Lokale Kultur

Sensible Klänge und musikalische Untiefen

Die „Stuttgarter Choristen“ gastierten in der Dettinger Sankt Georgskirche

Dettingen. Welch ein Programm: Franz Liszts Zuhörer wie Ausführende wohl gleichermaßen beanspruchendes Spätwerk „Missa Choralis“ im Rahmen bunter Advents- und

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Weihnachtslieder sowie eine Einleitung aus vier Motetten Felix Mendelssohn Bartholdys. Dazwischen als „Zwischenaktmusik“ eine galante Triosonate von Gaspard Fritz für zwei Flauto dolce und Hammerklavier. Wäre die Sankt Georgskirche in Dettingen nicht so schillernd und kreativ ausgeleuchtet gewesen, man hätte sich bei der Suche nach einem inneren Zusammenhang des Dargebotenen wohl im Dunkel verirrt.

So zeigten sich die Kontraste der Abendmusik mit den „Stuttgarter Choristen“ wohl eher als Strauß bunter Chor- und Kammermusikwerke, die insbesondere durch die genialen Improvisationsbrücken von Ernst Leuze an der Orgel kreativ zusammengehalten wurden. Natürlich haben andererseits „Brüche“ die positive Wirkung, das Besondere zu schärfen und zu profilieren. Insofern wirkte das kirchenmusikalische Reformwerk Franz Liszts, das ursprünglich bewusst als Verneinung des „galanten Stils“ verstanden werden sollte, umso prägnanter, als direkt vorher die seufzenden Altblockflöten im Zusammenspiel mit dem intimen Klang des Hammerklaviers genau diese Musik sehr eindrücklich vorführten.

Und man musste wirklich genau hinhören. Das hingebungsvoll aufs musikalische Detail achtende Duo Ingrid Gräbner und Martin Hermann drängte sich den Ohren nicht auf. Es war ein stimmiger Schachzug, als Begleitinstrument das Hammerklavier zu wählen, das aus dem vorderen rechten Winkel der Sankt Georgskirche unter den Händen von Ernst Leuze zart und verbindend wie eine Äolsharfe klang. Insbesondere der getragene Andante-Satz im Stil eines Sicilianos schien eine letzte sinnliche Raststätte zu bieten, bevor das unübersichtliche Terrain der Liszt-Messe eine halbe Stunde lang eher den Geist als das Herz forderte und jegliche Adventssentimentalität jäh verpuffen ließ.

Vielleicht wehte lediglich beim pastoralen „Et in Spiritum Sanctum“ noch ein Rest von Kerzenduft durch den Raum. Oder bei den zwei traumhaft gesungenen Engelsstimmen, die anrührend das „Osanna“ verklingen ließen. Überhaupt zeigte sich bei diesem Konzert ganz deutlich, wie sehr der Anlass und die Raumatmosphäre die aufgeführten Werke interpretierten. Die eigentlich die Wüstenwanderung des Propheten Elias begleitenden Engel in der Motette „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir“ von Felix Mendelssohn Bartholdy bekamen zu Anfang dieser adventlichen Abendmusik eine ähnlich neue Bedeutung wie das „Gehet zu seinen Toren ein“ aus dem Standard-Programmpunkt eines jeden A-capella-Konzerts „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“.

Chorleiter Edgar Hykel gestaltete diese klassizistischen Psalmvertonungen eher vokalbetont und breit, während die Liszt-Messe nach der Fritz-Sonate beinahe protestantisch-barock skandiert wurde. Verkehrte Welt. Denn gerade dieses in Rom im Zuge einer zutiefst spirituell-religiösen Phase des Komponisten entstandene Werk lebt von dem Charme einer hintergründigen Weihrauchatmosphäre, wie sie in den römischen Basiliken anzutreffen ist. In Dettingen dagegen lag natürlich jeder Ton schonungslos auf dem Präsentierteller. Es ist dem Vermögen und der ungeheuren Konzentration der „Choristen“ anzurechnen, dass der enorme Spannungsbogen, den dieses Werk erfordert, gelang. Insbesondere die feine Rhythmik im „Sanctus“ oder die percussiven Diskantstimmen im „Kyrie“ waren Maßarbeit mit mathematischer Präzision. Als schließlich das donnernde „Amen“ in den musikalisch gemütlicheren Teil in Form bekannter Advents- und Weihnachtslieder von „Macht hoch die Tür“ bis „Kommet, ihr Hirten“ überleitete, war die Erleichterung im Publikum förmlich mit Händen zu greifen. Auch hier verbanden Ernst Leuzes lautmalerische Interludien fürsorglich und sensibel die „Dornen“ des „Marianischen Dornwalds“ mit der „entsprungenen Rose“. Die Mendelssohnschen „Engel“ schließlich bereiteten dann als wiederholtes Zugabestück ein endgültiges und wohliges Nachhause-Kommen für die zahlreichen Dettinger Konzertbesucher. Waren die Untiefen des Programms am Ende vielleicht doch gar nicht so ernst gemeint?