Junge Zeitung

Samuel ist dann mal weg . ..

Ein Abiturient aus Kirchheim ist mit seinem Fahrrad schon bis in den Iran geradelt

Im Jahr 2010 hatte er sein Abitur in der Tasche. Dann gab es für Samuel Tangl aus Kirchheim kein Halten mehr: Es ging für ein Jahr nach Australien. Doch damit nicht genug. Im Mai 2013 ist der 22-Jährige mit dem Fahrrad in der Teckstadt gestartet. Sein erstes Ziel: die Türkei. Inzwischen befindet er sich im Iran. Alle paar Wochen bekommen die Eltern ein Lebenszeichen, besucht haben sie ihn auch schon. In seiner Kirchheimer Zeit war Samuel Tangl aktiver und engagierter Basketballer, jetzt radelt er fleißig um den halben Erdball. Per E-Mail hat er einige Dinge über sein Abenteuer verraten.

Bilder einer Radreise nach Asien: Begegnung im Regen und Samuel Tangl in den Bergen von Albanien.Fotos: privat
Bilder einer Radreise nach Asien: Begegnung im Regen und Samuel Tangl in den Bergen von Albanien.Fotos: privat

Wie bist du auf die verrückte und auch nicht ungefährliche Idee gekommen, mit dem Fahrrad um den halben Erdball zu fahren?
"Zum einen halte ich den Drang, Neues zu erleben, die Welt zu entdecken, sich ein eigenes Bild von Ländern, Menschen und Kulturen zu machen, für weit weniger verrückt als den Lebensstil, den ein Großteil der westlichen Welt heutzutage pflegt. Zum anderen sehe ich nicht, was so gefährlich an diesem Unternehmen sein sollte. Der Verkehr? Der ist in einer Stadt weitaus gefährlicher als auf einsamen Landstraßen. Wilde Tiere? Haben wir ja fast alle ausgerottet. Gefährliche Menschen? Klar gibt es die, aber ihre Zahl ist so gering und als Nomade mit dem Fahrrad verkehre ich nicht in deren Kreisen. Das Wichtigste ist für mich, viel Zeit zu haben, die ich frei gestalten und dazu nutzen kann, Antworten auf Fragen zu finden wie: Wer bin ich eigentlich? Was ist meine innerste Motivation? Was bedeutet es, Mensch zu sein? Um es mit anderen Worten auszudrücken: Die Suche nach dem Sinn meines Lebens."

Anzeige

 

Welche Dinge hast du mitgenommen und auf welche bewusst verzichtet?
"Ins Gepäck kamen Zelt, Isomatte, Schlafsack, Benzinkocher, hitzetaugliches Essen, Fahrradwerkzeug, Kamera, Tagebuch, Kompass und viel Kleinzeug. Bewusst verzichtet habe ich auf Landkarten. Denn ich habe keinen Zeitdruck, möchte nicht planen und ohne Karte kommt man auch zwangsläufig mit Einheimischen ins Gespräch. Laptop und Handy habe ich zu Hause gelassen, um mehr Freiheit und weniger Ablenkung zu erfahren."


Wie hast du dich auf diese Reise vorbereitet?
"Die Idee hatte sich ein halbes Jahr vorher in meinem Kopf eingenistet. Die Entscheidung kam dann von heute auf morgen. Ich zog in Berlin aus und verkaufte beziehungsweise verschenkte meine Sachen. Außerdem legte ich mir ein Fahrrad und das entsprechende Equipment zu. Die Impfungen ließen die Zeit vom Entschluss bis zum Start auf drei Monate wachsen."


Welche Strecke hast du schon zurückgelegt?
"Über ein halbes Jahr ist es nun her, dass ich in Kirchheim losgeradelt bin. Nach Osteuropa, dem Balkan, Griechenland und zweieinhalb Monaten in der Türkei bin ich nun seit zwei Monaten im Iran. Nach İIstanbul hat der Tacho seinen Geist aufgegeben, aber das war mir auch ganz recht so. Schon länger spiele ich mit dem Gedanken, ihn loszuwerden. Mir geht es schließlich nicht um irgendwelche Zahlen oder die sportliche Anerkennung, sondern um das, was ich erlebe. Aber ich denke, es dürften bald um die 10 000 Kilometer sein."


War deine Route geplant oder Zufall?
"Außer dem ersten Ziel, der Türkei, hatte ich mir keine Route vorgenommen. Ich versuche, keine großen Pläne zu machen, aber ein bisschen muss ich das nun leider, denn mit dem Iran haben die Länder angefangen, für die ich ein Visum brauche."

 

Wie und wo wirst den Jahreswechsel verbringen?
"Ich gebe heute nicht mehr allzu viel auf solche Feierlichkeiten.Ich werde mich zu der Zeit wohl in der omanischen Wüste befinden und mich vom sternenerfüllten Nachthimmel bezaubern lassen."

 

Was hast du bisher Wichtiges über dich und das Leben gelernt?
"Seit ich im Iran unterwegs bin, sind mir zwei Dinge nochmals so richtig vor Augen geführt worden: Ein Land ist nicht seine Politik. Und: bilde dir kein Urteil über ein Land, das du noch nie an Leib und Seele erfahren hast. Die meisten Menschen, denen ich begegnet bin, halten recht wenig von ihren religiösen Führern. Auch wenn das Land zwischen dem Irak, Afghanistan und Pakistan liegt, ist hier von Terroristen weit und breit keine Spur. Dagegen treffe ich im ehemaligen Persien auf die gastfreundlichsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann und fühle mich so willkommen wie vielleicht in keinem Land zuvor."


Wie sehen deine Zukunftspläne aus?
"Es fällt mir nicht immer leicht, dennoch versuche ich mein Leben so wenig wie möglich zu planen, sondern viel mehr im Hier und Jetzt zu sein."

 

Hast du bereits Menschen getroffen, die auch so etwas machen?
"Hier und da bin ich auf Menschen gestoßen, die ebenfalls das Rad als Reisemittel gewählt haben. Ich lasse mich aber ungern in eine Schublade wie „Radreisender“ oder „Abenteurer“ stecken. Das wirft sofort einen Haufen Assoziationen auf, die oft nichts mit der jeweiligen Person zu tun haben. Jeder von ihnen, wie auch ich, hat seine ganz eigenen Beweggründe, wieso er mit dem Rad durch die Welt fährt. Eines hat mich diese Reise auf jeden Fall schon gelehrt: Jeder Mensch ist absolut einzigartig. Und solche Etiketten verzerren nur die Sicht auf den wahren, ganzen Menschen."

Samuel Tangl. Er fährt gerade mit dem Fahrrad nach IndienIn den Bergen Albanien
Samuel Tangl. Er fährt gerade mit dem Fahrrad nach IndienIn den Bergen Albanien