Lokale Kultur

Sammelgut und japanische Puppen

Uta Arnhardt und Gabriele Domay stellen Papierkunst im Lenninger Schlössle aus

Lenningen. „Transparenz und Dichte“ heißen die Ausstellungen der beiden Papierkünstlerinnen Uta Arnhardt und Gabriele Domay, zu deren

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Eröffnung die Gemeindebücherei Lenningen, der Förderkreis Schlössle und das Museum für Papier- und Buchkunst ins Lenninger Schlössle geladen haben.

Papier, dieses aus Pflanzenfasern mit Stoff- und Papierresten durch Verfilzen und Verleimen hergestellte und zu einer dünnen Schicht gepresste Material, das im Alltag vorwiegend zum Beschreiben und Bedrucken oder zum Verpacken gebraucht wird, ist für die beiden Kunstschaffenden, Uta Arnhardt und Gabriele Domay, mit seiner vielfältigen Stofflichkeit viel mehr. Das alltägliche Material Papier wird von beiden als eigenständiges Sprachmittel, Gabriele Domay nennt es „Bedeutungsträger für eine eigene Formensprache“, gesehen.

Diese „andere“ Sicht auf das so alltägliche Produkt zeigen Uta Arnhardt in ihrer Ausstellung in den Räumen der Gemeindebücherei Lenningen und Gabriele Domay in ihrer Rauminstallation im Museum für Papier- und Buchkunst. Die Ausstellungen können unabhängig voneinander betrachtet und gesehen werden – beide zeigen jedoch die Faszination an der Leichtigkeit, der Transparenz, der Formen- und Sprachenvielfalt des Werkstoffs Papier.

„Ein besonderes Merkmal meiner Arbeit ist die Einbeziehung von Dingen, die ich finde. Waren es früher eher ganz bizarre Hölzer, Wurzeln, Samenkapseln und Strandgut, so handelt es sich neuerdings um viel kleinere und zartere Pflanzenteile. Das kommt daher, dass mein Werkstoff auch zart und fein ist: Papier. Aus diesem fragilen und aus subtilsten Farbnuancen bestehenden Fundus von Naturmaterialien bediene ich mich, wenn ich meine Bildelemente zwischen Papierschichten anordne“ – so beschreibt die in Hof geborene Künstlerin Uta Arnhardt ihre Arbeiten. Dinge, die ihr Leben eigentlich schon hinter sich haben: Verblühtes, Verwelktes, dem Verfall Bestimmtes aus der Natur, findet gesäubert, gepresst und konserviert Eingang in die Bilder. Ihr „Sammelgut“ ordnet sie in fantasievollen Zusammenstellungen zwischen mehreren Papierschichten an, es durchläuft eine Transformation. Indem sie das Material aus dem eigentlichen, ursprünglichen Zusammenhang herauslöst und in eine neue Ordnung überführt, vollzieht sich eine wesentliche Verwandlung, eine eigene Bildsprache, ein eigener Bildtext entsteht. Das Selbstverständliche, Bekannte wird zum Besonderen, das natürlich Gewachsene zu einem ästhetisch umformulierten Bildelement.

Zum Befestigen und Versiegeln der zarten Fragmente benutzt Uta Arnhardt Bienenwachs. Das bringt die feinen Farbnuancen zum Leuchten und macht das verwendete Japanpapier transparent. Außerdem schließt sich mit diesem Naturstoff zugleich der Kreis zum Ursprung der Pflanzenfette. Ihr Fundus ist die Natur und deren Möglichkeiten. Angefangen bei Papier, Holz und Bienenwachs bis hin zu dem Gesammelten. Inhalt, Bild und verwendetes Material fügen sich zusammen. Die meist kleinformatigen Papierarbeiten spannt die Künstlerin in Imkerrahmen oder hängt sie wie Fahnen zwischen Leitern oder an Rollstäbe. Ihre Bilder scheinen zu schweben, nichts soll die feinen Kompositionen einengen oder in eine „Vorgabe“ zwängen. Wichtig sind Bewegungsfreiheit und Lichtdurchlässigkeit. Jeder Windhauch darf mit diesen schwerelosen Bildern spielen und die Objekte in Bewegung versetzen. Fast tanzend, in rhythmischer Reihung formieren sich die Blütenblättchen, Staubgefäße und Blattfragmente auf dem Papier. Damit die Choreografie beibehalten wird, umfängt die Künstlerin einzelne Spuren und Pflanzenchiffren mit einem Faden. Uta Arnhardt zeichnet mit dem Faden und erlaubt ihm auch das Ausgreifen in den Raum, indem sie die Fadenenden unversäubert stehen lässt und diese sich wie kleine Fühler in der Umgebung zu orientieren scheinen. Die Arbeiten Uta Arnhardts im Lenninger Schlössle verbreiten und verlangen Stille. Sie fordert den Betrachter mit ihren diffizilen Bildobjekten zum Innehalten, zur Aufmerksamkeit und Konzentration auf. Wer sich darauf einlässt, wird mit neuen Wahrnehmungserfahrungen belohnt.

