Lokale Kultur

Schwäbischer Provinzler und Weltgeist

Thaddäus Trolls Sekretärin Eleonore Lindenberg zu Gast beim Bissinger Abendforum

Bissingen. Thaddäus Troll – dieser Name ist unzertrennlich verbunden mit „Deutschland deine Schwaben“. 1967 ist unter diesem Titel ein Buch

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Ulrich Staehle

erschienen, das in unzähligen Auflagen eine explosionsartige Verbreitung fand. Es hebt sich durch seinen philosophischen Hintergrund und seine Differenziertheit von anderen Folklorebüchern ab.

Wer war dieser Thaddäus Troll? Diese Frage beantwortete auf Einladung des Bissinger Abendforums die langjährige Sekretärin des Autors, Eleonore Lindenberg. Sie ist Sachwalterin des Nachlasses und reist im Jahr seines hundertsten Geburtstages durch die Lande, um unter dem Motto „Deutschland dein Schwabe“ das Andenken an diesen Autoren wachzuhalten. Deshalb widmete sie den Großteil ihrer Ausführungen der Person und dem Werk des Jubilars, und weniger, wie man vermuten könnte, den persönlichen Erfahrungen einer immerhin 14-jährigen Zusammenarbeit.

Ausführlich ging die Referentin auf die Biografie Thaddäus Trolls ein. Hans Bayer, so war sein bürgerlicher Name, wuchs in der Cannstatter Marktstraße als Sohn eines Seifensieders auf. Sein verständnisvoller Vater förderte die Begabungen des Sohnes. So konnte dieser ein Volontariat bei der Cannstatter Zeitung antreten und danach an verschiedenen Universitäten Germanistik, Kunstgeschichte, vergleichende Literaturwissenschaft sowie Theater- und Zeitungswissenschaft studieren. 1938 promovierte er in Leipzig mit einem Pressethema.

Erstaunlich ist, dass Hans Bayer Mitglied einer schlagenden Verbindung war und im Krieg einer Propagandakompanie an der Ostfront angehörte. Eleonore Lindenberg war es ein Anliegen, ihren Arbeitgeber zu entlasten: Wie eine Ausstellung in Marbach belegt, konnte Bayer nicht anders als „angepasst“ berichten. Dass er ein Menschenfreund war, zeigt sich darin, dass er viele Flüchtlinge vor einem schlimmeren Schicksal bewahrt hat.

Nach dem Krieg war er Mitarbeiter des „Spiegels“. Die journalistische Pflichtarbeit füllte ihn nicht aus, er gründete eine Satirezeitschrift und einen „Tisch der Dreizehn“, eine literarische Runde mit Persönlichkeiten verschiedener Herkunft. Von 1948 an arbeitete er auch als freier Schriftsteller. Er legte sich für diese Sparte den Künstlernamen „Thaddäus Troll“ zu, um so „in alphabetisch geordneten Bücherschränken links neben Tucholsky zu stehen“. Tucholsky war sein großes Vorbild, leider auch, was sein schlimmes Ende betrifft.

Thaddäus Troll nahm aktiv am gesellschaftlichen Leben teil. Er war Rundfunkrat, führend im Schriftstellerverband und im P.E.N.-Zentrum der Bundesrepublik Deutschland. Ohne Parteimitglied zu sein, unterstützte er von 1972 an die „Sozialdemokratische Wählerinitiative“ mit dem Frontmann Günter Grass.

1980 nahm sich Thaddäus Troll, der an schweren Depressionen litt, das Leben. Unfassbar, dass ein erfolgreicher und mit so viel Humor ausgestatteter Autor so endet. Er verfügte, dass bei seiner Beerdigung ein selbst verfasster Nachruf verlesen wird und die Trauergäste mit Maultaschen und Trollinger bewirtet werden.

An die Biografie schloss sich ein Überblick über das facettenreiche Werk Trolls an. Außer seinem Schwabenbuch ragt die schwäbische Version von Molières „Geizigem“, der „Enta­klemmer“, und das aus dem Englischen ins Schwäbische übersetzte Aufklärungsbuch „Wo kommet denn dia kloine Kender her?“ heraus. Beide Produktionen waren sehr erfolgreich, erzeugten aber auch Anfeindungen, unter denen der sensible Autor litt.

Schließlich kam die Referentin auf sich und ihre Zusammenarbeit mit ihm zu sprechen. Als Zugereiste hatte sie auf Jobsuche eine Kleinanzeige aufgegeben. Unter vielen antwortete Hans Bayer. Eleonore Lindenberg schüttete ein ganzes Füllhorn an positiven Adjektiven über ihren Arbeitgeber aus. Es war für sie ein Traumjob, und sie war, auch aufgrund ihrer schwäbischen Sprachprägung, mittendrin in der literarischen Produktion und mittendrin in der literarischen und der politischen Prominenz, die sich auch ab und zu im Haus in Hinterrohrbach traf, um Trolls Spezialitäten zu genießen. Er war passionierter Koch und verfasste sogar Kochbücher.

Beeindruckend war eine mitgebrachte Manuskriptkopie. Der Text ist gespickt mit Korrekturen Trolls. Er hat die Texte nicht „rausgehauen“, sondern war ein akribischer, selbstkritischer Arbeiter.

Eleonore Lindenberg hat mit ihren überaus detailreichen Ausführungen und in der anschließenden regen, von Gastgeberin Gabi Goebel geleiteten Diskussion glaubhaft gemacht, dass das Erbe Thaddäus Trolls bewahrt werden muss. Speziell die Schwaben sind dazu aufgerufen, damit das Schwabentum nicht der „Mäulesmühle“ anheimfällt, über die „Thaddäus Troll entsetzt gewesen wäre“. Immerhin gibt es schon hoffnungsvolle Zeichen in Form von Ausstellungen, Denkmälern, Gedenktafeln und literarischen Preisen, die an ihn erinnern.