Kirchheim

Scheufelen startet neu mit Graspapier

Industrie Der Betrieb wird mit 100 Mitarbeitern wieder aufgenommen. Die Investoren setzen auf Bioökonomie. Minister Franz Untersteller hat sich für das Unternehmen eingesetzt. Von Anke Kirsammer

Scheufelen ist für Oberlenningen nicht nur weiterhin ortsbildprägend, die Firma bleibt auch der größte Arbeitgeber.Luftbild: Car
Scheufelen ist für Oberlenningen nicht nur weiterhin ortsbildprägend, die Firma bleibt auch der größte Arbeitgeber.Luftbild: Carsten Riedl

Die intensiven Bemühungen haben gefruchtet: Am Montag startet die neu gegründete Scheufelen GmbH in Oberlenningen mit 100 Mitarbeitern. „Wir wollen bescheiden anfangen“, erklärt Dr. Ulrich Scheufelen dazu. „Vielleicht können wir in der Zukunft ja wieder wachsen.“ Die 1855 gegründete Papierfabrik hatte Ende Januar einen Insolvenzantrag gestellt. Im April wurde die Produktion eingestellt. „Die Hoffnung, dass das Unternehmen fortgeführt wird, haben wir nie aufgegeben“, betont der Insolvenzverwalter Dr. Tibor Braun. „Insbesondere das Scheufelen-Graspapier und das Produktions-Know-how haben uns angespornt, alle Möglichkeiten für den Erhalt des Unternehmens auszuschöpfen.“

Mit dem aus aufgeschlossener Grasfaser und aus Zellstoff hergestellten Graspapier hatte das Unternehmen seit Mitte 2017 für eine kleine Revolution auf dem Papiermarkt gesorgt. Ein Ziel ist, sich unabhängiger von den weltweiten Zellstoffmärkten zu machen. Das Graspapier ist ein nachhaltiges und kostengünstiges Frischfaserpapier. Es punktet mit massiven Einsparungen beim Wasser-, Chemie- und Energiebedarf. „Der Wechsel weg vom Papier hin zur Verpackung, und das ganz ökologisch, überzeugt die Investoren“, so Ulrich Scheufelen. Verpackungen liefen insbesondere wegen des Onlinehandels sehr gut.

„Internationale Konsumgüterhersteller und vor allem Endkunden haben ihr großes Interesse an unserem Graspapier trotz der schwierigen Situation des Unternehmens unterstrichen“, betont der bisherige und künftige Geschäftsführer Stefan Radlmayr. Dr. Ulrich Scheufelen nennt konkret Interessenten wie Unilever, Rewe, Lidl, Aldi und Edeka. „Die großen Handelsketten wollen ihr Bioobst und ihr Biogemüse in Graskartons legen.“ Vorerst ist geplant, auf der Papiermaschine 5 in den nächsten zwölf Monaten insgesamt 34 000 Tonnen Graskarton herzustellen. „Wenn es sehr gut läuft, haben wir auf dieser und anderen Maschinen noch Kapazitäten.“

Auch Tibor Braun sieht die 100 Mitarbeiter als Keimzelle für neue Arbeitsplätze. Weitere 100, nicht übernommene, Beschäftigte wechseln für bis zu fünf Monate in eine Transfergesellschaft, die ebenfalls am Montag ihre Tätigkeit aufnimmt. Sie ermöglicht Fortbildungen und unterstützt die Betroffenen, damit sie im ersten Arbeitsmarkt wieder Fuß fassen können. 2017 waren bei der Papierfabrik Scheufelen noch 340 Mitarbeiter beschäftigt. Nach der vorübergehenden Betriebsstilllegung haben viele Mitarbeiter neue Arbeitsplätze gefunden. Zuletzt hatte das Unternehmen noch 264 Mitarbeiter.

Das Konzept der Investoren sieht vor, neben dem Graspapier Produkte aus Premiumpapier zu produzieren und weiterzuentwickeln. Gesetzt wird insbesondere auf den hochweißen Verpackungskarton Phoenolux. Der Packaging Campus Lenningen in Kooperation mit der Hochschule der Medien in Stuttgart und weitere Partner begleiten die Entwicklung und Markteinführung der Produkte. Bilderdruckpapiere gibt es künftig nicht mehr aus dem Lenninger Tal. Sie waren der Grund für die Insolvenz. Stefan Radlmayr ist sicher, dass dank des Neustarts des Unternehmens ein Leuchtturmprojekt für den Bioökonomiegedanken entstehen kann, der auch im Koalitionsvertrag der Landesregierung verankert ist. Großes Lob zollt Ulrich Scheufelen dem baden-württembergischen Umweltministerium und insbesondere dem grünen Umweltminister Franz Untersteller. „Er hat entscheidend bei der Investorensuche geholfen.“

Das Investorenkonsortium von Scheufelen

Wermuth Asset Management (WAM), Berlin investiert insbesondere in ressourceneffiziente Unternehmen.

Nordia Invest, Hamburg ist eine Investmentgesellschaft. Sie beteiligt sich an Firmen, die restrukturiert werden und legt den Fokus dabei vorwiegend auf Unternehmen beziehungsweise Branchen, die nachhaltige Erfolgsaussichten versprechen.

Scheufelen Equity Partners, Lenningen ist eine Holding der schwäbischen Unternehmerfamilien Schaeff und Scheufelen für nachhaltige Investitionen im Zellstoff-und-Papier-Bereich.pm

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