Kirchheim

Spielleute schließen das Jubiläum ab

Reformation Zum Ende des Gedenkjahrs „500 Jahre Thesenanschlag“ kommt Martin Luther in der Kirchheimer Thomaskirche persönlich zu Wort. Von Andreas Volz

„Luther minimal“ in der Thomaskirche - mit Paul, Dorothea und Thomas Frank (von links).Foto: Carsten Riedl
„Luther minimal“ in der Thomaskirche - mit Paul, Dorothea und Thomas Frank (von links).Foto: Carsten Riedl

Ein feste Burg ist unser Gott: Dieses Luther-Lied war die Klammer beim Kirchheimer Reformationsgedenken am Dienstag. Vor Beginn des zentralen Gottesdiensts in der Martinskirche schmetterte der CVJM-Posaunenchor den Choral vom Kirchturm der einstigen Wehrkirche. Am Schluss des biographisch-literarischen Lutherabends in der Thomaskirche ertönte das Lied ein weiteres Mal - gesungen zu mittelalterlich anmutender Spielmannsbegleitung.

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Bei näherem Hinsehen erweist sich die „feste Burg“ gar nicht als so martialisch, wie man gemeinhin denkt. Das Lied weist noch viele weitere Facetten des standfesten Glaubenskämpfers Martin Luther auf. „Mit unsrer Macht ist nichts getan“: Das deutet auf seine zentrale Aussage hin, dass weder Ablass noch gute Werke zur Erlösung führen, sondern allein die Gnade, allein der Glaube und allein die Schrift. „Und wenn die Welt voll Teufel wär“: Das verweist auf die mittelalterliche Welt am Beginn der Neuzeit, die eben Luthers Welt war - mit ganz realer Angst vor Teufeln und Dämonen. „Das Wort sie sollen lassen stahn“: Dieses „Wort“ ist das Wort Gottes das für Luther über allem anderen stand: „sola scriptura“.

Alle diese Facetten haben Dorothea und Thomas Frank als Spielleute und Sänger sowie Paul Frank als „Martin Luther“ in ihrem Programm „Luther minimal“ fein herausgearbeitet. Saiteninstrumente, Flöten, Schellen, Gesang: Das alles hätte so auch schon 1517 in Wittenberg ertönen können. Zumindest entsprach es allen gängigen Vorstellungen über das Gauklertreiben auf den Marktplätzen.

Auch andere gängige Vorstellungen wurden bedient: Wenn zu Beginn eines Lutherabends Regen und Donner zu hören sind, muss der Sprecher gar nicht erzählen, worum es geht. In Todesangst gelobt Luther, ins Kloster zu gehen, auch wenn ihm sein Vater vorhält: „Du wirfst alles weg und willst die Zeit mit ein bisschen Fasten und ein bisschen Beten totschlagen.“

Weit mehr als ein bisschen Beten

Luther aber nimmt den Job so ernst, dass es sogar seinem Beichtvater zu viel wird. Er martert sich und ist sich nie sicher, ob die Angst vor Gott nicht vielleicht doch größer ist als die Angst vor dem Teufel. Schließlich stößt er im Römerbrief auf das entscheidende Stichwort: „Gnade“. Er erkennt, dass der Gekreuzigte nicht strafender Richter ist, sondern erlösender Heiland, und bekennt: „Das hat mir die Pforten des Paradieses erschlossen.“

Die Welt von damals lässt sich kaum mit den heutigen Augen sehen oder mit dem heutigen Verstand begreifen. Luthers Ängste erscheinen so fremd wie der Ablasshandel, gegen den er mit seinen Thesen zu Felde zieht. „Eigentlich wollte ich nur zur Diskussion aufrufen. Aber dann wurden meine lateinischen Sätze auf Deutsch gedruckt, und innerhalb von 14 Tagen konnte man sie überall in Deutschland lesen.“

Der Druck der Thesen war sicher wirkungsvoller als ihr möglicher Anschlag ans Portal der Wittenberger Schlosskirche. Die restliche Geschichte verläuft - aus der Rückschau betrachtet - folgerichtig: Reichstag zu Worms, Flucht auf die Wartburg, Übersetzung des Neuen Testaments als Junker Jörg, Kampf gegen die Aufwiegler um Thomas Müntzer, die die radikal neue Glaubensfreiheit auch mit radikaler politischer Freiheit gleichsetzen wollen, und schließlich die Heirat 1525. Das Publikum freut sich besonders über diesen Punkt der Lebensbeichte: „Ich war vom Gelübde der Ehelosigkeit befreit. Trotzdem wollte ich dieser Entscheidung treu bleiben. Aber später hat mich der Herr unerwartet in den Ehestand gerufen.“

Luther erzählt sogar vom eigenen Tod 1546, vom anschließenden Schmalkaldischen Krieg und vom Augsburger Religionsfrieden 1555. Was bleibt? Die Verbindung von Wort und Musik, auf die sich Luther ebenfalls bezieht: „Die Gottesdienste sollten lebendiger werden. Ich wollte, dass sich das Volk einbringen kann. Deswegen habe ich Lieder in deutscher Sprache verfasst.“ Dieser Aspekt kam am Vormittag - beim Gottesdienst in der Martinskirche - leider viel zu kurz. Insofern wurde der Reformationstag in Kirchheim dem Reformator zwar gerecht, seiner Theologie und seinem Leben, bis hin zu Wurst und Bier. Aber er selbst hätte auszusetzen gehabt, dass zu wenig gemeinsam gesungen wurde.

Text und Melodie sind häufig austauschbar

In einem Potpourri stellten Dorothea und Thomas Frank gleich eine ganze Reihe von „Luther-Schlagern“ an einem Stück vor. Dabei zeigte sich erst, wie oft Luther im Aufgesang seiner Strophen einen vierfüßigen Jambus verwendet. So lassen sich fast alle ersten Zeilen auf fast alle bekannten Melodien singen: Beliebig austauschbar sind folglich „Ein feste Burg ist unser Gott“, „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, „Sie ist mir lieb, die werte Magd“, „Es wolle Gott uns gnädig sein“, „Christ, unser Herr, zum Jordan kam“ oder „Des sollt ihr alle fröhlich sein“.

Die Gegenseite verfügte über dasselbe Arsenal an Versmaßen. So lässt sich also auch folgender Spruch auf Luther-Melodien singen: „Als Adam grub und Eva spann, / Wo war denn da der Edelmann?“ Das gilt auch noch für das End vom Lied in „Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“, das den Bauernkrieg schildern soll: „Geschlagen ziehen wir nach Haus.“vol