers wegen Lärms. Meistens sind das Privatangelegenheiten, selten eine Kneipe. In Nürtingen soll die Innenstadt belebt werden. Die Stadtverwaltung hat den Auftrag, Gastronomen den Schillerplatz schmackhaft zu machen. In Kirchheim geht die Entwicklung seit Jahren eher in die andere Richtung: Die S-Bahn-Verbindung zieht Party-Volk nach Stuttgart, ein Modellversuch im Jahr 2010, Außenbewirtung eine Stunde länger zuzulassen, blieb nach Beschwerden bei einem Versuch.

Wann ist es Ruhestörung?

Als Ruhestörung (oder auch „Lärmstörung“) wird eine belästigende Immission verstanden. Damit ist vor allem Lärm gemeint, aber auch Licht, Gerüche oder Erschütterungen können als Ruhestörung empfunden werden.

Die Nachtruhe gilt generell von 22 bis 6 Uhr, unabhängig von Wochentag oder Wochenende. Dann liegt die Grenze der erlaubten Dezibel weit unter dem Tageslimit. Nach 23 Uhr müssen Außenbewirtungen geschlossen werden. Bars und Clubs müssen die Fenster schließen. Nach außen sollte kein Lärm mehr dringen.

Wenn sich Anwohner durch Lärm gestört fühlen, gibt es für sie zwei Möglichkeiten: Sich persönlich beschweren oder die Polizei rufen. Das Kirchheimer Revier ist unter der Telefonnummer 0 70 21/50 10 erreichbar. Auch der Notruf 110 funktioniert. mona