Gabriele Domay arbeitet seit 23 Jahren mit von ihr selbst hergestelltem Papier. Für sie hat dieser Werkstoff eine, wie sie es nennt, „dingliche Präsenz, die auch dem Rezipienten unmittelbar einsichtig ist“. Zugleich schafft dieser Werkstoff Distanz. Es handelt sich dabei nämlich nicht um einen Rohstoff, sondern um ein Material, das in komplizierten Verfahren – ursprünglich aus Pflanzenfasern hergestellt durch Verfilzen, Verleimen und Pressen – die glatte Oberfläche erhält, die notwendig ist, um darauf zu schreiben, zu zeichnen, zu malen und zu drucken. Den Papierpulp, der aus Altpapieren oder Büttenpapier gefertigt wird, spachtelt Gabriele Domay auf Gaze auf.

Meist ist die Papiermasse bei ihr mit Pigmenten eingefärbt. Büttenpapier wird bei den Abformungen verwendet. Die Auseinandersetzung mit dem architektonischen Raum, in dem sie ausstellt, ist für Gabriele Domay ein zentrales Thema ihrer Arbeit. So setzt sie sich intensiv mit der jeweiligen Raumsituation auseinander. Die Arbeit mit dem Raum macht es möglich, dass sich ihre Kunst integriert. Es entstehen Installationen, die sich mit den natürlichen Voraussetzungen auseinandersetzen: dem Tageslicht, in dem sich die Installation im Tagesablauf verändert, mit der Raumposition und -funktion, mit den Wänden – mit den Menschen, die den Raum nutzen.

Im Lenninger Museum für Papier- und Buchkunst ist Gabriele Domay mit ihrer Raum-Installation „Koke­shis“ zu sehen. Kokeshi ist ein für Japan charakteristisches, traditionelles, kunsthandwerklich hergestelltes Spielzeug. Eine der Bedeutungen dieser japanischen Puppen ist, dass sie nach einer Abtreibung gekauft und in einen Hausaltar gestellt werden. Dazu muss man wissen, dass den japanischen Frauen die Einnahme der Pille nicht erlaubt, dagegen die Abtreibung möglich ist. Die östliche Religion tradiert den Glauben an die Wiedergeburt, umso schlimmer für diese Frauen, die diesen Weg gehen müssen. Sie wahren mit den „Puppen“ die Erinnerung an die Ungeborenen und wollen so deren Seelen beschwichtigen. Der Kopf bei den Kokeshi-Formen von Gabriele Domay ist bewusst nicht ganz geschlossen, so entsteht eine Öffnung für die „Kinderseelen“.

Der japanische Brauch ist für Gabriele Domay eine stereotype Geste, beinahe schon ein Ritual, zugleich eine individuelle Deutung des Lebens wie des Todes, aber auch ein gesellschaftspolitisches Memorandum.

Die Werke von Uta Arnhardt sind in den Räumen der Gemeindebücherei Lenningen noch bis zum 5. April zu den üblichen Öffnungszeiten der Bücherei zu sehen: dienstags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs von 15 bis 18 Uhr, donnerstags von 15 bis 19.30 Uhr, freitags von 14 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 12 Uhr. Die Rauminstallation von Gabriele Domay ist im Museum für Papier- und Buchkunst bis zum 19. August zu den üblichen Öffnungszeiten des Museums, samstags von 10 bis 12 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr, zu bewundern.